Reise nach Jerusalem
Glaubenssache
Nun sag, wie hast du‘s mit der Religion?“ Goethes Gretchenfrage stellt sich derzeit in der Ausstellung „Reise nach Jerusalem“ des Kunstraums Kreuzberg. Kurator und Kunstraumleiter Stéphane Bauer hat zehn meist jüngere Künstler eingeladen, die sich in ihrem Schaffen mit Glauben und Tradition auseinandersetzen. Sie alle leben in Berlin und haben ganz unterschiedliche Hintergründe. Trudy Dahan wurde in Israel geboren und kam für ihr Kunststudium nach Berlin. Dahan zeigt narrative Fotografien sowie Filme mit Ausschnitten aus Spielfilmen und Episoden, die sie selbst spielt. Darin untersucht sie das Spannungsfeld zwischen dem Leben von Frauen und Erwartungen von Gesellschaften. Auch die Israelin Zohar Fraiman thematisiert die Rolle der Frau: Sie malt häusliche Szenen voller Gewalt, Unterdrückung und Perspektivlosigkeit. Die Unschärfe ihrer Ölmalereien macht die Szenen nicht weniger grauenvoll.
Christliche Werte und Rituale hinterfragt der US-Amerikaner Stevie Hanley, der aus einer mormonischen Familie stammt. „The hands of God are a deep dark cave“ steht auf einem seiner düsteren Aquarelle geschrieben. Das Motiv der dunklen Höhle wiederholt sich in seinen Collagen. Statt Licht am Ende des Tunnels folgt bei Hanley immer wieder das schwarze Nichts. So offenbart der Künstler seine tiefe Enttäuschung über die Religion. Skurril und exotisch dagegen wirkt die Welt der strenggläubigen Juden, die der Fotograf Benyamin Reich porträtiert hat. Reich wuchs in einer jüdisch-orthodoxen Gemeinschaft auf und lässt in seinen Bildern die Spannung zwischen Tradition und Moderne, die er dort erfahren hat, spürbar werden.
Die Beantwortung der Gretchenfrage gelingt auf der „Reise nach Jerusalem“ vor allem deshalb, weil die Teilnehmer einen äußerst persönlichen Zugang zum Thema gewählt haben. Viele Arbeiten erlauben Einblicke in die Familien, in Träume und Zerrissenheiten der Urheber und zeigen mitunter interessante Verbindungen zwischen Orten, Kulturen und Religionen. Doch es fällt nicht leicht, die einzelnen Ansichten zu einem großen Ganzen zusammenzudenken, besonders, wenn der Betrachter nicht bibel-, thora- und koranfest ist.
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