Contra
Vor den Latz geknallt
Noch nie hat eine Berlin Biennale für so viel Aufruhr gesorgt wie diese. Das Fahndungsplakat des Zentrums für Politische Schönheit hängt im Hof der Kunst-Werke, hoch oben am Bürotrakt. Die gezeichneten Porträts zeigen Mitglieder der Familie von Braunbehrens, Mitinhaber der Firma Krauss-Maffei Wegmann, die die umstrittenen Leopards nach Saudi-Arabien liefern will. Das Plakat  fordert dazu auf, „Informationen, die zur Verurteilung dieser Menschen führen“ zu liefern, Hinweise auf Steuerhinterziehung oder ähnliches, mit denen die Mitinhaber vor Gericht gebracht werden können, denn  der geplante Panzerdeal selbst ist legal. Die Aktion des Zentrums für Politische Schönheit, einem Zusammenschluss von Künstlern, Politologen und Philosophen, sorgte für Medienecho, Burkhart von Braunbehrens äußerte sich im ZDF zu den Vorwürfen, der Gesellschafterkreis soll ihn daraufhin ausgeschlossen haben. Doch wer die Mediendebatte verpasst hat, versteht das Plakat nicht. Es fehlt die Anmoderation, und das ist das Kernproblem der 7. Berlin Biennale (bb7): Sie vermittelt weder ihre Aktio­nen angemessen noch sich selbst. Und das ist schade. Artur Zmijewski und Joanna Warsza, die später hinzugekommene Co-Kuratorin, haben viel risikiert. Sie wollten wissen, ob Kunst unmittelbare politische Folgen haben kann,  haben Vorhaben mit ungewissem Ausgang wie die Aktion des Zentrums für Politische Schönheit eingeladen. Sie haben das Leben in die Kunst geholt und die Kunst hinaus ins Leben geschickt. Sie wollten beweisen, dass Kunst etwas anderes kann, als Stadtmarketing, Kunstmarkt und Eskapismus zu bedienen. Sie wollten die Routine der Kunstwelt mit all den Kuratorenkarrieren und Auktionsrekorden unterbrechen. Respekt dafür. Doch noch nie war eine Berlin Biennale so unfreundlich zu den Besuchern wie diese. Wer den Überblick behalten wollte, musste zweitägige Kongresse besuchen, Aktionen bis nach Minsk folgen oder ständig Internet­seiten lesen. Zuviel für das ohnehin von Multitasking erschöpfte Subjekt. Und noch nie trat der Kurator einer Berlin Biennale so autoritär auf wie Artur Zmijewski. Vor den Latz geknallt hat er dem Publikum die Ausstellung, im Zorn, ohne Höflichkeitsfloskeln und ästhetische Konventionen. Nada Prlja, die die umstrittene „Peace Wall“ in der Friedrichstraße errichtete, ließ die empörten Anwohner lang allein mit dem aggressiven Bauwerk. Noch nie wurde eine Berlin Biennale so gehasst, noch nie fand sie so verächtliche Kritiken. Wer in den Wald brüllt, dem brüllt es auch entgegen. Auf der Strecke bleiben die Ergebnisse der bb7. Trotzdem wird diese Biennale im Gedächtnis bleiben. Im besseren Fall, weil sie eine Alternative gewagt und tatsächlich Politik gemacht hat. Im schlechteren Fall, weil sie mit viel Furor nur ein Stürmchen im Wasserglas entfacht hat. Noch während Zmijewski und Warsza mit den 2,5 Millionen Euro Fördergeld für die bb7 wirtschafteten, ging für 20 Millionen Euro auf der Basel-Messe mal eben ein einziges Bild von Gerhard Richter über den Ladentisch.

Pro
Engagement und gezielte Kritik
Die Veranstaltung fand im Rahmen der meist gut besuchten Autonomen Universität des Occupy-Camps in den Kunst-Werken statt, in der Haupthalle, die während der 7. Berlin Biennale (bb7) von Occupy-Gruppen genutzt wird. Dort also, wo viele Kritiker der Biennale nichts anderes sehen als einen „menschlichen Zoo“. Es ging um Fukushima und die Folgen. „Wenn Kunst sich solchen Realitäten nicht mehr stellt, dann ist sie tot“, sagte ein Teilnehmer der Diskussion. Und weiter: „Solche Realität lässt sich aber nicht mit bunten Bildern reflektieren, das wäre zynisch, sondern nur in Diskussionen wie unserer“. Recht hatte er und genau darum besteht die bb7 zu 70 Prozent aus dem, was man eigentlich als „diskursives Begleitprogramm“ bezeichnet. Der Realität nämlich will sich diese Biennale stellen und nicht den Anforderungen eines Kunstsystems, das diese Zumutung in selbstreferentieller und erfolgsverwöhnter Betriebsamkeit beinahe ad acta gelegt hat. Also verweigert sich die bb7 dessen vermeintlich„ästhetischen Anforderungen: Sie stellt statt individueller Künstlerstars vor allem aktivistische Kollektive vor, Bewegungen, die in der „Szene“ sonst keine Rolle spielen, sondern von ihr als „Polit-Kitsch“ abgetan werden. Zudem zeigt die bb7 in ihrem Ausstellungsteil kaum verkaufbare, materielle Werke, sondern vor allem dokumentierte Aktionen und engagierte Prozesse. Und sie holte, wenn schon Künstler, dann „Hobby-Maler“ mit ins Boot, wie in dem „Draftman‘s Congress“ in der St. Elisabeth-Kirche in Berlin-Mitte. Diese ansonsten im offiziellen Kunstbetrieb „Anteillosen“ werden von der professionellen Kritik übersehen oder gar als „Parolenpinseler“ beschimpft. In einer Kirche, also außerhalb des artigen White Cubes, versucht dieser „Anteil der Anteillosen“ (wie der Philosoph Jacques Rancière ihn nennt) politischer Kritik Ausdruck zu geben. Warum sollte das irgendjemanden in der sonst mehr oder weniger glamourösen Event-Kunstkultur interessieren? Und dennoch: Diese Form der Anti-Kunst gehört längst zum Kanon der Kunst. Quasi doppelt codiert gibt sich die bb7: Sie ist  verwurzelt in der Kunstgeschichte mit dem klassenkämpferischen Situationismus und der Konzeptkunst – und in alternativ-kritischer Politik zugleich. Dass sie dabei auf den aktiv mitmachenden Teilnehmer setzt und nicht auf den bloß brav rezipierenden Betrachter: Das lässt auch Ausstellungen wie die sicherlich klug kuratierte aktuelle Documenta alt aussehen. An den verbleibenden Tagen der Biennale geht diese „basisdemokratische“ Aktivierung so weit, dass die Kuratoren von der Occupy-Bewegung zugunsten partizipatorischer, horizontaler Entscheidungsstrukturen entmachtet wurden. Weiter so!