Tagestipp

Der "Theaterabend schlechthin" soll es werden. Nichts Geringeres strebt René Pollesch mit seinem neuesten theatralen Erzeugnis an. Es wird darin keinen Anfang und kein Ende geben, vor allem aber keine Meinungen. Würde der Abend nämlich eine Meinung vertreten, "dann wäre er nur ein Theaterabend unter vielen". Das ist einmal Meinungsfreiheit ganz anders interpretiert. Dass dieser Abend tatsächlich ein besonderer Abend werden könnte, liegt aber auch daran, dass seit langer Zeit mal wieder Martin Wuttke in einer Volksbühnenpremiere zu sehen ist. Eintritt 10-25, erm. 6-12,50 Euro.

zitty-Kritik 03/2011

Die witzige Ausgangslage ist altbekannt, aber vielleicht denkt sich René Pollesch, es gibt auch Leute, die sie noch nicht kennen. Also taucht oder vielmehr taut hier – frei nach Woody Allens Science-Fiction-Satire „Der Schläfer“ – ein Protagonist aus dem 19. Jahrhundert aus einem schockgefrosteten Schlaf auf und wundert sich über die Theaterwelt und die gängige -praxis, die Rolle des Körpers etwa oder die Funktion der „vierten Wand“, über was man sich eben so wundert, wenn man auf einer Bühne aufgetaut wird.
Schon oft konnte man feststellen, dass sich das Selbstreferentielle von Polleschs theorieüberfrachteten Diskursen im Kreis dreht, Chor- und Slapstickeinlagen täuschen höchstens darüber hinweg. Ein hübscher Gag ist es dennoch, wenn Bühnenbildner Bert Neumann die virtuelle vierte Wand, die die Darsteller vom Publikum trennt, in eine konkrete verwandelt und sich den drei Wänden des Zuschauerraums nun frontal eine Vierte nahtlos anschließt. Schön ist es auch, Martin Wuttke endlich wieder an der Volksbühne zu sehen, auch wenn seiner Ich-schüttele-das-alles-problemlos-aus-dem-Ärmel-Spielweise mittlerweile etwas Manieristisches anhaftet. Highlight des um alles und nichts kreisenden, einstündigen Abends ist die Fassbinder-Schauspielerin Margit Carstensen. Die legt eine so betörende Zärtlichkeit an den Tag, dass für Momente doch so etwas wie Bühnenzauber entsteht.
Tobias Schwartz