yup, that‘s three E‘s: Sind Seeed die Botschafter Berlins?
San Francisco an einem sonnigen Sonntag im September. „Dickes B“ auf den Kopfhörern, die Bläser beschleunigen den Schritt, Zeilenfetzen zwischen Häuserfassaden, „On the Dancefloor“, grün der Golden Gate Park, „nicht allzu sehr um Taler und Moneten“, ein leichter Nebel weht vorbei an Holzhäusern, „hier und da ‘n Track“, die Sonne ist jetzt verschwunden, „aber dafür ‘n konkreten“.
Ein Experiment: Was sind Seeed, die gerade ihr neues Album veröffentlichen, das selbstbewusst „Seeed“ heißt, hier in der Fremde wert? In Kalifornien,wo ich ein paar Monate bei der „Oakland Tribune“ arbeite, im Neukölln San Franciscos, wie Oakland irgendjemand genannt hat, bevor ich geflogen bin. Sind Seeed Botschafter Berlins? Und wenn ja: Welche Botschaft von Berlin senden sie?
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Berlin ist die Stadt von Rammstein und von Die Ärzte, von BossHoss und Bushido. Rammstein füllen in den USA mit ihrem Spektakel große Arenen, Die Ärzte eher die Festplatten von deutschen Austauschstudenten. Wenn man hier mit jemandem ins Gespräch kommt, dann sagt der: Germany, oh, Germany! Heavy Metal! Ja, ja, ich komme aus einem Metal-Land, wenn ihr meint, aber in der Hauptstadt spielt ganz andere Musik.
Seeed sind lässig wie Berliner Jogginghosen, multikulti wie der 1. Mai am Kotti, dancegeil wie die Schlangen vorm Watergate. Im kalifornischen Nebel kommt mir Berlin plötzlich auch ganz grau vor. Weiß-grau wie der Grasnebel im Festsaal Kreuzberg, mausgrau wie die alten Ostfassaden, betongrau wie Hauptbahnhof, Gesundbrunnen, Südkreuz. Angenehm grau. Ich sehne mich nach diesem herbstheimeligen Grau, während ich Seeed höre, obwohl hier eigentlich alles mehr als gut ist. Seltsames Gefühl.
Doch was für ein Berlin sehen Kalifornier in Seeed-Stücken? Man muss wohl Kalifornier fragen, die sich mit dem Etwas-in-etwas-sehen ein bisschen auskennen. Derek Opperman ist 28 Jahre alt, er ist in der Surferstadt Santa Cruz aufgewachsen und schreibt jetzt für das Magazin „San Francisco Weekly“ über Musik und das Nachtleben. Man könnte das „SF Weekly“ als eine Art zitty von San Francisco bezeichnen.
Über die Berlin-Hymne „Dickes B“ sagt Derek Opperman: „Der Song bringt ziemlich gut auf den Punkt, warum gerade jeder nach Berlin will.“ Das Berliner Nachtleben, erzählt er, habe ihn überhaupt erst zum Feiern gebracht. Sein erster Clubbesuch: Berlin, Tresor, 2002. „Mind-blowing.“ So eine Art von „partying“ gebe es in den USA gar nicht. „Dafür sind wir viel zu puritanisch.“
Der Flow von Seeed gefällt ihm, sagt Opperman. „Es ist schon seltsam, Deutsch in Verbindung mit jamaikanischem Dancehall zu hören, aber das funktioniert erstaunlich gut. Ich weiß gar nicht, ob es eine historische Erklärung dafür gibt, dass Deutsche so gute jamaikanische Musik machen. Es gibt ja auch das Rhythm and Sound Project, das ist aus Deutschland und einer meiner absoluten Favoriten in Sachen Reggae.“
Aber hat sich hier schon mal jemand mit Seeed beschäftigt, ohne dass ich ihn danach gefragt hätte. Ein Kritiker? Ich durchsuche die Archive kalifornischer Zeitungen. Und tatsächlich: Beiläufig erwähnt ein gewisser Patrick Varine die Berliner Helden („yup, that‘s three E‘s“) im Februar 2009 in einer Rezension der italienischen Reggae-Band Franziska sogar als Referenzband, die es versteht Roots Reggae und Dancehall zu mischen. Er spricht von Berliner „Rockern“. Noch besser: Der Musiker der kalifornischen Ska-Band Mad Caddies erzählt im Interview, er habe Seeed in Berlin gesehen: „Just amazing, dein ganzer Körper flippt aus.“ Seeed stehen also hier nicht nur für Stewardship for Equity, Equal Employment and Diversity und werden offenbar nicht nur vom Gleichstellungsbeauftragten der Universität gehört.
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Manchmal, wenn ich mit Seeed im Kopf durch die Straßen von San Francisco laufe oder an einem Bahnsteig in Oakland stehe, ist Berlin gar nicht mehr weit. Ein nach Gras duftender Nebel, und über Lautsprecher kommt der Hinweis, dass Fahrräder nicht in den ersten Wagen dürfen. Seeed singen Sensimilla, „let me be your spliff therapist“. Das Gras weht weiter. Junge Leute mit iPods nicken im Takt. Manche rappen mit, sehr laut und genauso wütend wie die Jungs in Neukölln. Alles fließt ineinander: Berlin Hermannplatz, Downtown Oakland, Kalifornien, Brandenburg. Weltmusik. In der Sonne, auf dem Bahnsteig wird alles eins, manchmal zumindest. „Everything is beautiful.“ Gerade ist die neue Seeed-Single erschienen.
Findet Derek Opperman nicht so gut. Viel zu süßer Pop. Aber er will jetzt trotzdem nach Berlin für ein Jahr. Partystadt. Seeed-Stadt. Er hofft, er kriegt ein Visum.
Schon 2001 beantworteten Seeed die gar nicht gestellte Frage nach ihrem weltweiten Bekanntheitsgrad: „In Berlin hört jede Queen Seeed, aber Frau Müller weiß, in New York sind wir dicker als Jigga, Seeed in Paris, in New Orleans und Manila, wegen Seeed sagte Kennedy: Ich bin ein Berliner.“ Ja, gut, Berlin ist manchmal sehr stulle. Und Seeed sind sehr Berlin. Coolnessmäßig platzen beide aus allen Nähten. Ähnlich wie San Francisco. Ob man gerade im Mission District oder in Neukölln in einem Café sitzt, ist schwer zu unterscheiden. Farblich seltsame, unabgestimmte Röhrenjeans mit Hochwassererfahrung.
Seeed, sagt Spike, würden ihn an Snow erinnern. Weißt du noch, dieser Typ aus den 90ern? Spike heißt eigentlich Steve Spiker. Er ist ein Australier, der gerade in die USA eingebürgert wird, verheiratet mit einer Amerikanerin deutscher Abstammung, die er in Holland kennengelernt hat. Multikulti und musikerfahren genug, um Seeed auf ihre Internationalität hin zu prüfen. Snow? Der ist in meinem Musikgedächtnis in der Nähe von Ace of Base abgespeichert. Bei Mittelstufenparty, Schulaula, a licky boom boom down.
Worin Spike die Gemeinsamkeit sieht: Weiße, die Musik machen, die ihre Wurzeln in der schwarzen Community hat. „Harter Job“, sagt er. Aber den machen sie gut, sind ja auch nicht nur Weiße. „Lustige Crew“, findet Spike, nähmen sich selbst nicht allzu ernst. „Ich würde dazu tanzen“, sagt er. „Aber ich bin auch mit einem Musikmix aus Europop, Rock, Techno aufgewachsen, ich bin anpassungsfähig.“ Wäre Spike eine Ratingagentur, dann stünden Seeed, was ihre Credibility angeht, wohl ungefähr zwischen A und BBB, Polen und Italien. Also insgesamt ziemlich gut da.
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