Frau Rois, Sie sind seit 1993 als Schauspielerin an der Volksbühne und ihr durch alle Höhen und Tiefen treu geblieben. Wie wichtig ist Ihnen Treue?
Was heißt treu geblieben? Das hatte doch gute Gründe, warum ich hier bin, und die von Ihnen genannten Tiefen waren für mich gar nicht so tief. Ich habe gerade in den vergangenen Jahren angefangen, mit René Pollesch die wichtigeren Sachen zu entwickeln. Für mich sieht es eigentlich ganz munter aus.

Weil Sie die verrissenen Produktionen nichts angehen?

Es ist nicht das Problem eines Schauspielers, wenn eine Inszenierung als schlecht kritisiert wird. Viel schlimmer ist es, wenn man sich in einer Inszenierung selbst nicht zurechtfindet oder denkt: Was ist das für ein langweiliger Quatsch, in dem ich da mitspiele? Oder man denkt: Was wird hier für ein Menschenbild verhökert, da will ich gar nichts mit zu tun haben. Das ist das Problem. Nicht, dass ich nicht gerne gute Kritiken habe, das schon. Braucht man auch, ab und zu.

Empfinden Sie es so, dass die Volksbühne niedergeschrieben wird?
Ja, genauso wie sie früher hochgejubelt wurde. Es gab damals sehr gute Kritiken, bei denen ich dachte, die sind gut geschrieben, aber total an der Inszenierung vorbei. Genauso gehen jetzt viele Verrisse völlig an der Sache vorbei. Ich habe da einen anderen Blick drauf als viele Journalisten, weil ich dem Haus inhaltlich und ästhetisch anders verbunden bin. Es geht um die künstlerischen Experimente in einer Tradition, die sich von Meierholt über Brecht bis Piscator und Benno Besson herleitet.

Und nun Frank Castorf.
Castorf hat sich im Laufe der Jahre von vielen das Haus mitprägenden Mitarbeitern getrennt, oder die sich von ihm. Ich bin eine der wenigen, die noch da ist. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich nie so eng mit ihm war. Ich war nicht scharf drauf, in jeder seiner Inszenierungen mitzumachen und er war auch nicht immer scharf darauf, mich zu besetzen. Was ich hier an der Volksbühne machen kann, ist, eine bestimmte Versuchsanordnung zu verfolgen. Ich spiele ja nicht einfach.

Sondern?
Es ist schon ein Urvergnügen für den Schauspieler, zu spielen und die Klappe aufzureißen. Aber ich habe hier doch etwas Bestimmtes ausprobiert und entwickelt, inhaltlich und auch ästhetisch. Es ist immer die ganz konkrete Versuchsanordnung mit einer ganz konkreten Fragestellung, die zählt. Und da kann ich mich hier entscheiden, wo ich mitmachen will und wo nicht. Ich werde nicht einfach besetzt.

Sie sind ja auch ein Star des Ensembles.
Star ist doch heute jeder. Das sagt nicht viel. Aber ich bin nicht gut, wenn man mich einfach irgendwo reinschiebt. Schon als Anfängerin bin ich gleich aus der ersten Produktion ausgestiegen, zwar mit großen Schweißringen unter den Armen, weil ich wusste, dass es eigentlich unmöglich ist. Natürlich dachten viele, ich hätte sie nicht mehr alle.

Sie sind mitunter auch im Kino zu sehen, wie gerade in „Drei“ von Tom Tykwer, wo es gewissermaßen auch um Treue geht. Hätten Sie nicht ohne die feste Bindung zur Volksbühne eine größere Karriere machen können?
Das sehe ich ganz anders. Weil meine künstlerischen Möglichkeiten hier viel interessanter sind als sie woanders sein könnten. Ich kriege auch nicht jedes Jahr so ein Angebot wie das von Tykwer, mit so einem elaborierten Drehbuch. Das Meiste spielt sich leider nicht auf diesem Niveau ab. Wenn man allein von Fernsehen und Film leben müsste, ist das hierzulande nicht so lustig.

Sie sollen sich die „Kameliendame“, Ihre neue Produktion, selbst ausgesucht haben.

Ja, gemeinsam mit dem Regisseur Clemens Schönborn habe ich das vorgeschlagen.

Die Kameliendame zeichnet sich nicht gerade durch Treue aus.
Nein, wieso?

Sie ist zunächst nicht auf einen Liebhaber festgelegt und dann natürlich auch käuflich.
Mit Treue hat das wenig zu tun. Es geht um Liebe und Geld. In Deutschland gilt die Liebe in ihrer Reinheit als etwas, das vom Geld besudelt, ja beschädigt wird.

Idealismus versus Materialismus?
In der Welt der Kameliendame herrscht ein unerbittliches Gesetz: Wer liebt, muss zahlen. Liebe kostet. Bei Nietzsche heißt es so schön: Warum verschenkt man lieber sein ganzes Herz als sein ganzes Geld? Man verschenkt sein Herz und hat es noch, das Geld aber hat man nicht mehr, wenn man es verschenkt. Diese Kameliendame, die genau weiß, was ihre Liebe kostet, hat eine Gunst zu verschenken, die sie eben auch verkaufen kann, teuer verkaufen. Sie kann sich ihre Liebhaber aussuchen, sich aber auch dem reichsten Liebhaber verweigern. Sie ist eine unabhängige Person. Und wenn die dann ihrer Liebe, für die sie normalerweise ein ganzes Stadtpalais und viele Diamanten bekommt, jemandem schenkt, ist es plötzlich interessant. Weil sie etwas zu verlieren hat.

Wäre Berlusconis „Ruby“, die jetzt zum Wiener Opernball eingeladen wird, eine heutige Kameliendame?
Nein, ganz bestimmt nicht, es gibt keine heutige Kameliendame. Der Glanz des Geldes in der Frühzeit des Kapitalismus, das ist für immer vorbei. Seit die Kapitalisten debil geworden sind und nur noch die Liebe des Fernsehvolkes wollen. Meine Faszination für den Stoff liegt nicht im: „Ah, genauso ist es heute auch“, sondern: „So wird es nie wieder, das ist endgültig vorbei.“ Für immer vorbei, der unwiederbringliche Augenblick, in dem das Geld so betörend war. Wenn ich mir Berlusconi und sein Umfeld angucke, stellt das für mich keinen Sehnsuchtspunkt dar. Es gibt keine Bilder, die man im Fernsehen sieht und dann denkt: „Oh, einmal so wie Berlusconi leben.“ Das sieht ja alles extrem ordinär aus. Auch die Villen von irgendwelchen Popstars in Los Angeles, wo Sportgeräte herumstehen und das Bett hat Leopardenbezug.

Deutschland erlebte gerade eine Plagiatsaffäre. Sie haben einmal gesagt, dass Sie sich manchmal Spielideen aus Filmen abschauen, also klauen. Ist das etwas, das Sie mit zu Guttenberg verbindet?
Ich gebe das ja nicht als mein Original aus, ich habe keinen Originalitätsanspruch. Ich denke, das ist eher ein Jungsproblem. Jungs empfingen den kulturellen Auftrag, die Welt zu erschaffen. Das hat man als Frau nicht, ich meine kulturell, nicht biologisch. Das war schon als Teenager so, wenn man zusammen Musik gemacht hat. Die Jungs wollten immer eigene Sachen spielen. Ich habe dann immer gesagt, lasst uns doch lieber das nachspielen, der Song ist doch viel besser. Man muss nicht selber schöpfen, selber bin ich selber genug. Da mache ich mir keine Sorgen, dass ich nicht originell genug bin.

Es ist natürlich ein Teil Ihrer Schauspielkunst, dass es bei Ihnen nie nachgemacht wirkt.
Ich ahme auch nicht etwas nach so wie Sigourney Weaver eine Autistin spielt und dafür acht Wochen zu den Autisten geht. Das würde mich überhaupt nicht interessieren. Ich sehe etwas und das kickt mich und deshalb mache ich es nach.

Gibt es einen Regisseur mit dem Sie gerne einmal zusammenarbeiten würden?
Ernst Lubitsch!

Der ist dummerweise bereits tot.
Ach, was Sie nicht sagen. Die Lubitsch-Attitüde, die gefällt mir außerordentlich, unprätentiös, intelligent und unterhaltsam. Na ja, mit ihm drehen werde ich nicht mehr, aber ich kriege jetzt den Ernst-Lubitsch-Preis …

Ein Preis für die beste komödiantische Leistung im deutschen Film.
Darüber habe ich mich sehr gefreut. „Ninotschka“ und „Sein oder nicht sein“, das sind alles Filme, die wir mit großem Vergnügen schon geplündert haben.

weitere Informationen.
„Die Kameliendame“ am 16. (Premiere), 17. + 23.3., 19.30 Uhr, Volksbühne. Regie: Clemens Schönborn; mit Sophie Rois, Hendrik Arnst, Jean Chaize, Zazie de Paris. Eintritt 10-30, erm. 6-15 Euro
www.volksbuehne-berlin.de
[aus zitty 06/2011 _ »Selber bin ich selber genug«, S. 72/73]