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Zauberhafte blaue Kreise

A Star was born: Meret Becker 1993 mit „Tabernac“ in der Bar jeder Vernunft

Begegnete sie einem am helllichten Tage auf der Straße, nichts wäre leichter, als sie zu übersehen: Meret Becker ist auf den ersten Blick eine unscheinbare Person, klein, mit strähnigen Haaren und schmalen Lippen. Dennoch: sie ist eine aufregende Frau. Ihre Wirkung entfaltet sich erst auf den zweiten Blick. Aber dann, aber dann …

Licht aus, Spot an: Im Scheinwerferkegel steht eine zierliche junge Künstlerin, die durch einen glitzernden blauen Reifen guckt und verschmitzt einen Jazzklassiker ins Mirkophon haucht. Sie singt „Blue Moon“, nein, sie singt nicht, sie gurrt, sie scheint die Noten sanft zu streicheln, ehe sie sie auf ihre Schallwellenreise in die Gehörgänge eines augenblicklich verzauberten Publikums schickt. Eines Publikums, das atemlos und verwundert der Nonchalance folgt, mit der die junge Frau da auf der Bühne mit dem Ausdruck völliger Unschuld eine geballte Ladung Erotik produziert, Burschikosität mit zuckersüßer Träumerei ganz problemlos zusammenbindet und dabei wie ein menschgewordenes leises Lächeln auftritt.

Im letzten Jahr hat Meret Becker noch etwas versteckt im Nachtsalon der Bar jeder Vernunft gesungen, nun bestreitet die junge Berlinerin mit „Tabernac – Noten, Flügel, unerhörte Seufzer“ nicht nur ihr erstes abendfüllendes Programm, sondern gleichzeitig auch das Eröffnungsprogramm des Spiegelzelts an der Freien Volksbühne, und dem Beobachter wird mit den ersten, solcherart vorgetragenen Noten klar: hier bricht sich ein großes Talent Bahn.

Unterstützt wird Meret vom Jongleur Oliver Groszer, der nicht nur so heißt, sondern tatsächlich ein Großer seines Fachs ist, hier aber seine Spitzennummern (etwa ein brennendes Streichholz hinter dem Rücken in den eigenen Mund zu werfen) ganz en passant zum Besten gibt. Mit dabei sind auch Rolf Hammermüller am Klavier und Tilmann Lehnert, dessen absurde Gedichte, vorgetragen mit dem Charme eines cholerischen Einfaltspinsels, sich wunderbar in den fantastischen-clownesken Rahmen einfügen, den Meret Beckers „Blue Moon“-Reifen zu illustrieren scheint.

Dieses Rund, mit dem sie später auch eine kleine Hula-Hoop-Nummer vorführt, gleicht der unglaublichen Schnittmenge von Ironie und Nonsense mit Ernst und Würde. Das knapp zweistündige Programm kennt da keinen Unterschied, es ist grenzenlos wie die Kinder, offen wie der Reifen. Alles ist fließend, alles ist ein Spiel. Ein zauberhaftes Kinderspiel für Erwachsene, in dessen Bann Meret Becker und ihre drei Mitstreiter schließlich auch den letzten ausgewachsenen Vernunftmenschen geschlagen haben, der zum Abschied ohne Dünkel miteinstimmt in das verträumt-traurige Kinderlied vom „Puff, dem Zauberdrachen“. Meret Becker vergießt dazu ein paar Freudentränen und ihre „unerhörten Seufzer“ klingen wie ein Kuß.

Die Musikclownin lehrt uns sanft, Grenzen in Frage zu stellen. Sie ist wie Eva, sie findet sich nicht damit ab, dass da ein saftiger Apfel hängt und nicht gepflückt werden darf. Sie pflückt ihn und reicht ihn an uns weiter. Und siehe da, er schmeckt immer noch. Nennen wir ihn Tabernac.

Text: Friedhelm Teicke (erschienen in zitty 7/93, S. 54)

„Tabernac“ wird gespielt bis 11.4.93 jeweils mittwochs bis sonntags m 20 Uhr 30 in der Bar jeder Vernunft.