Bei Dalí war es Amanda Lear, John Lennon hatte Yoko Ono und Goethe seine Charlotte von Stein: Musen, die Künstler zu kreativen Leistungen anspornen und inspirieren. Wir wissen nicht, welche Muse der russische Tänzer und Choreograf George Balanchine hatte, aber sie hat ihn sicher geküsst, als er 1928 mit „Apollon Musagète“ das Ballett von seinen apart wirkenden, pantomimischen Tanzgesten durch einen genialen Kunstgriff in die Welt der antiken griechischen Mythologien befreite. Aus dem sinnlichen Reigen des Gottes Apollon mit den drei Musen der Poesie, der Hymnendichtung und des Tanzes schuf Balanchine eine abstrakte zeitlose Kunstform: das Neoklassische Ballett. Es präsentiert Tanz im Dialog und auf Augenhöhe mit der Musik und dem Wort. Das Sommerfestival „Tanz im August“ zeigt jetzt, dass nicht nur diese Prinzipen aktueller sind denn je, sondern auch, wie das Publikum zur Muse werden kann.

Experimentiert wird in der zeitgenössischen Tanzszene mit Sprache und Gemeinschaften und auf allen Ebenen – in Kollektiven oder Solis, mit den Strukturen von Schrift und Tanztechniken, mit der Stimme als Macht­instrument und der Sprache als den Körper verklärendem, erläuterndem und verstörendem Organ, das verbindet und trennt. An 16 Tagen zeigt „Tanz im August“ rund 30 Produktionen zu den Stichworten „Figures of Speech“ (Sprachfiguren) und „Gemeinschaftsbildung“, zusammengestellt von dem Kuratorenteam Ulrike Becker und André Thériault von der Tanzwerkstatt sowie Pirkko Husemann, Marion Ziemann und Matthias Lilienthal vom HAU. Zum letzten Mal findet das Festival in dieser Besetzung statt: Im September übernimmt Annemie Vanackere mit neuem Team die künstlerische Leitung des gastgebenden HAU (www.zitty.de/vanackere).

Dass Sprachfiguren im Tanz noch lange kein Sprechtheater bedeutet, zeigt etwa das Spiel mit machtvollen und tranceartigen Reden eines US-amerikanischen Fernsehpredigers, die Lisbeth Gruwez mit vollem Körper- und Stimmeinsatz in „It’s going to get worse and worse and worse, my friend“ zerlegt. Es geht aber auch ganz humoristisch, wie das britisch-italienische Duo Jonathan Burrows und Matteo Fargion in seiner „Cheap Lecture“ zeigt, in dem es die Textstruktur von John Cages „Lecture on Nothing“ mit Händen und Füßen kommentierend rezitiert.

Sprache als Gestaltungsmittel taucht auch auf, wenn es um die Frage nach Gemeinschaften und Teilnahme an diesen geht. In einigen Stücken darf dabei das Publikum mitgestalten – vielleicht nicht als Muse, aber als Informationsquelle: Etwa in „On Trial together“ von den serbischen Choreografen Saša Asentic und Ana Vujanovic, in dem gemeinsam mit den Zuschauern verglichen werden soll, ob Menschen im Sozia­lismus andere Körpererfahrungen machen als im Neoliberalismus. „Come on and join the show” heißt es in „Clean Room“ von Juan Dominguez aus Madrid. Abgeschaut am Episodenformat von TV-Serien, wird hier eine Bühnenreihe entwickelt, bei der via Skype live Kontakt zu den Darstellern hergestellt wird, die an anderen Orten der Welt sitzen. Die Berliner Zuschauer werden so Teil einer Internet-Crowd und können in einem Web-Forum kommentierend die Weiterentwicklung der Serie aktiv mitbestimmen.

Die Tanzeinlagen des Corps de Ballett aus Ballettklassikern haben auch etwas mit Gemeinschaft zu tun und lassen sich mit militärischen Märschen oder gehenden Demonstranten vergleichen, das zeigt die israelische Choreografin Sharon Eyal in „Corps de walk“. Was Gemeinschaft wirklich bedeutet, wenn man noch nie miteinander gearbeitet hat, erforschen die jungen Performer Pieter Ampe, Guilherme Garrido, Herman Heisig und Nuno Lucas. Die Ähnlichkeiten und Widersprüche in ihren Arbeiten und Leben verschmelzen sie zu der Performance „a coming community“.

Erstmals verlängert sich das Programm gewissermaßen um vier Tage, weil die „Tanznacht Berlin“ aus dem Winter in den Sommer rückt und an das renommierte Festival andockt. Zu sehen sind in den Uferstudios Produktionen wie „Where I am and where I translate myself into“, einem Work in Progress von Christina Ciupke und Igor Dobricic, in dem es um Schockmomente bei unerwarteten Begegnungen und Bewegungen geht. In Kooperation mit den Ada Studios geben bei „6 times 10“ in sechs Stücken von je zehn Minuten Tanzschaffende Kurzporträts ihrer choreografischen Handschriften zum Besten. Gemeinsam präsentieren die Festivals das Projekt „X-Choreografen“ am Kurfürstendamm.

Zum zweiten Mal lädt im Rahmenprogramm die „Berliner Tanzfilmnacht“ ins Filmtheater am Friedrichshain zu Doku- und Experimentalfilmen sowie Klassikern der Tanzfilmgeschichte wie Pina Bauschs legendärem „Sacre du Printemps“. Dort verleiht am 24. August das Fachblatt „tanz“ auch die Preise für die Choreografen und die Company des Jahres, moderiert von Nina Sonnenberg, gewissermaßen einer Muse des ZDF. Denn mit der jungen Poetry-Slammerin versucht der Kulturkanal des Senders für ein jüngeres Publikum attraktiv zu sein. „Jung bedeutet, neugierig zu sein“, sagt Sonnenberg. Ein Satz, der auch für „Tanz im August“ in seinem 24. Jahr gelten darf.

„Tanz im August“, 10.-25.8., HAU 1-3, Haus der Berliner Festspiele, Halle, Sophiensaele, Schaubühne, Volksbühne. Eintritt je nach Veranstaltung 7-35 Euro

„Tanznacht Berlin“, 22.-26.8., Uferstudios, Podewil. Eintritt 14, erm. 9 Euro