Muss man sich Sorgen machen um Berlin? Was sollte ich als Schweizer zu dieser Frage zu melden haben?

Immerhin singen Sie auf „Sorry, We’re Open“, dem neuen Album ihrer Band Bonaparte: „I’ve made one mistake in my life, I should have burned Berlin down.“ Ja, aber das ist ja ein Zitat von Napoleon Bonaparte. Das hat er in Waterloo gesagt, als er erkannt hat, dass er es verhauen hatte. Natürlich ein grandioses Zitat.

Bei Ihnen ist es eine zentrale Aussage des neuen Albums. Meine Sorgen um Berlin, die sind doch Pippifax. Aber natürlich macht man sich Gedanken über Dinge, die sich verändern. Und Berlin verändert sich. Je nachdem, wo man gerade sein Zelt aufgestellt hat, sind das gute Veränderungen oder fatale. Aber als Schweizer bin ich zur Neutralität verpflichtet. Ich sehe immer alle Seiten und sage dann: Es ist eben, wie es ist.

Nach sechs Jahren in der Stadt haben Sie zwar noch immer ihren Schweizer Pass, aber Sie sind genauso Berliner wie die meisten hier. Ja, genau. Aber nicht nur Berlin hat sich verändert, wir haben uns auch verändert. Bevor ich nach Berlin kam, bin ich durch Europa gefahren und aufgetreten, wo ich wollte. Dann hatte ich eine Matratze in einer Fabriketage, durch die ich mit dem Fahrrad fahren konnte. Und wir sind aufgetreten und aufgetreten, gewachsen und gewachsen. Wir hatten unsere Zeit mit Berlin. Mittlerweile hat sich Berlin verändert, aber auch Bonaparte haben sich verändert. Ich bin jetzt Familienvater.

Bonaparte galten einmal als die Band, die ein bestimmtes Berliner Lebensgefühl auf den Punkt gebracht hat. Ja, das war einmal richtig. Die Bar 25 oder das Antje Øklesund, das waren unsere Orte, da haben wir oft gespielt, das waren die Freiräume, die wir gebraucht haben. In diesem Kosmos waren wir drin – und dieser Kosmos war wichtig für Berlin, weil er ein Lebensgefühl produziert hat, wegen dem viele Leute in ­diese Stadt kamen. Aber wir waren nur eine Band, die da mitgemischt hat. Da gibt es andere, die viel wichtiger waren für diesen Kosmos, und die ja auch weiter machen: Die Bachstelzen oder der Kater Holzig, der aus der Bar 25 entstanden ist.

Jetzt stapeln Sie tief. Ich verstehe schon, warum gesagt wird, wir wären ein Aushängeschild dieser Kultur. Wir konnten unsere Kunst dort ausleben und haben in unserer Show dann dieses Gefühl transportiert, so dass jemand in Saarbrücken oder sonst wo auf der Welt vielleicht geglaubt hat, er ­müsse auch nach Berlin. Natürlich ist das nicht Berlin, was wir für zwei Stunden auf der Bühne inszenieren. Aber die zwei Stunden Dringlichkeit, Grenzarbeit und ­Ekstase, die unser Kollektiv auf die Bühne bringt, das ist schon eine ganz schöne ­Explosion. In diesen zwei Stunden können wir ein Gefühl kreieren, das dem nahe kommt, wie es ­damals in der Bar 25 oder anderswo in Berlin abging – aber da ging es dann vielleicht vier Tage am Stück so ab.

So geht es in Berlin nicht mehr ab? Dazu bin ich zu viel unterwegs mit Bonaparte und zu selten in der Stadt. Ich weiß nicht mehr, wo der Puls dieser Stadt schlägt. Aber klar stehen Bonaparte für ein Gefühl von Berlin. So wie Modeselektor auch. Aber wir haben alle Familie und Kinder, wir sind unterwegs, wir hängen nicht mehr die ganze Zeit im Club ab. Dieses Bohème-Gefühl, das ich in den ersten Jahren in Berlin hatte, das fühle ich nicht mehr. Andererseits habe ich das Gefühl, dass Berlin im Moment selbst nicht so genau weiß, wo es stattfindet. Vieles wirkt wie ein wiedergekauter Kaugummi.

Handelt der Song „Quarantine“ also weniger vom Ende einer Liebesbeziehung, sondern davon, wie Sie und diese Stadt sich voneinander entfremdet haben? Der Song handelt davon, wie es ist, wenn man sich auseinanderentwickelt hat, und sich fragt, ob man sich wieder findet. Das kann man auf ­beide Situationen anwenden.

Kann dieses Berlin wiedergefunden werden oder ist dieses geradezu mythische Berlin unwiederbringlich verloren? Die Frage kann ich nicht beantworten, weil ich nicht weiß, ob Berlin sich verändert hat, ich mich verändert habe oder die Zeit sich verändert hat. Wer kann das schon sagen. Ich kann nur sagen: Das neue Album ist eine Reise, es handelt nicht vom Dableiben. Und es ist doch so: Jede Band hat ihre Zeit. Damals in den späten 60ern in New York, damals in London, sicher auch in Wanne-­Eickel. Immer gab es mal dieses Wow-­Gefühl, aber das ist sehr flüchtig. Die Frage ist jetzt: Hält man daran fest oder lässt man los?

Die Millionen von Touristen, die hierher kommen, die wollen nicht loslassen, die suchen dieses Berlin, das Bonaparte immer wieder heraufbeschwören. Das wird es bestimmt noch geben, dieses Berlin. Aber die Stadt steht an einer Weggabelung. Ja, die Bar 25 war ein magischer Ort. Aber das zurückbringen zu wollen, was mal war, das macht keinen Sinn. So ist das Leben nicht. Wie schon Elvis gesagt hat: It’s now or never. Das sollte man immer wissen: Man sollte den Augenblick genießen, denn er ist unwiederbringlich.

Der allererste Auftritt von Bonaparte fand in der Bar 25 statt. Wie oft haben Sie dort gespielt? Sehr oft. Keine Ahnung wie oft. Aber mindestens genauso wichtig wie die Bar 25 war Neuseeland.

Warum? In meinem ersten Berliner Winter war es so kalt und ich hatte keine Lust mehr Kohlen zu essen, dass ich eine Tour durch Neuseeland ­gemacht habe. Ich hab mir dort ein altes Auto ­gekauft, das eben noch den Berg hochfahren konnte, und habe in Neuseeland gespielt und dort den größten Teil des ersten Albums geschrieben.

Das dann für seinen großartig mülligen Sound gelobt wurde. Das neue Album „Sorry, We’re Open“ klingt dagegen sehr viel ausgefeilter. Ich habe diesmal mehr Zeit gehabt, mich mit Sounddesign auseinander zu setzen. Ich habe experimentiert, alte Sachen raus, neue Synthies rein. Aber Bonaparte, das sind viele Extreme. Klar, das ist Müll, Trash, aber auch eine große Liebe zum Detail.

Noch eine Textzeile: „Hear me snorting a symphony, every flatulence an opera, every drop of sweat an elegy.“ Ist das Bonaparte: Ein Furz ist genauso viel wert wie eine Symphonie? In meinem Weltbild schon. Wenn ich jetzt eine Symphonie furzen will, dann soll das die Gema bitteschön genauso ernst nehmen, wie wenn jemand ein Konzert mit Werken von Grieg spielt. Es kommt immer darauf an, in welchem Kontext und aus welcher Überzeugung ich diesen Furz darbiete. Kein Furz ist wie der andere. Ich habe mit Bonaparte immer dagegen angekämpft: Was ist E-Musik, was ist U, was ist falsch, was ist richtig?

Und zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen? Wir waren nie konform, aber man kann in dieser Welt nichts mehr machen, ohne dann doch irgendwo anzudocken. Ich bestehe zu 50 Prozent aus Verwurstelung von Dagewesenem und zu 50 Prozent aus nach vorne Preschen und Dinge erfinden, von denen ich zumindest denke, die waren noch nicht da. Aber dann sehe ich Bands, die kriegen drei Millionen Mal mehr Gage als wir, aber ich frage mich: Das soll so viel wert sein? Das soll jetzt neu sein? Ich kenne so viele Bands, die es nicht schaffen, gebührend anerkannt zu werden, weil das, was sie machen, so eigen ist. Aber das ist es doch, was wir tun müssen: Rauskriegen, was uns eigen macht, sonst müsste man es ja nicht tun.

Die Einkommenslage scheint sich aber zu verbessern: Das neue Album wird von einem großen Entertainment-Konzern vertrieben. Ja, aber erscheint weiter bei einem kleinen Berliner Indie-Label. Die Sache ist vielschichtig. Mir ist egal, was die Leute denken, aber wenn es jemanden interessiert: Wir funktionieren immer noch genau wie früher und sehr autark. Ich mache meine Musik, mein ­Bruder macht die Grafik, meine Liebste macht die Fotografie, alles, was zu hören und zu sehen ist, Choreografie und Kostüme, das entsteht alles in der Familie. Nun sind wir größer geworden und deshalb kooperieren wir auch mit der bösen Seite der Macht …

Dem Major-Label, das das neue Album vertreiben darf. Genau. Aber das war ironisch gemeint mit der bösen Seite der Macht. Es gibt da kein Böse oder Gut, richtig oder falsch. Es gibt nur Menschen, die mit Musik arbeiten. Aber es ist nun mal so: Wachstum bringt Veränderung. Es gibt nichts Tolleres als in einem kleinen Club zu spielen, in dem dir die Leute auf den Füßen stehen und alle eklig verschwitzt sind. Ich liebe diese Gigs, aber das wird jetzt natürlich seltener.

Besteht die Gefahr, dass irgendwann der spezielle Reiz von Bonaparte verloren geht? Es ist auf jeden Fall anders. Man muss das Kribbeln wiederfinden, aber eben auf einer anderen Ebene. Schwierig wird es, wenn das Publikum nicht mehr Teil dessen ist, was wir tun. Wenn das Publikum sagt: Oh, wir gehen uns Bonaparte angucken. Wenn das Publikum nur noch konsumiert und nicht mehr 200 Prozent gibt, so wie wir auch 200 Prozent geben. Wir brauchen das Publikum, sonst wird das, was wir tun, sinnlos.

Bonaparte: „Sorry, We’re Open“ (Staatsakt/ Universal) Konzert: 8.9., Berlin Festival, Flughafen Tempelhof www.bonaparte.ccw