Kerstin Decker
Liebling 2010:
Nach Moskau! Nach Moskau!“, Regie: Frank Castorf (Volksbühne) – Im Tschechow-Jahr ist Frank Castorf wieder eingefallen, wer er einmal war.

Ärgernis 2010:
All jene, die über das BE nur mit präventiv missbilligend gezückter Augenbraue reden, so als wüssten sie genau, was dort gespielt wird – und wissen es dann doch nicht.

Wunsch 2011:
Romane und Filme haben die Bühnen erobert, lauter Leihästhetiken. Warum nicht mal wieder Stücke? Gar solche älteren, hochkonzentrierten Typs wie zuletzt Arthur Millers „Alle meine Söhne“ am DT?

 

Mariama Diagne
Liebling 2010:Flatland“, Choreographie: Itzik Galili (Deutsche Oper) – tanzende Lichtjäger in einer rasendschnellen und beeindruckenden Komposition aus Tanz, Licht und Musik. Bewegung pur in einer Matrix aus Licht und Tanz.

Ärgernis 2010:La Péri“, Choreographie: Vladimir Malakhov (Staatsballett Unter den Linden) – bei dieser Inszenierung waren sich die Kritiker-Geister ausnahmsweise einmal fast einig: eine verstaubt kitschige Illustration patriarchalischer Männerphantasien.

Wunsch 2011: Dass aus der Tanz-Szene in Berlin eine Tanz-Landschaft wird. Szenen haben eine komische Eigendynamik, grenzen ein und aus und funktionieren nach einem unsichtbaren Regelwerk. Eine Landschaft ist eine Fläche die aus Wölbungen und Tiefen besteht, verbunden durch Pfade die verzweigen, zusammenlaufen und in getrennten Bahnen zu gleichen oder unterschiedlichen Zielen führen. Und so vielfältig der Tanz doch ist, so breit gefächert gleichwertig sollte auch die Tanzfläche sein, die es zu entdecken gilt: eine Tanzlandschaft eben.

 

Hermann-Josef Fohsel
Liebling 2010:The Rake’s Progress“, Regie: Krzystof Warlikowski (Staatsoper) – Hier stimmt einfach alles: die Regie, die musikalische Interpretation (Ingo Metzmacher) sowie die geschlossene sänger-darstellerische Leistung des jungen Ensembles.

Ärgernis 2010: Jens Joneleits „Metanoia“ nach Motiven Christoph Schlingensiefs, Regie: Diverse (Staatsoper) – Hier wurde versucht, dem Nichts noch ein Dröhnen abzuringen. Ohne Erfolg. Langweiliges, verklopftes Theater mit Musik aus dem musikalischen Abfalleimer des 20. Jahrhunderts.

Wunsch 2011: Dass der regierende Kultursenator die Empfehlung der Fachjury, der Berliner Kammeroper die Basis-Förderung zu streichen, nicht umsetzt. .
 

Barbara Fuchs
Liebling 2010:
Uta Gebert – eine eigenwillige Puppenspielerin und Szenografin, die gründlich und mit großem Einfühlungsvermögen arbeitet. In ihrer jüngsten Inszenierung „Anubis“ an der Schaubude setzt sie subtile Vorgänge um die Fragen von Leben und Tod in Szene. Theater von großer Magie.

Ärgernis 2010: Natürlich die Finanzkrise. Ihre Folgen bringen Gefährdungen für den Bestand der Ensembles und der Theater, sie schaffen Verunsicherung und Ängste unter den Künstlern.

Wunsch 2011: Das Theater o. N. hat ein neues Konzept und nach 30 Jahren basisdemokratischer Arbeit erstmals eine künstlerische Leitung. Ich wünsche dem kreativen Ensemble und der erfahrenen Anja Michaelis als Intendantin viel Erfolg beim Erproben neuer Wege.

 
Gerd Hartmann
Liebling 2010:
Testament” von She She Pop (HAU 2) und „Verrücktes Blut”, Regie: Nurkan Erpulat (Ballhaus Naunynstraße) – Gemeinsam mit ihren sehr selbstbewussten Vätern liefern die Performerinnen von She She Pop einen fulminanten Diskurs zum Thema Generationenvertrag. Und Shakespeares Lear passt dazu als Kommentar, wie die Faust aufs Auge. Im Ballhaus Naunynstraße setzen Nurkan Erpulat und Jens Hillje sämtlichen Migrantenklischees die Pistole auf die Brust – im wahrsten Sinne des Wortes. Und deutsche Bildungsbürgerei kriegt nebenbei auch noch ihr Fett weg. Da bleibt einem die Luft weg. Zweimal Theater mit ganz verschiedenen Mitteln, aktuell, streitlustig, mitreißend – bitte mehr davon!

Ärgernis 2010:
Inselkomödie“ von Rolf Hochhuth (Theater am Schifferbaudamm) – Powackelnde Bunnys, hüftenstoßende Männer, Zoten allerorten – wenn Rolf Hochhuth sommers mit juristischem Gebrüll ins Theater am Schiffbauerdamm (das er nicht mehr BE nennen darf) einreitet, ist Zombietheater garantiert. Muss sich das jedes Jahr wiederholen?

Wunsch 2011:
Mit den im Oktober eröffneten Uferstudios im Wedding hat die Berliner Tanzszene endlich ein adäquates Proben- und Aufführungsareal. Jetzt muss Leben in die weitläufige Bude. Auf dass der Tanz in der Stadt endlich die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient!


Tom Mustroph

Liebling 2010:
Großartig ist, dass die unermüdliche Aufbauarbeit von Barbara Friedrich mit der Eröffnung der Uferstudios im Wedding einen krönenden Abschluss gefunden hat.

Ärgernis 2010:
Ärgerlich ist, dass der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, die Jahr für Jahr junge Schauspieler, Regisseure und auch Choreographen ausspuckt, die immer wieder neue Akzente im momentan gar nicht so schlecht dastehenden deutschen Bühnenbetrieb setzen, ein neuer gemeinsamer Campus aufgrund schwer zu verstehender bürokratischer Schwierigkeiten weiterhin verweigert wird. Senatsverwaltung: Einmal bitte klotzen!

Wunsch 2011:
Zu hoffen ist, dass zum einen die Berliner Tanzszene finanziell so ausgestattet wird, dass sie die neue schöne Infrastruktur im Wedding auch effektiv ausnutzen kann und dass sie zum anderen auch selbst ästhetisch, handwerklich und organisatorisch wächst, um der exzellenten Qualität der Infrastruktur zu entsprechen.

 

Anne Peter
Liebling 2010:
Testament” von She She Pop (HAU 2) – Mit ihrer autobiografischen Selbstbefragung, für die die Performerinnen ihre Väter auf die Bühne bitten, setzen sich She She Pop mit Tabu-Themen auseinander und lassen gleichzeitig Einwände zu. Spielerisch wird hier verhandelt, inwiefern unsere sozialen Beziehungen ökonomisch durchwirkt, strategischem Kalkül unterworfen sind.

Ärgernis 2010:
Nicht ärgerlich, sondern einfach bedauerlich: Matthias Lilienthals Entscheidung, seinen Intendanten-Vertrag am HAU nicht über 2012 hinaus zu verlängern. Gut möglich, dass Berlin damit sein spannendstes Theater verliert.

Wunsch 2011:
Man hofft wie immer auf ein gutes Theaterjahr.

 

Dirk Pilz
Liebling 2010:
Elfriede Jelineks "Die Kontrakte  des Kaufmanns", Regie: Nicolas Stemanns (beim Theatertreffen im Haus der Berliner Festspiele) – Live-Musik-Sprechtheater als Dauerüberforderung. Oder was war das? Eindrücklich war's jedenfalls.

Ärgernis 2010:
Christoph Schlingensief ist gestorben. Das ist traurig genug. Gleich danach aber beginnt die mediale Einäscherung: Schlingensief wird gedanken- und erinnerungslos zum größten Künstler hochgejubelt. Alle Widersprüche seiner Kunst, alles Herausfordernde, Aufregende –  eingestampft in dumpfer Beweihräucherung. Albern.

Wunsch 2011:
Lieber länger geprobte als schnell hingeschusterte Inszenierungen. Lieber weniger als mehr. Lieber aufschlussreich Gescheitertes als langweilig Herunterinszeniertes.

 

Axel Schalk
Liebling 2010:
Around the world“ von „The Internationalists“ (Mandé) – In der Performance „Around the world" findet die kleine Theaterevolution statt. Theater global, das im Internet zu sehen ist. Zeitgleich schreiben zwei Autoren einen Text in Washington und New York, Puppenspieler von Ernst Busch inszenieren diesen dazu parallel im Kiez – in einem afrikanischen Lokal in Wedding, und getrommelt wird auch. Lioba Reckforts und Jack Witlens Theater total überwindet Grenzen, Kunstformen und Ethnien; drei Stunden eine Kunstcommunity live – von Berlin bis all around the world!

Ärgernis 2010:
Keine Förderung mehr fürs Prime Time Theater – Gut, der zu verteilende Kuchen ist klein. Das Prime Time Theater, das Türken und Deutsche, Rechtsanwälte aus Zehlendorf und Postboten aus Mitte, Intellektuelle aus Prenzl’berg und Arbeitslose aus dem Kiez zusammen und zum Lachen bringt, leistet – siehe Sarrazin-Debatte – Intergrationsarbeit praktisch. Dass die Kultursenats-Jury diesem Theater die Subventionen strich hinterlässt Kopfschütteln.

Wunsch 2011:
Ob Masturbation auf der Bühne oder der hundertste inszenierte Roman: Schluss mit dem Regietheater, zurück zum Text, zum Drama. Was vor 50 Jahren eine gute Erfindung war, ist ästhetisch ausgeleiert; wenn eh alles relativ wird, dann sind es besonders Regisseurfantasien.

 

Tobias Schwartz
Liebling 2010:
Dea Lohers „Diebe“ und „Das letzte Feuer“, Regie: Andreas Kriegenburg (Deutsches Theater) – Grandiose Texte, mit phantastischen Schauspielern kongenial inszeniert: Das ist echte TheaterKUNST.

Ärgernis 2010:
Der HAU-Intendant Matthias Lilienthal hat sich mal über die viele „Kunstkacke“ am Theater beklagt und mehr „Realitätskacke“ gefordert. Vor wenigen Jahren noch geriet die regelmäßig spannend, originell und aufregend. Mittlerweile aber dreht sich die „Realitätskacke“ nicht nur in der Off-Szene meist phantasielos wiederkäuerisch im Kreis. Vielleicht ist es mal wieder an der Zeit für mehr „Kunstkacke“!

Wunsch 2011:
Entdeckt das von der Lokalpresse zu Unrecht gebashte Hans Otto Theater in Potsdam neu! Unter der Intendanz von Tobias Wellemeyer vollbringt es künstlerische Hochleistungen, die mit Berlin durchaus mithalten können – zuletzt mit Wellemeyers bildgewaltiger Inszenierung von John von Düffels Tellkamp-Adaption „Der Turm“. Auf Bruno Cathomas’ Version von Shakespeares „Romeo & Julia“ darf man sich im Januar freuen.

 

Friedhelm Teicke
Liebling 2010:
Verrücktes Blut”, Regie: Nurkan Erpulat (Ballhaus Naunynstraße) –Das postmigrantische Theaterkonzept von Intendantin Shermin Langhoffs trägt immer wieder schöne Blüten. Herausragend gelungen, kraftvoll und bewegend ist aber dieses Kammerspiel, das eine mittelmäßige französische Filmvorlage mit Schiller kreuzt und daraus einen gültigen Beitrag zur Migrantendebatte vorlegt. Ganz großes Theater in einem kleinen Haus.

Ärgernis 2010:
Jens Joneleits „Metanoia“, Regie: Diverse (Staatsoper) – Dass Christoph Schlingensief zu krank sein würde, um tatsächlich Regie führen zu können bei dieser Produktion, mit der Daniel Barenboim spektakulär das Interimsdomizils der Staatsoper im Schillertheater eröffnen wollte, hätte man sich eigentlich denken können. Dass diese Null-Produktion dann aber als Schlingensiefs letzte Arbeit herhalten muss, ist ein unerträgliches Kalkül.

Wunsch 2011:
Dass Berlin endlich einen richtigen Kultursenator bekommt.