zitty-Kritik 05/12
Die Seele ist flüssig, Musik auch. Und der Alkohol sowieso.
Die Musik macht in dieser Fallada-Adaption Steve Binetti. Das kann ganz leise anfangen und sehr nebenbei. Kaum eine Welle. Und dann plötzlich die Flut. In Trinkerseelen ist das noch spürbarer als in den übrigen. Die Seele und ihre Pegelstände teilen sich Samuel Finzi und Andreas Leupold. Natürlich gibt es den Trinker doppelt – so wie jeder Mensch zugleich sein innerer Kritiker ist. Der Säufer und seine Binneninstanz sprechen meist gleichzeitig und sind fast immer verschiedener Meinung. Es ist, noch genauer, die Seele Hans Falladas, seines Zeichens Alkoholiker und Schriftsteller. Ein Sachverständiger also.
Als Hauptsachverständiger am Theater gilt gemeinhin der Regisseur, in diesem Fall Sebastian Hartmann, im Augenblick aus verschiedenen Gründen sehr beargwöhnt, auch weil er zum mehr oder minder unkontrollierten Bühnen-Delirium neigt. Aber auch Delirien sind letztlich eine Frage der Präzision und der Disziplin. Finzi, Leupold und der Bühnenbildner Tilo Baumgärtel bieten sie in dieser zweieinhalbstündigen kontrollierten Ekstase des Niedergangs auf. Welch hochprozentiges Fließgleichgewicht!