Juroren unter sich
Es ist immer wieder interessant, vor den Pressevorführungen die Dynamik in der Jury zu beobachten: Der stets T-Shirt und Basecap tragende François Ozon plaudert gern mit Jake Gyllenhaal, der fast immer neben Jury-Präsident Mike Leigh sitzen darf. Der wiederum redet gern mit Barbara Sukowa, die ganz Diva mit Sonnenbrille ins Kino rauscht. Der letztjährige Bärensieger Asghar Farhadi unterhält sich oft intensiv mit Anton Corbijn, während Charlotte Gainsbourg – die meist erst dann kommt, wenn ihre Kollegen längst ihre Plätze eingenommen haben – sich eher abseits hält und vor dem Film in Magazinen blättert. Ob das Rückschlüsse für die Bären-Vergabe erlaubt? MM

Promisuche
Zwei Touristen am Potsdamer Platz. Sie zu ihm: „Did you see any celebrities?“ Er: „No. I’ve been in museums all day long.“ LK

Nur ein Spiel
In der Pressevorführung zu Shadow Dancer. Auf dem Nebenplatz sitzt ein jungdynamischer Nachwuchsjournalist, der erst ewig mit Bonbonpapier knistert, vernehmlich ins Taschentuch rotzt – und dann auf einem aktivierten iPad ein Videospiel spielt. Pünktlich zum Abspann dreht er sich zum Nachbarn auf der anderen Seite, blökt unüberhörbar: „Mann, war das ein grottenschlechter Film“. Erstaunlich, dass er überhaupt zu einem Urteil gelangen konnte. Oder meint er vielleicht sein iPad-Spiel? „Allzu viel verstanden hab’ ich nicht“, sagt er. Wen wundert’s! HEW

Gute Verliererin
„Ich habe mich trotzdem tierisch über die Nominierung gefreut!“, ruft Jessica Schwarz nach der Verleihung der Preise der Deutschen Filmkritik mir auf der Straße zu. Den Darstellerinnenpreis hatte Sandra Hüller für „Über uns das All“ gewonnen. MS

Die Flucht
Meist weiß man zügig, ob einem ein Film gefällt oder nicht. Manchmal auch sehr schnell: Nachdem im Vorspann des chinesischen Wettbewerbsbeitrags Bai Lu Yuan – White Deer Plain gefühlte fünf Minuten ein in Zeitlupe wogendes Weizenfeld zu sehen ist, hat der erste Kritiker genug, verlässt fluchtartig den Berlinale-Palast und erspart sich so drei Stunden langatmigen Geschichtskitsch. MM

Weisheit
Jury-Präsident Mike Leigh erläutert beim Talent Campus seine Arbeitsweise, die Drehbücher mit den Schauspielern gemeinsam in monatelangen Improvisationen zu entwickeln. Frage aus dem Publikum, ob es nicht Schauspieler gäbe, die damit nicht umgehen können. Mike Leigh: „Well, there are very intelligent actors, and there are massively stupid ones. And from those you have to keep away! It’s as simple as that!“ SST

Vergeistigt
Manche Filmkenner werden auf der Berlinale wegen zuvieler Filme körperlos. Seien es werte Kollegen, die vergeistigt über den Arte-Empfang schweben. Oder eine Bekannte, die mich beim „Forum Expanded“ in den Kunstsälen mit dem Satz begrüßt, gerade ganz woanders zu sein. Im Arsenal befinden sich die Häkelmützenträger im Wachkoma. Ganz da ist keiner. In der eigentlichen No-Go-Area McDonalds fasst es ein New Yorker Kritiker zusammen: „You can’t talk to these people.“ DT

Animalisch
Das schönste Tier, in einem von Insekten, Giraffen, Schlangen, toten Rehen oder Ratten bevölkerten Wettbewerb: Das traurige, melancholische Krokodil aus Miguel Gomes wunderbarem Tabu, dem besten Film dieser Berlinale. MM

Vorbild
In der Pressevorführung von „The Iron Lady“. Platzsuche. Ziemlich weit oben, an der Seite kommt einem ein Gesicht bekannt vor. Man stutzt – unverkennbar: Ursula von der Leyen! Will sich wohl von Thatcher in puncto beinhartes Umsetzen unpopulärer Polit-Visionen inspirieren lassen. HEW

Ein Lob der Stadt
„It’s very easy to get drunk in Berlin!“ Der euphorische Kommentar zur Stadt von Patton Oswalt, dem wunderbaren Partner von Charlize Theron in „Young Adult“, bei der großen Premiere im Friedrichstadtpalast. MS

Bärereien
Glückwunsch an Christian Petzold zu seinem hochverdienten Regie-Bären für „Barbara“. Auch wenn er die Trophäe nach der Gewinner-Pressekonferenz beinahe stehengelassen hätte. Sehr schön auch der Darsteller-Bär für Mikkel Boe Følsgaard. Sein König in „En Kongelig Affære“ ist zum Niederknien. Und der Goldene Bär für die Taviani-Brüder? Cesare deve morire, in dem Schwerverbrecher in einem italienischen Gefängnis Shakespeares „Julius Cäsar“ spielen, hat seine Momente, wenn die Schauspieler glänzen. Doch für einen Goldenen Bären erscheint mir das Ganze doch ein bisserl wenig. Mein schönster Film der Berlinale 2012: The Life and Death of Colonel Blimp von 1943. Alle Berlinale-Preise auf www.zitty.de/baeren2012. MS