"So schmeckt Berlin" | zitty 20/2011

Die hohe Decke des ehemaligen Umspannwerks und die derben Stahltreppen sind architektonische Steilvorlagen für ein ungewöhnliches Restaurant. Die Speisekarte von Küchenchef Matthias Gleiss bietet eine moderne, aber nicht avantgardistische Interpretation regionaler Spezialitäten, aufgepeppt mit internationalen Einflüssen. Spezialität des Hauses sind die Variationen vom Kalbskotelett. Das Drei-Gang-Überraschungsmenü kostet 36 Euro, mit Weinbegleitung 56 Euro.
Michael Pöppl

zitty-Kritik

Wenige Restaurants haben das Glück, schon wegen der baulichen Substanz eine so beeindruckende Atmosphäre zu haben. Die hohe Decke des ehemaligen Umspannwerks, die martialische Stahltreppen zu den höher gelegen Tischen, die Backstein-Wände – all das ist eine Steilvorlage für ein ambitioniertes Restaurant, wie es das H.H.Müller, das hier lange gastierte, eine Weile lang war. Das lag auch an dem Koch, Matthias Gleiss, der dem Haus mit einer kreativ-bodenständigen Küche seinen Stempel aufdrückte. Gleiss ist nun zurückgekehrt, steht jetzt nicht mehr nur am Herd, sondern ist selbst Betreiber und zeigt gleich, dass er mit den neuen Gestaltungsmöglichkeiten umzugehen weiß: Ein neues Lichtkonzept gibt den Räumlichkeiten nicht nur Atmosphäre sondern auch Gemütlichkeit. Die Weinkarte konzentriert sich auf fair kalkulierte deutsche Weine. Die Speisekarte harmoniert mit den Weinen und bietet eine moderne, aber nicht avantgardistische Interpretation regionaler Spezialitäten aufgepeppt mit internationalen Einflüssen: Saftig gegarte Taubenbrust-Tranchen sind mit in Nelke aromatisierten Artischockenwürfel und eingelegter Aprikose (16 Euro) hervorragend ausbalanciert. Sahnige Fisch-Terrine bringt Räucheraal und in Krustentierschaum badenden Flusskrebsschwanz (12 Euro) harmonisch zusammen. Und die Blutwurstravioli (14 Euro) finden mit sehr fein geschnittenem Spitzkohl und frischem Majoran perfekte Begleiter. Die ebenfalls dazu gereichte Gänsestopfleber, die auf der Karte wohl aus Angst vor Tierschützern als „Entenleber“ auftaucht, zeugt von einer Unsicherheit. Weglassen oder das Ding beim Namen nennen wäre da die bessere Wahl gewesen, mit einem „Gänsestopfleber-Speak-Easy“ ist niemandem gedient. Politisch korrekt und trotzdem geschmackvoll präsentieren sich dagegen die vegetarischen Gerichte, von der würzigen Selleriesuppe (8 Euro, mit Trüffelbrot und Geflügelpraline 12 Euro), „Kraut und Rüben“ und „Kürbis aus dem Ofen“, die man wahlweise als Vorspeise (12 Euro) oder Hauptspeise (16 Euro) bestellen kann. Als Spezialität des Hauses scheinen sich verschiedene Variationen vom Kalbskotelett zu etablieren, wobei die Kombination aus sanft gegartem Bachsaibling mit einem Ragout aus grünen Bohnen und Zungen-Würfeln (22 Euro) typischer für den Stil von Matthias Gleiss sein dürfte. Dazu gehört es auch, die Portionen nicht ganz so übersichtlich zu bemessen, wie das in vielen Feinschmecker-Restaurants üblich ist. Das Drei-Gang-Überraschungsmenü (32 Euro, 49 mit Weinbegleitung) ist durchaus ausreichend, gute Esser sind mit vier Gängen (38, bzw. 55 Euro) ordentlich versorgt. Ideal abgerundet wird der Abend durch die Dessertkreationen wie die Griesgeschichten mit Birnenkompott, Vanille und Marzipan, mit denen Matthias Gleiss schon zu H.H.Müller-Zeiten zu glänzen wusste.
Kai Röger