Wagner & Me
Spurensuche
Motto: Siegessäule und Teddy präs. MonGay
Beschreibung
Der Dokumentarfilm verfolgt die Spuren des großen Komponisten Richard Wagner und wirft einen Blick hinter die Kulissen der Bayreuther Festspiele.
zitty-Kritik 13/2012
„Immer, wenn ich Wagner höre, überkommt mich das Bedürfnis, Polen zu überfallen.“ Der legendäre Satz von Woody Allen aus „Manhattan Murder Mystery“ bringt Stephen Frys Dilemma ziemlich genau auf den Punkt. Fry, seines Zeichens Schauspieler, Schriftsteller und in seiner dandyhaften Intelligenz so etwas wie die Reinkarnation Oscar Wildes – er spielte sein Alter ego sogar schon in dem Spielfilm „Wilde“ (1997) –, bringt genau dieser Zwiespalt aus der Fassung. Denn zwei Seelen wohnen ach! in seiner Brust: Zum einen ist er großer Richard-Wagner-Fan schon seit frühester Jugend, zum anderen Jude – Verwandte Frys wurden während des Holocaust ermordet. Doch wie kann man Anhänger eines Mannes sein, der sich im 19. Jahrhundert explizit antisemitisch geäußert hat und der zudem in Adolf Hitler einen großen Fan hatte? Wie geht die Schönheit der Musik (aus Frys Sicht) mit der hässlichen Fratze der Judenfeindlichkeit einher? Um diese Frage für uns und vor allem für sich selbst zu ergründen, begibt sich Stephen Fry in diesem 60-minütigen BBC-Feature, das nun in einer längeren Fassung verspätet zu uns ins Kino kommt, im Jahr 2009 nach Bayern. Er sieht sich die monumentalen Nazibauten in Nürnberg an und wagt sich erstmals nach Bayreuth, wo der Kult um Richard Wagner seit der Eröffnung des eigens für die Wagneropern erbauten Festspielhauses auf dem Grünen Hügel 1876 ganz besondere Blüten treibt. Und abgesehen von einigen Sequenzen, in denen Fry vor lauter Fan-Ergriffenheit kaum noch zu sprechen fähig ist, äußert der gescheite Mann in diesem kurzweiligen Film überaus geistreiche Kommentare zu Wagner, Deutschland und seinem Konflikt. Des weiteren interviewt der Brite hiesige Experten zum Thema und trifft auch eine der Urenkelinnen Wagners, die heute das Festspielhaus leitet. Er darf auf dem originalen Wagnerflügel spielen und auf dem Dirigentensitz Platz nehmen. Und wie lautet Stephen Frys Fazit nach so viel Recherche und Überprüfen des eigenen Geschmacks? Er wird einen Teufel tun und wegen Hitler auf seinen geliebten Wagner verzichten, diesen Sieg gönnt er dem Obernazi nicht! Richtig so. Und wir? Wir bekommen als Unwissende Lust, uns vielleicht doch mal mit dem Geschmetter des Herrn Wagner zu beschäftigen – und wir erfahren aus einem erfrischenden Blickwinkel viel über unser Land.
GB 2010, 89 min, R: Patrick McGrady, mit Stephen Fry, Kinostart: 21.6., 16.6., 21.30 Uhr, Arsenal: Screening beim Jüdischen Filmfest Berlin; 18.6., 22 Uhr, International: Preview
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