zitty-Kritik

Günter Heidtmann hat seinen gut gehenden Literaturverlag verkauft, um Zeit fürs Bücherschreiben zu finden. Wobei es ihn mit fast 60 in den Nahen Osten zieht, zwecks Recherchen über die Assyrer und Sumerer. Der ­Mutter seiner Kinder sind derlei Trips allerdings nicht zumutbar, da Gitte Heidtmann seit Jahren mit Psychopharmaka vollgestopft wird. Gut, dass der alte Heidtmann dem jüngeren ihrer beiden Söhne ein Eigenheim mitsamt eingerichteter Zahnarztpraxis spendiert hat. Dafür kann sich Jakob ruhig mal erkenntlich zeigen, so Vaters Überlegung, indem er die Mutter künftig mehr im Auge behält. Also trommelt der Patriarch die komplette Sippschaft übers Wochenende zusammen. Auch Jakobs älterer Bruder Marko kommt aus dem fernen Berlin angereist und bringt zu Gittes Freude seinen vierjährigen Sohn mit. Als man dann in trauter Runde beisammensitzt, platzt Gitte ihrerseits mit der Neuigkeit heraus, eigenverantwortlich seit geraumer Zeit auf sämtliche Medikamente zu verzichten. Bis auf Marko ist niemand aus der Familie sonderlich angetan von dieser Offenbarung. Da aber auch die anderen ihre Geheimnisse mit sich herumschleppen, steht der Runde ein schicksalhaftes Wochenende bevor. Irgendwann ist Gitte verschwunden.

Ein Familiendrama wie dieses steht und fällt mit den Darstellern. Die legen sich allesamt mitreißend ins Zeug – egal ob nun Corinna Harfouchs psychisch instabile Gitte, Lars Eidingers Loser Marko, Sebastian Zimmlers Jakob oder Ernst Stötzners autoritärer Familienpatriarch. Inszeniert von einem Schauspieler-Regisseur wie Hans-Christian Schmid („Sturm“), mit treffenden Dialogen von einem Könner wie Drehbuchautor Bernd Lange versorgt, kommt ein Kammerspiel auf Touren, das präzise analysiert. Bis hin zur Bildungsbürger-Einrichtung im elterlichen Bungalow stimmt alles. Kein Heile-Welt-Film, so schmerzhaft wie unbequem und sehenswert. Horst E. Wegener.