zitty-Kritik

 

„Glückwunsch, junge Mutter: Es ist ein Arschloch!“, möchte man Walter Moers zitieren. Unglückliche Kindheit, schlechte Umgebung, miese Einflüsse von außen – diese Argumente hört man gerne, wenn es darum geht, das gewalttätige Verhalten (nicht nur) Jugendlicher erklären zu wollen. Die Filmemacherin Lynne Ramsay dreht in ihrem fulminanten Werk den Spieß radikal um und erzählt von einem Jungen, der einfach böse zu sein scheint, quasi von Geburt an.

Obwohl Eva Khatchadourian (sensationell: Tilda Swinton), eine ehemalige Reisejournalistin, sich liebevoll um ihren Erstgeborenen Kevin kümmert, dringt sie nicht zu ihm vor, weder in seiner frühen Phase noch in dessen Pubertät. Der Sprössling lässt im Gegenteil keine Möglichkeit aus, seine Mutter zu schikanieren und ihr seine auch emotionale Abscheu zu demonstrieren. Zu seinem Vater Franklin (John C. Reilly) hingegen ist Kevin freundlich und zuvorkommend, was Evas Stand innerhalb der Familie noch erschwert.

Die schottische Regisseurin Lynne Ramsay hat sich dieser Adaption des Romans von Lionel Shriver angenommen und erzählt ihren ans pädagogisch Eingemachte gehenden Konflikt nicht chronologisch. Schon sehr früh erfährt der Zuschauer, dass eine Katastrophe ­passiert ist. Eine Gewalttat, in die Kevin involviert ist. Zu Beginn ist Eva alleine in einem heruntergekommenen Haus irgendwo in den USA, Franklin und die nachgeborene Tochter Celia sind weg, jemand hat das Haus und Evas Kleinwagen mit roter Farbe beschmiert. ­Virtuos verbindet Ramsay nun Rückblenden mit dem weiteren Verlauf der Handlung in der desaströsen Gegenwart.

Dass der Film weit entfernt ist von einem simplen Horrorfilm, das liegt neben der komplexen Struktur vor allem an den mutigen, die Möglichkeiten des Mediums Kino auslotenden Bildern – und an einem Soundtrack, der bevorzugt mit alten US-Countrysongs das Gezeigte sarkastisch kommentiert. Die psychologische Typisierung der Titelfigur ist etwas simpel gestrickt. Vergessen wird man diesen meisterlichen Film dennoch nicht so schnell. Tilda Swinton erhielt für ihre eindringliche Darstellung der Eva nicht nur eine Golden-Globe-Nominierung, sondern auch den Europäischen Filmpreis als Beste Hauptdarstellerin.

 

Inhalt

Die ehemalige Reisejournalistin und Cosmopolitin Eva Khatchadourian trägt eine schwere seelische Last. Grund ist ihr Sohn Kevin, der bereits als Baby eine eigenwillige Distanz zeigt, die es Mutter Mutter Eva schwer macht, Nähe aufzubauen. Während ihr Mann Franklin an seinem Sohn nichts Ungewöhnliches sieht, ist Eva besorgt über die mangelnde Empathie und seine Lust an Zerstörung. Regisseurin Lynne Ramsay enthüllt zugleich spannend wie bewegend erst nach und nach das Familiendrama, spannend und bewegend. Sie zeigt, wie das einst glückliche Paar in eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes schlittert.