zitty 16/2012: Wie es wurde, was es ist
Manchmal fällt einem beim morgendlichen Abarbeiten der E-Mails glatt die Kaffeetasse aus der Hand. Zum Beispiel heute. Ich klicke – lesen oder löschen? – die Mails durch und studiere – lesen oder löschen? – die Betreffzeilen, um innerhalb einer möglichst kurzen Zeitspanne zu entscheiden: Spam oder Info? „Aha“, wird der kritische Leser jetzt sagen und sich vielleicht sogar zu einem pikierten „Ts-ts“ hinreißen lassen, „einfach so löschen, ja?“. Dabei sollte er aber bedenken, dass, würden wir Redakteure diese Praxis nicht bis zur Perfektion beherrschen, 80 Prozent unserer Arbeitszeit fürs Lesen von Mails draufgingen. Einmal Postfach-Ausmisten ist das Äquivalent zu 30 Raucherpausen. Diese Praxis ist also nicht nur legitim, sondern unverzichtbar.
Da öffne ich also heute morgen nichtsahnend mein Mail-Postfach und denke – die S-Bahn macht wieder Zicken (siehe auch Seite 6), die Piraten demontieren sich ständig selbst (Seite 22), Jürgen Drews zieht nach Berlin (Seite 12), was soll da schon noch passieren? Und dann das: „Betreff: Versteigerung der 17 gequälten Araber findet statt!“ Ja, um Himmels Willen, gibt’s denn sowas?
Und, zack, haben sie mich, ich klicke in die Mail, um zu erfahren, was es auf sich hat mit diesen armen Arabern. Und um dann festzustellen – und: nein, liebe Tierschützer, das ist nicht dasselbe –, dass es sich um 17 Araber-PFERDE handelt. Ich seufze also erleichtert auf, wische den verschütteten Kaffee von der Tastatur und klicke mich – lesen oder löschen? – weiter durchs Postfach. Klick, klick, klick ... „Betreff: Sebastian Vettel rast ins Madame Tussauds!“ (Übersetzung: Es gibt jetzt eine Vettel-Wachspuppe).
In solchen Momenten mache ich manchmal eine Pause vom Ausmisten und nehme mir lieber die Morgenzeitung.
Mit unserer Titelgeschichte (Seite 14) ist das so: Wir haben in den 100 Punkten Stichworte gefettet, die Ihnen den Leseeinstieg, wie eine Betreffzeile, erleichtern. Sie müssen die 100 Punkte also nicht alle lesen, sollten Sie aber! Löschen können Sie hier eh nix.
Redakteure, die den Satz „Ich mach’ lieber im Spätherbst Urlaub, der Sommer in Berlin ist doch schließlich auch schön!“ nie nie nie wieder sagen werden. 5
Was wird in den nächsten zwei Wochen passieren? Einiges davon steht in diesem Heft. Alles andere müssen Sie schon selbst erleben. So wie wir.
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