zitty 18/2012: Wie es wurde, was es ist
In den letzten drei Monaten hatte ich ja viel Zeit. Zeit, die ich gerne mit Sohn Nummer Eins auf unserem eingerüsteten Balkon verbrachte. An einem Abend geschah etwas Unerwartetes. Er fragte mich: „Sag mal, was machst du eigentlich so auf Arbeit?“ Und so kam es, dass wir zusammen in einigen alten zittys blätterten. Eine Nummer interessierte ihn dabei besonders. Es ging darin um die Berliner Clubszene, die als Raumpionier Brachen besetzt, diese aufwertet, nur um dann wieder von dort vertrieben zu werden, wenn die Rollkoffer- und Eigenheimer-Armada anrückt. Der Sohn, eher die „zieh doch aufs Land wenn’s dir zu laut ist“-Fraktion, fand das skandalös. Da müsse doch der Bürgermeister einschreiten. Den findet er übrigens „ganz lustig“. Er nennt ihn „Wowi“.
Dann erzählte der Sohn von einem Club, der kürzlich in einer Brache in Lichtenberg eröffnet hatte. „Ein cooler Club – ich glaub nicht, dass du da reinkommst“, sagte er, damit ich verstand, wie cool. Ich ignorierte das, und wunderte mich: Lichtenberg – Szenekiez? Was kommt als nächstes? Entdeckt „Architectural Digest“ die Platte als authentisch-urbanes Wohnkonzept? Wird Wedding doch noch Hipsterland?
Und weil es gerade so viel Spaß machte, suchten wir noch ganz alte zittys heraus. Darunter auch die Olympia-Ausgabe Anfang der Neunziger (s.u.). Die noch junge Hauptstadt bewarb sich gerade als Austragungsort für die Spiele 2000. zitty schrieb: „Berlin braucht Brot statt Spiele!“ und fürchtete, dass „Marketing- und Kapitalisierungsmaßnahmen propagandistisch in eine Liquidierung von Geschichte münden.“ „Liquidierung von Geschichte …“, kicherte der Sohn, der sich mit Lernfächern nicht gerade leicht tut. „Ich fänd’s aber gut, wenn die Olympischen Spiele in Berlin ausgetragen werden.“ Ich sagte ihm, dass unser Bürgermeister gerade diesen Vorschlag gemacht hatte (siehe Seite 28). „Unser Wowi?“ Kichernd verschwand der Sohn Richtung unheimlich cooler Clubs (ab Seite 14), in die ich wohl niemals reinkommen werde.
Protagonisten dieses Heftes, die glauben, dass Gropiusstadt einmal Kult wird 1
Was wird in den nächsten zwei Wochen passieren? Einiges davon steht in diesem Heft. Alles andere müssen Sie schon selbst erleben. So wie wir.
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