Das Frühstück, das jeden Donnerstag um 10 Uhr im Betahaus stattfindet, heißt nicht einfach Frühstück. Es heißt Betabreakfast. Ein Dutzend Grafikdesigner, Softwareentwickler, Programmierer und andere Laptop-Arbeiter sitzen bei Nutella und Hefezopf um einen Tisch aus Spanholz und stellen erst sich und dann ihr Tagesziel vor. Eine blonde Frau mit viereckiger Brille will eine Bewerbung rausschicken, einer seinen Lebenslauf aktualisieren, ein anderer seine Website pflegen. Ein dreitagebärtiger Kapuzenpulliträger, der sich als Unternehmensberater und Coach für Selbstmanagement und Effektivitätssteigerung vorstellt, nutzt das Treffen, um zwei Seminarplätze anzubieten, die er im Dezember noch frei hätte. Immerhin: Der Mouth-to-Mouth-Marketing-Experte muss heute eine Kampagne abgeben, die er für eine Londoner Agentur gemacht hat. Der Kameramann, der neben ihm sitzt und den er im Betahaus kennen gelernt hat, liefert ihm die Bilder dazu.
Willkommen in der Kreativhauptstadt! Hier hat jeder sein Projekt – und kaum einer verdient etwas daran. So weit das Klischee. Fakt ist: In keiner deutschen Stadt gibt es mehr Kreativarbeiter als in Berlin. Etwa 180.000 Erwerbstätige verteilen sich auf die Berufsfelder IT und Software, Design und Mode, Rundfunk, Werbung, Musikwirtschaft, Film und Buchmarkt. Abgespeichert werden diese  unter dem schillernden Sammelbegriff „Kreativwirtschaft“. Sie erwirtschaften 18 Milliarden Umsatz – rund 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts von Berlin. Und in diese Zahlen ist noch nicht mal die Armee an Freiberuflern mit eingerechnet, die weniger als 17.500 Euro jährlich verdienen. Nur um eine Vorstellung zu bekommen: Auf einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz in der Kreativbranche, so rechnet man im Wirtschaftssenat, kommt ein Freiberufler. Tendenz: steigend.
Diese nomadischen Laptoparbeiter haben seit Januar 2009 im Betahaus in Kreuzberg eine Anlaufstelle. Gleich, wenn man in den schmucklosen Zweckbau kommt, liest man den Satz an der Wand: „Betahaus is a
co-working space for creatives“. Auf der Website steht: „Werte werden nicht mehr in klassischen Büros geschaffen“. Nein, ein Büro ist das hier nicht, erklärt Christoph Fahle, einer der Initiatoren. Hier kann man einen Schreibtisch mieten – pro Tag für 12 Euro, pro Monat ab 129 Euro. Man kann Konferenzräume nutzen sowie Internet, Drucker, Fax, Telefon und Briefkästen teilen. Und es gibt Workshops und Partys. Aber das ist nicht das Entscheidende. „Hier entsteht eine Community. Kreativ-Kreative sitzen neben Business-Kreativen, die einen Start-up-Lebensstil führen“, erklärt Fahle, ein hochgewachsener Endzwanziger, den man sich auch gut auf einem Surfbrett vorstellen könnte. Soll heißen: Jeder macht etwas Kreatives, aber keiner macht sich Konkurrenz. Im Gegenteil: Man hat etwas voneinander, weil sich Talente bündeln.

Das neue Personal heißt „Culturepreneur“
Früher fand in dem Gewerbegebäude am Moritzplatz etwas dezidiert Unkreatives statt. Eine Druckerei und eine Waschlappenfabrik waren hier angesiedelt, was natürlich keinen tollen Gründungsmythos hergibt, lacht Fahle. Dann stand das scharfkantig verschnittene Haus eine Weile leer. Als Fahle sich bei der Orco-GSG, die das Gebäude verwaltet, mit seinem Projekt vorstellte, fand er ein offenes Ohr. Die Immobiliengesellschaft hatte schon eine Studie über Kreativwirtschaft in Auftrag gegeben, und auch wenn sie – wie Fahle sagt – nicht so genau verstand, was er mit seinen Mitstreitern in der Fabriketage vorhatte, gewährten sie ihnen anfangs einen Mietnachlass. Mittlerweile sind die 150 Tische im Betahaus beinahe immer ausgebucht.
Laut Bastian Lange trifft man im Betahaus einen neuen Typus im Personal der Gegenwart: Den „Culturepreneur“. Das sei ein Suchbegriff, erklärt der Wirtschaftsgeograf, der über die Räume der Kreativwirtschaft und ihrer Szenen in Berlin geforscht hat und als Berater für Kreativwirtschaft arbeitet. Der „Culturepreneur“ steht vor einem Dilemma: Er will sich mit kreativen Formaten ausdrücken und muss gleichzeitig ein Mindestmaß an Einkommen und sozialer Sicherheit erwirtschaften. In ihm kreuzt sich künstlerisches Selbstverständnis mit einer unternehmerischen Logik. Da sich in der Kreativwirtschaft feste Arbeitsverhältnisse zunehmend verflüssigen, entsteht die Notwendigkeit, neue Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln: Netzwerke, Milieus und dezentrale Organisationsformen mit flachen Hierarchien werden gebildet, um den Mangel an Ressourcen auszugleichen. „Man tut sich zusammen, um etwas zu lösen, was man alleine nicht schaffen würde. Das sind wichtige Prozesse für eine dynamische Stadt.“ Die Räume der Kreativwirtschaft, sagt Lange, sind ein Testlabor für die Arbeitsweisen der Zukunft. Dass es dort bisweilen ziemlich wettbewerbsorientiert zugeht und die Zusammenarbeit immer nur solange hält, wie dem einzelnen etwas einfällt, verschweigt er dabei nicht: „Einen gewissen Behauptungswillen braucht man. Aber das passt ja auch zu den Protagonisten: Die haben ein hohes Maß an Autonomie und den Anspruch: Ich will es schaffen.“

Jubelbroschüren feiern den Kreativstandort
So gehört es schon fast zum Konzept des Betahauset, dass es manche Ideen nie zur Marktreife bringen. Erfolgsgeschichten gibt es dennoch. Eine App für Kassensysteme in der Gastronomie etwa. Oder Aufsätze für Plastikflaschen, die mit Solarzellen ausgerüstet sind und Trinkwasser reinigen können. Und vor allem: das Haus selbst. „In Hamburg gibt es bereits einen Ableger“, erzählt Fahle. In Zürich, Köln, Lissabon sind weitere geplant. Und am Moritzplatz wird auch gebaut: Im vierten Stock entstehen neue Arbeitsplätze. Ein System der Stipendienvergabe für Schreibtische haben sie, an einem Fonds für Mikrokredite arbeiten sie.
Anders als viele Kreative, von denen in Berlin 25 Prozent mit weniger als 10.000 Euro Jahresgehalt auskommen müssen, hat der Begriff Kreativwirtschaft eine imposante Karriere hingelegt. Ob im wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen Kontext, ob als Standortfaktor oder im Tourismusmarketing – die Metaphorik klingt meist himmelstürmend. Kreativität, sagen Wirtschaftsexperten, sei der wichtigste Rohstoff des 21. Jahrhunderts, das Öl der postindustriellen Gesellschaft. Auf der Website des Wirtschaftsministeriums wird die Kreativwirtschaft als „Leitbild für die Industrie von Morgen“ hochgejubelt. Und Richard Florida, der Säulenheilige der modernen Standort-Theorie, kassiert sechsstellige Dollarsummen für Beraterjobs. Seine Kernaussage: Mit den Kreativen kommt das Wirtschaftswachstum. Und nicht umkehrt.
Mit der Ökonomisierung der Kreativität ändert sich auch die Rolle der Kultur. Sie ist nicht mehr reines Feierabendvergnügen, sondern ein harter Standortfaktor: „Wo Kunst und Kultur florieren, geht es auch der Medien- und Kommunikationsbranche gut. Ob Werbewirtschaft, Architektur, Mode- und Designstudios oder Musik – die kreativen Branchen inspirieren sich gegenseitig.“ So steht es im Vorwort des kulturwirtschaftlichen Berichts von 2008. Auch eine Jubelbroschüre, mit der das Medienboard Berlin Brandenburg Unternehmen in die Region holen will, feiert den Kreativstandort. Blättert man die letzten August erschienene Studie durch, stößt man auf Namen, die zwar die kreative Potenz Berlins illustrieren, aber auch die Schnelllebigkeit und den wirtschaftlichen Druck unterstreichen: Die Zeitschrift „Liebling“ oder das Modelabel Pulver werden als leuchtende Beispiele ihrer Branche genannt. Beide gibt es seit 2009 nicht mehr.
Im Wirtschaftssenat ist man mit der Entwicklung zufrieden. „Wir sind mit Abstand die Stadt in Deutschland, in der die Kreativen wirtschaftlich das größte Gewicht haben“, sagt Ingrid Walther, die das Referat Medien, IT- und Kommunikationswirtschaft leitet. Das hängt auch damit zusammen, dass man hier etwas großzügiger zählt. Auch IT- und Telekommunikation ist in Berlin Teil der Kreativwirtschaft. Das ist im Rest der Republik nicht so. Trotzdem: Das gern gepflegte Selbstbild der Kreativhauptstadt entspricht den Gegebenheiten. „Die Branche ist stabil und wächst“, bestätigt Walther. Doch nicht immer sind die Erfolgsstorys da, wo man sie vermutet. Besonders dynamisch ist etwa ein konservatives Gewerbe wie die Buchbranche. Neben dem Branchenprimus Suhrkamp siedelten sich ambitionierte Indies wie Blumenbar an, neue Verlage mit starken Vertriebspartnern werden gegründet – etwa Galliani oder Quadriga. „Im Games-Bereich gibt es interessante Ansiedlungen und Neugründungen, Film ist stabil gut, die Mode ein großer Imagefaktor für die Stadt, auch die Galerien sind erstaunlich gut über die Krise gekommen“, sagt Ingrid Walther. Hoffnungen setzt sie in den Designbereich: „Eine Schlüsselbranche, die eine hohe Querschnittsbedeutung hat: Design ist wichtig für die Entwicklung von Industrieprodukten.“ Die Landesinitiative „Projekt Zukunft“ hat gerade eine Potenzialanalyse des Designstandorts Berlin verfasst, die diese Schnittstellenkompetenz herausarbeitet.

Standorte lassen sich nicht „Deattraktivieren“
Die Gegenwart stellt die Kreativen indes vor ganz eigene Probleme: Die steigenden Mieten – für die prekären Freiberufler ein doppeltes Problem: Wohnen wie Arbeiten wird teurer. „Das ist zu beobachten“, sagt Walther „aber es ist noch kein Drama. Wir haben noch Kreativquartiere wie die Nalepastraße, das Areal in Oberschöneweide oder den Wedding, wo sich links und rechts der Uferhallen einiges entwickeln lässt.“
Les Schliesser hört solche Aussagen mit gemischten Gefühlen. Dass die Mieten steigen, sobald die Künstler kommen, ist ein Gassenhauer im oft gesungenen Gentrifizierungsblues. „Hipwohnen“ nennt man diesen ewigen Zirkel. „Da kommt man nie ganz raus“, sagt Schliesser. Man könne einen Standort ja nicht „Deattraktivieren“. Vor zehn Jahren bezog der Künstler ein Atelier im  Wedding auf dem ehemaligen Rotaprint Gelände. Zusammen mit Daniela Brahm
initiierte er die Nutzerinitiative, die als
gemeinnützige GmbH Exrotaprint 2007 das 10.000 Quadratmeter große Areal, auf dem einst  Offset-Druckmaschinen gefertigt wurden, als Erbbaurechtsnehmerin übernahm. Damit keine Spirale der Spekulation entsteht, hat die GmbH ein besonderes Nutzungskonzept entwickelt: Sie vermieten das Gelände nur zu einem Drittel an Kreative. Der Rest geht zu gleichen Teilen an soziale Träger und produzierendes Gewerbe. „Wir wollten in keiner Monokultur arbeiten. Sondern den Leuten im Bezirk Raum geben. Schließlich verdanken wir ihnen das Gelände. Sie haben den Preis gedeckelt.“ So gibt es neben den Künstlern unter anderem zwei Tischlereien, einen Hersteller von Neoprenanzügen und einen Verein, der Deutschkurse für Migranten anbietet. Rund 300 Leute arbeiten auf dem Gelände. Eine Menge im strukturschwachen Wedding. Die Mieten liegen zwischen 3 und 4,50 Euro pro Quadratmeter. Das Mischnutzungskonzept ist im  Erbbaurechtsvertrag festgeschrieben. Für 99 Jahre.
Der Weg dahin war ein langer Kampf: Schon 2005 bemühte sich die Initiative, das denkmalgeschützte, stark sanierungsbedürftige Areal zu übernehmen. 2,5 Millionen Euro wollte der landeseigene Liegenschaftsfonds, der das Areal verwaltete. Dann kam Bewegung in die Angelegenheit – Auftritt Investor aus Island: Der signalisierte Kaufinteresse in Berlin und der Liegenschaftsfonds schnürte ihm ein Paket aus 45 Gewerbeimmobilien, darunter das Exrotaprint Gelände, dessen Preis durch das Paket auf 600.000 Euro gefallen war. Erst als die  Verhandlungen mit dem Investoren 2007 scheiterten, trat der Liegenschaftsfonds auf Druck des Bezirks und des Senats wieder an Exrotaprint heran.
Welches Marktpotenzial das symbolische Kapital der Kreativität mit sich bringen kann, zeigt die aktuelle Ausgabe von der englischen Zeitschrift „Monocle“: In dem Artikel „Berlins new creative district“ geht es um Neukölln. Künstler, Fotografen und Journalisten werden vorgestellt, ein paar Cafés empfohlen. So weit, so cool. Am Ende stehen die Quadratmeterpreise im Bezirk, die viel billiger seien als in Mitte. Und der Tipp eines Maklers: Führen Deutschsprachige die Kaufverhandlungen, sinken die Preise. Mit der Nachfrage auf dem Immobilienmarkt steigt auch die Drastik der Unmutsäußerungen derjenigen, die sich davon bedroht fühlen. Als die Berlin Biennale diesen Sommer einen ihrer zentralen Spielorte nach Kreuzberg legte, wurden zur Eröffnung die Macher prompt per Plakat von Gentrifizierungsgegnern zur Fahndung ausgeschrieben.
Einen anderen, nutzerfreundlicheren Umgang mit Immobilien wünscht sich Schliesser. Die Erbbaurechtslösung von Exrotaprint mit ihren vertraglich festgeschriebenen Nutzungszielen könnte ein Modell sein. Damit kann man die Verdrängungsmechanismen verlangsamen und den Kreativstandort sichern. „Das größte Konjunkturprogramm für die Kreativwirtschaft in den letzten 20 Jahren waren die günstigen Mieten“, sagt er. So entstand die Club- wie die Kunstszene – die Keimzellen der heutigen Kreativwirtschaft, auf der so viele Hoffnungen ruhen. „Das Problem ist“, fasst Schliesser zusammen: „Wenn ein Viertel kippt, sind auch die Kreativen wieder weg.“