9.11.1918

100 Jahre Revolution

Am 9. November 1918 wurde in Berlin der ­deutsche Kaiser gestürzt, darauf folgend die ­Demokratie ­erkämpft. Die heutige Stadt und das heutige Deutschland sind massiv davon geprägt

Das von Linksradikalen besetzte „Vorwärts“-Gebäude in der Kreuzberger Lindenstraße ist von Regierungstruppen umstellt. Artilleriegranaten zerschmettern den Komplex, Scharfschützen töten Besetzer. Es ist der 11. Januar 1919. Mit der brutalen Niederschlagung des Januaraufstandes eskaliert eine Phase des Umsturzes, die zwei Monate vorher begann, mit der Novemberrevolution. Vor genau 100 Jahren.

An diesem 11. Januar finden die härtesten Kämpfe im Zeitungsviertel statt. Anna Steinbring, eine junge Neuköllner Arbeiterin, feuert im Verlagsgebäude der SPD-Zeitung am letzten Maschinengewehr auf die Soldaten. Steinbring und andere Linksradikale aus dem Stadtteil stellen beim „Vorwärts“ den kampfstärksten Trupp.

„Die Neuköllner waren bekannt für ihr militantes links­radikales Milieu“, sagt Bernd Langer, Autor eines Buches über die deutsche Novemberrevolution. Langer trägt ein T-Shirt, auf dem unter zwei Köpfen in Sturmhauben „Mob Action“ steht. Er sieht in den Kämpfen 1918/19 den Beginn eines Aufbruchs, dessen Forderungen auch mit dem Hier und Heute zu tun haben. „Es geht um die ­politische und soziale Gleichberechtigung der Menschen, Basisdemokratie, Abschaffung der kapitalistischen ­Ausbeutung.“

Am 9. November 1918 beendet die mächtigste deutsche Revolution die Monarchie und begründet die Demokratie. Es ist ein politischer und sozialer Quantensprung. Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte wird die Versammlungsfreiheit gesetzlich verankert, das Frauenwahlrecht realisiert, der Achtstundentag eingeführt.

Bernd Langer ist einer von vielen Berlinern, die darum kämpfen, dass diese Revolution nicht vergessen wird. Langer ist seit Ende der 70er-Jahre als autonomer Antifaschist aktiv. Heute leitet er gelegentlich Führungen und Radtouren zur Novemberrevolution. An diesem Sonntag kommt ein Dutzend Interessierte. Sie sehen eigentlich recht bürgerlich aus. Rund um einen Sockel auf dem Potsdamer Platz lehnen sie sich auf und an ihre Fahrräder, während Langer vor ihnen jenen Mann beschwört, der an ungefähr dieser Stelle die Revolution ins Rollen brachte. Am 1. Mai vor 102 Jahren. Zwei Sätze hat er gebraucht.

Potsdamer Platz:
Karl Liebknechts Unvollendete

„Das fertige Denkmal war die Mauer.“ Ralf Hoffrogge, Historiker, über den Karl-Liebknecht-Gedächtnis-Würfel auf dem Potsdamer Platz
Foto: F. Anthea Schaap

Karl Liebknecht ist Teilzeit-Soldat wider Willen. Wenn der Parlamentarier frei hat, wird er an die Ostfront geschafft, Gräben schippen. Es ist die Strafe dafür, dass der SPD-Abgeordnete im Reichstag die Kriegskredite des Kaisers Wilhelm II. nicht abnicken wollte. Er und die mangels aktivem und passivem Frauenwahlrecht außerparlamentarisch arbeitende Rosa Luxemburg sind die Ikonen der Anti-Kriegs-Bewegung.

Der rechte Flügel der SPD will Liebknecht für seine Stimme gegen den Krieg aus der Partei ausschließen, in der Bevölkerung findet er dagegen viel Zuspruch. Seine Unterstützer sammeln sich am 1. Mai 1916 auf dem Potsdamer Platz, ohne Schilder und Transparente, denn wer sich als Demonstrant zu erkennen gibt, wird sofort verhaftet. Liebknecht ruft: „Nieder mit dem Krieg. Nieder mit der Regierung“, dann greifen die Polizisten zu. Sie nehmen Liebknecht fest und prügeln die Menge auseinander. Aus Protest gegen Liebknechts Verurteilung streiken später 55.000 Menschen – die linken Intellektuellen und die Arbeiter finden zusammen.

Die Stelle, an der Liebknecht sprach, ist heute noch gut erkennbar. Ein Steinquader steht dort auf dem Potsdamer Platz. Drumherum ist alles voller Filialen und Zentralen internationaler Konzerne. Der Kapitalismus hat weltweit gesiegt. Der Reichtum bündelt sich. Immer mehr Arbeitnehmer kämpfen um immer weniger Arbeitsplätze, der gesellschaftliche Zusammenhalt erodiert. Weltweit wird der Ton schärfer, rechte Parteien und starke Führer haben Konjunktur. Liebknecht und Luxemburg wollten das nicht. Sondern: eine Gesellschaftsordnung, in der die Wirtschaft von den Arbeitern geleitet wird und die Welt von ihrer Bevölkerung. Frieden und politische Teilhabe für alle.

1916 steht der ganze Kontinent unter Schock. So etwas Grausames wie den Ersten Weltkrieg gab es noch nie. Nicht auf diesem industriellen Niveau. Die SPD unterstützt dennoch den Kaiser. Die Kriegsgegner im Parlament, die sich nur in der SPD finden, werden vom rechten SPD-Flügel ausgeschlossen und gründen im April 1917 die USPD, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands.

Es jährt sich nicht nur die Novemberrevolution, sondern wir feiern auch 50 Jahre 1968. Rosa Luxemburg und Rudi Dutschke, Spartakusbund und SDS, Karl Liebknecht und K-Gruppen, die Geburt und Moderne der deutschen Anti-Kriegs-Bewegung. Und noch dazu am 9. November neben der Novemberrevolution auch den Mauerfall. Das Ende der angeblichen Erben von Luxemburg und Liebknecht.

Eigentlich sollte an der Stelle, an der Karl Liebknecht seine Anti-Kriegs-Rede hielt, ein Denkmal für ihn entstehen, die DDR legte den Grundstein am 13. August 1951, auf den Tag genau zehn Jahre vor dem Mauerbau. Das Liebknecht-Denkmal wurde nie vollendet, es lag im Niemandsland an der Grenzbefestigung. Jetzt weist eine Tafel an seinem Sockel, das ist der Steinquader, darauf hin.

Ralf Hoffrogge kommt gern an diesen Ort. Er ist auch einer, der das Erbe der Revolution weiterträgt. Der Historiker hat das Geschehen zur Novemberrevolution wissenschaftlich untersucht und eine Biografie über den geheimen, wahren Anführer der Novemberrevolution, Richard Müller, geschrieben. Hoffrogge sagt: „Dieser Sockel zeigt, dass die DDR Liebknechts Erbe nicht antreten konnte. Sie stellte ein halbes Denkmal für ihn hin, aber das fertige Denkmal, das dann zu sehen war, war die Mauer.“

Die DDR ist gescheitert. Das Schicksal des SED-Staates ähnelt dem jedes sozialistischen Experiments weltweit. Auch in Russland, China, Kuba hat das Volk wenig zu melden. Nach dem Terror der Nazis war die DDR eigentlich angetreten, das Erbe der Novemberrevolution zu bewahren. Doch 1918 ging es nicht um Einparteienherrschaft. Es hieß nicht nur: Alles gehört allen. Sondern auch: Alle bestimmen gemeinsam, was sie damit tun.

In den Betrieben wird die Basisdemokratie, von der Liebknecht schwärmt, im Geheimen schon längst praktiziert. Die Arbeiter vernetzen sich, wählen Abgeordnete, schicken diese zu Vertretern anderer Gruppen, die gemeinsam wieder Entscheidungen fällen. Eine illegale demokratische Organisation von Plena auf verschiedenen Ebenen. Die Mittelsmänner treffen sich zu Stammtischen oder privat. Sie nennen sich „Revolutionäre Obleute“, sie schreiben nie ein Protokoll und auch keine Flugblätter. Der Anführer der geheimen Arbeiterbewegung ist der 34-jährige Richard Müller. Er will das Rätesystem, mit dem die Revolutionären Obleute und die Arbeiter sich organisieren, zur Grundlage von allen Entscheidungen machen, eine umfassende Basisdemokratie für alle Belange.

Anhalter Bahnhof:
Die Deutschen und ihre Bahnsteigkarten

Herbst 1918: Der Krieg ist so gut wie verloren, der Kaiser übergibt die Verantwortung für Friedensverhandlungen an das Parlament. Am 23. Oktober wird Karl Liebknecht im Rahmen einer Generalamnestie entlassen, er reist sofort nach Berlin. Die Polizei will keinen großen Jubelempfang und kontrolliert deshalb die Tickets. Über 1.000 Revolutionäre kaufen sich eines, um zu ihrem Idol zu kommen. Der russische Revolutionsführer Lenin sagt später angeblich: „Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas, wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte!“

„Berlin zieht seit Jahrhunderten Aufständische aus aller Welt an.“ Wladek Flakin, Revolutions-Stadtführer am Anhalter Bahnhof
Foto: Anthea F. Schaap

Dort, wo früher die Gleise des größten Bahnhofs der Stadt lagen, ist heute ein Sportplatz. Der Anhalter Bahnhof ist am Ende des Zweiten Weltkrieges zerbombt worden, nur das Eingangsportal steht noch verloren auf dem Platz herum. Davor spricht Wladek Flakin vor einer Gruppe Touristen über die Revolution. Flakin trägt ein T-Shirt mit einem Spruch von Rosa Luxemburg darauf: „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass dieser Staat zerstört werden muss.“ Er ist Stadtführer für „Revolutionary Berlin“ und hat auch Touren zu den Maikrawallen in Kreuzberg im Programm. Wladek Flakin ist ein Pseudonym des linken Aktivisten. Er sagt: „Wer weiß, ob dieser Lenin-Witz echt ist. In Wirklichkeit erlebt Berlin immer wieder Aufstände – und zieht seit Jahrhunderten Aufständische aus aller Welt an. 1918 haben Arbeiter den Kaiser gestürzt. Anfang der 1930er war die KPD die größte Partei in der Hauptstadt. 1968 revoltierten die Studis, und danach kamen die Hausbesetzer. In den letzten paar Jahren ist es in den Betrieben und an den Universitäten etwas ruhiger geworden. Doch dank Wohnungsnot, Prekarisierung und Militarismus wird es nicht so lange dauern, bis wir neue Aufstände erleben.“

Kurz nach Liebknechts Freilassung flieht der Kaiser nach Belgien. In Kiel meutern bald darauf die Matrosen, die Stadt wird von Arbeiter- und Soldatenräten übernommen. Die Räte-Idee verbreitet sich innerhalb von Tagen über ganz Deutschland. 17 Könige fallen, darunter die von Württemberg und Bayern. Der Spartakusbund und die Revolutionären Obleute wollen in Berlin am 9. November losschlagen. Richard Müller, ihr Anführer, steht am Vorabend der Revolution am Halleschen Tor. „Schwer bewaffnete Infanteriekolonnen, Maschinengewehr-Kompagnien und leichte Feldartillerie zogen in endlosen Zügen an mir vorüber. Kein Zweifel, das sollte in Berlin die Revolution des Volkes im Blute ersäufen“, schreibt er später in einem Buch über die Zeit.

Berliner Vororte:
Die Revolution beginnt

Die Demonstrationszüge starten am Morgen des 9. November an Industriestandorten vor der Stadt, in Spandau, Lichtenberg oder Köpenick, und strömen nach Mitte. Als erstes ziehen sie zu den Kasernen. Soldaten wechseln die Seite und drehen als Zeichen für ihre friedliche Gesinnung ihre Gewehre mit dem Lauf nach unten. Es gibt Schießereien – bei einer Kaserne auf dem heutigen BND-Gelände, an Stadtschloss und Humboldt-Universität – mit insgesamt 20 Toten, aber für eine Revolution läuft es außergewöhnlich unblutig ab.

„Für die war das ein Gefühl, als läge die Weltrevolution drei Schritte vor ihnen“, sagt Bernd Langer, der Neuköllner Sachbuchautor und Fahrradführer mit Fachgebiet Revolution.

Reichstag und Stadtschloss:
Erst Berlin, dann die Welt

Massen versammeln sich vor dem Reichstag. Weil der Kaiser auf ein Telegramm – was denn nun zu tun sei – nicht reagiert, übergibt sein Statthalter die Macht spontan an den SPD-Politiker Friedrich Ebert und flüchtet. Ebert will sich von den Massen nicht beim Essen stören lassen. Also stellt sich Philipp Scheidemann ans Fenster und behauptet den Rücktritt des Kaisers. Nun solle man Ruhe geben. Ebert lässt sich später zum Führer einer Revolutionsregierung küren, die im Grunde aus der alten Regierung besteht. Sie tagt weiter im Reichstag.

Jaana Prüss und Bjöoern Weigel
„Wir stehen wieder an einem Punkt, an dem Einmischung gefragt ist.“ Jaana Prüss und Bjoern Weigel am Marstall, in dem Berlins Revolutionsarmee residierte
Foto: F. Anthea Schaap

Die Fassade ist noch die alte, nur die Kuppel ist neu. Und die SPD, die heute im Reichstag sitzt, tat das auch vor 100 Jahren. Man kann die Novemberrevolution auf zwei Arten lesen. Für die heutige SPD ist sie ein voller Erfolg. Die Wende vom Kaiserreich zur parlamentarischen Demokratie. Links von der Sozialdemokratie bedauern viele, dass damals die Chance zu umfassender direkter Mitbestimmung ungenutzt blieb.
Die Gedenkfeierlichkeiten zur Novemberrevolution sind 2018 weit bescheidener als die zur Wiedervereinigung. Jaana Prüss und Bjoern Weigel von der Landesgesellschaft Kulturprojekte Berlin wollten zum 100-jährigen Jubiläum auf der Wiese vor dem Reichstag zeigen, wie aktuelle Revolutionen aussehen können. Im Rahmen einer Mitmachperformance der Künstlergruppe „Tools for ­Action“ sollten Menschen mit rot leuchtenden, aufblasbaren Kissen hier entlangziehen – eine weiße Version dieser Kissen kam tatsächlich schon bei Demonstrationen zum Einsatz, um die Polizei auf Abstand zu halten. Aber Prüss und Weigel bekamen keine Genehmigung, die Reichstagswiese zu nutzen. Die Performance startet jetzt am Podewil.

Dazu bespielen Prüss und Weigel gegen viele Widerstände mit einem historischen Möbelwagen und 100 Ortsmarkierungen den ganzen Winter über Berlin mit Revolutionserinnerungen. Jaana Prüss, die Kuratorin, sagt: „Wir stehen jetzt wieder an einem Punkt, an dem das aktuelle System bedroht scheint und Beteiligung und politische Einmischung gefragt ist. Wir wollen deshalb mit künstlerischen Aktionen und Vordenkern wie Harald Welzer oder Philipp Ruch einen Diskurs über die Zukunft der Demokratie und unsere Grund- und Freiheitsrechte eröffnen.“

Zwei Stunden nach Scheidemanns Verkündung ruft Karl Liebknecht von einem Lkw vor dem Stadtschloss die „Sozialistische Republik Deutschland“ aus. Dann lassen ihn die Wachsoldaten hinein. Vom Balkon des Portal V hält er eine weitere Rede und verkündet die internationale Revolution der Arbeiterklasse. Rosa Luxemburg sitzt derweil noch im Zug aus dem Gefängnis in Breslau, sie war dort zur „Abwendung einer Gefahr für die Sicherheit des Reichs“.

Das Portal, von dem aus Liebknecht sprach, hatte schon damals eine Geschichte. Vier Jahre zuvor hatte der Kaiser von dort aus den Kriegseintritt verkündet. Zur Zeit gibt es den Schlosseingang sogar zweimal. Am ursprünglichen Ort führt er in den Nachbau des Schlosses, das der Kaiser einst verließ. Wiedererrichtet von einer Regierung mit SPD-Beteiligung, in einer SPD-geführten Stadt. Das Originalportal hat die DDR gerettet, bevor sie das Schloss abriss, sie integrierte es in ihren Neubau des Staatsratsgebäudes. Heute bildet es die Front der Privatuniversität „European School of Management and Technology“.

Circus Busch:
Berlin als Haus­projekt

Bernd Lange
„Für die war das ein Gefühl, als läge die Weltrevolution drei Schritte vor ihnen.“ Bernd Langer, Sachbuchautor, vor dem Liebknecht-Portal, das heute eine private Management-Uni ziert
Foto: F. Anthea Schaap

Der Herrscher ist weg. Anstatt dass Anarchie ausbricht, gründen sich plötzlich für alles Räte: Künstler, Lehrer, Bezirke, Truppeneinheiten. Die Revolutionären Obleute rufen Vertreter aller Räte Berlins am 10. November in den Circus Busch, einen inzwischen abgerissenen Bau auf dem heutigen James-Simon-Park nahe des Hackeschen Markts. 2.000 bis 3.000 Menschen kommen, es gibt keine Regularien, wie abgestimmt wird. Ein großes Chaos. Liebknecht wird von SPDlern niedergebrüllt. Rosa Luxemburg weigert sich, vor ihnen zu sprechen.

Der Historiker Ralf Hoffrogge sagt: „Es ist der berühmte rechtsfreie Raum. Die Armee bricht zusammen, Leute, die vorher Streikversammlungen organisiert haben, stürmen Ministerien und hissen da neue Fahnen. Und dann ist ganz Berlin wie ein Hausprojektplenum. Es geht auch um die Selbstverwaltung – wer macht die Reparaturen, organisiert die Nahrung?“

Der Sachbuchautor Bernd Langer kennt sich als Ex-Autonomer damit aus, wie schwierig Basisdemokratie ist – schon wenn sie nur wenige Menschen umfasst. Er sagt: „Es gibt bis heute kein ausgereiftes Rätesystem, das man hätte anwenden können, auch das in Russland war ja nur ein, letztlich furchtbar gescheiterter, Versuch.“

Preussischer Landtag:
Politischer Selbstmörderklub

Die 14 von der Versammlung im Circus Busch gewählten Abgeordneten unter Vorsitz von Richard Müller ziehen in den Preußischen Landtag, ins heutige Berliner Abgeordnetenhaus, zu fast täglichen Sitzungen. Aus Pragmatismus wird die Revolutionsregierung rund um Ebert bestätigt. Am 11. November erklärt die neue Regierung den gegnerischen Nationen die bedingungslose Kapitulation. Der Krieg ist vorbei.

Die Räte-Vertreter aus Berlin rufen Räte-Vertreter aus ganz Deutschland zusammen. 485 Delegierte sind eingeladen, Luxemburg und Liebknecht nicht. Die beiden demonstrieren mit Zehntausenden vor dem Gebäude für „alle Macht den Räten“, während drinnen der Reichsrätekongress vom 16. bis zum 20. Dezember vor allem seine Selbstabschaffung beschließt. Die Abgesandten verzettelten sich in Diskussionen und scheiterten daran, ein funktionsfähiges Plenum zu bilden. Revolutionsführer Richard Müller schreibt später: „Ich habe meine Erwartungen nicht allzu hoch gestellt, aber dass dieser Kongreß zu einem politischen Selbstmörderklub werden würde, habe ich nicht geglaubt.“

Zum Jahreswechsel 1918/19 wird im Festsaal des heutigen Berliner Abgeordnetenhauses von Luxemburg, Liebknecht und anderen die KPD gegründet. An die revolutionären Episoden erinnern zwei Texttafeln, ganz hinten im Erdgeschoss, bei den Klos.

Berlins Kultursenator Klaus Lederer, Die Linke, sitzt in einem Konferenzraum seiner Senatsverwaltung in der Brunnenstraße in Mitte und sagt: „Für Rosa Luxemburg waren Parteien nur ein Instrument unter vielen, mit denen man umfassende Demokratisierung möglich machen kann. Insofern wäre es vermessen zu sagen, man tritt als Parteipolitiker ihr Erbe an. Aber eine linke Partei muss ihre eigene Geschichte annehmen und zu dieser Geschichte gehört Rosa Luxemburg mit Sicherheit dazu.”

Kultursenator Klaus Lederer
Foto: Lena Gannsmann

Luxemburg wäre mit der heutigen parlamentarischen Demokratie vermutlich nicht zufrieden gewesen. Brauchen wir mehr Mitbestimmung, Herr Lederer?

„Es wäre, glaube ich, zu einfach zu sagen: Rosa Luxemburg hätte sich mehr Volksentscheide gewünscht.“ Richtig, denn sie wollte ja sogar ein Rätesystem. „Die gesellschaftlichen Probleme sind viel zu komplex, als dass wir sie mit dem Allheilmittel ,Wir führen alles zurück auf die Rätezelle‘ lösen könnten. Wir leben in einem global organisierten Kapitalismus, in dem Finanzmärkte die Art und Weise des Wirtschaftens vorprägen. Wenn, dann ist das vielleicht das Interessante. Dass Rosa Luxemburg versucht hat, alle gesellschaftlichen Sphären zu demokratisieren, auch die Wirtschaft.“

Rosa Luxemburg forderte dazu die internationale Solidarität der Arbeiterklasse, in Ihrer Partei wirbt gerade die Bundestags-Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht für harte Grenzen. Wie passt das zusammen?

Lederer sagt: „Die Probleme des Globus – Klimawandel, Migrationsbewegungen, Kriege, Krisen und Konflikte – lassen sich nicht auf nationalstaatlicher Ebene lösen. Grenzen hochzuziehen ist eine rückwärtsgewandte Strategie, die nicht aufgeht. Aber sie ist ein weltweiter Trend.“

Die Gegenbewegung hat sich in Berlin Mitte Oktober am Alexanderplatz gezeigt. Rund 240.000 Menschen starteten zu einer Demo für eine freie und offene Gesellschaft. Die Angst vor dem Rechtsruck lässt das bürgerliche Lager und die Linken zusammenwachsen. Parteimitglieder, Klimaschützer, Datenschützer, Kurden, Lesben und Schwule, antifaschistische Fußballfans. Vorne wird die Internationale gesungen, hinten zu Techno getanzt.

Stadtschloss:
Blutige Weihnachten

Die Matrosen, die den deutschlandweiten Aufstand am 3. November in Kiel angezettelt hatten, sind zum Teil in ihre Heimatstädte gereist, um die Revolution auch dorthin zu tragen. Die Berliner residieren im Schloss, im Marstall und auf dem Gelände des heutigen Hauptbahnhofs. Die von ihnen gebildete Volksmarinedivision ist die größte Gruppe bewaffneter Revolutionäre, 3.000 Mann. Sie klauen im Schloss Inventar und bedrohen den Weinkeller, so die bürgerliche Presse.

Als der neue Stadtkommandant Otto Wels, SPD, die Matrosen auffordert, in den Marstall umzuziehen, und erst danach Sold ausbezahlen will, wird er verprügelt und festgesetzt. Friedrich Ebert lässt daraufhin Schloss und Marstall umstellen, mit Maschinengewehren und Artillerie. An Heiligabend werden ab 8 Uhr morgens 60 Granaten auf die Revolutionäre gefeuert. 70 Menschen sterben.

Der Revolutions-Autor Bernd Langer sagt: „Zum ersten Mal seit 1848 sind in der Stadt Kanonenschüsse gegen Aufständische zu hören. In der revolutionär aufgewühlten Stadt machen sich spontan vor allem proletarische Massen auf, den bedrängten Matrosen zur Hilfe zu eilen. Frauen und Kinder reden auf die Soldaten ein: ,Warum schießt ihr? Für welche Regierung kämpft ihr?‘ Dass sie derart angesprochen werden, verunsichert die Soldaten so, dass viele ihre Gewehre wegwerfen und gehen.“

Friedrich Ebert hat keine Armee mehr und geht ins Bett. Die Vertreter der USPD, der revolutionsnahen SPD-Abspaltung, verlassen aus Protest gegen die Militäraktion Eberts Regierung. Er kann sie mit seinen Leuten besetzen.

Alexanderplatz:
Der zweite Versuch

Die Rote Burg, Berlins Polizeipräsidium, ist ein imposanter Backsteinbau. Der Chef, Emil Eichhorn, ist als einziger USPD-Mann noch im Amt. Am 4. Januar wird er von der Ebert-Regierung abgesetzt. Er verschanzt sich mit Getreuen im Präsidium, rund 200.000 Menschen gehen für ihn auf die Straße. Seine Unterstützer besetzen strategisch wichtige Bahnhöfe und Gebäude.

Als in Kreuzberg und Friedrichshain in den 1980er- und 90er-Jahren Häuser besetzt wurden, geschah das auch im Geist von Liebknecht und Dutschke. Spätestens seit 1918 ist klar, dass der Kampf zwischen Oben und Unten auch ein Kampf um die Häuser sein wird. Das Thema ist angesichts der steigenden Mieten und der vielen Kurzzeit-Besetzungen, die es diesen Herbst gab, wieder brandaktuell. Die Revolutionäre von damals wollten aber nicht nur wohnen, sie besetzten auch Bahnhöfe und das „Zeitungsviertel“, die Gegend, in der heute „taz“ und „Bild“ residieren.

Statt Regierungspropaganda wird nun die der Revolutionäre gedruckt. Die Zeitung ist das einzige Massenmedium, Radio noch kaum verbreitet. Die symbolträchtigste Besetzung ist die des „Vorwärts“, der SPD-Zeitung durch die militanten linksradikalen Neuköllner*innen, unter denen auch Anna Steinbring, die Frau hinterm Maschinengewehr, ist. Die Revolutionärin wird festgenommen und verurteilt, danach verliert sich ihre Spur. Kameraden, die sich ergeben wollten, werden hingerichtet.

Arbeiterführer Richard Müller will den Aufstand nicht unterstützen, viele seiner Mitstreiter sind mittendrin. Aber die Kämpfer sind nur schwer zu kommandieren, über Befehle wollen sie oft erst diskutieren. Mit dem Polizeipräsidium auf dem Alexanderplatz fällt am 12. Januar die letzte Bastion des Januaraufstandes. Etwa 170 Menschen kommen in ihm um. Die SPD-Regierung hat gesiegt.

Dort, wo früher die rote Burg stand, die letzte Bastion der Antikapitalisten, steht heute das Einkaufszentrum Alexa, ebenfalls ein roter Koloss. Die Linke erkämpfte nach 1918 und 1968 zwar Rechte für Frauen und Arbeiter, schuf Grundlagen für gesellschaftliche Wenden, aber zu einer reellen Alternative hat es bis heute nicht gereicht. Die linke Idee – alles gehört allen und alles wird gemeinsam entschieden – funktioniert ja selbst im Kommunenmaßstab oft nicht. Es bräuchte unendlich viel Zeit, die Probleme der Welt auszudiskutieren. Vielleicht Generationen. Oder aber das Internet. Wie damit Basisdemokratie erleichtert werden kann, haben die Piraten bei der Entwicklung ihres Parteiprogramms mit der Abstimmungssoftware Liquid Feedback vorgemacht.

Tiergarten:
Eine fatale Allianz

Weil die verbliebenen Soldaten oft unzuverlässig sind, lässt die SPD-Führung Freikorps aufstellen: von Offizieren zusammengestellte Söldnertruppen.

Die Freikorps und die alten Militärführer, mit denen die SPD sich verbündet, werden später bei Hitlers Machtergreifung eine große Rolle spielen. Die fatale Allianz mit den radikal Rechten ist ein Trauma, an dem die Partei bis heute trägt. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, genau 20 Jahre nach dem Beginn der Revolution von 1918, zeigen die Nazis in der Reichspogromnacht ganz offen ihr hässliches Gesicht. Auch das ist ein Erbe der Novemberrevolution, die Unfähigkeit, eine Alternative zu den Nazis zu bieten. Stattdessen wurde im Berlin der 1920er getanzt und gefeiert. Ein bisschen wie heute vielleicht.

Am 15. Januar 1919 haben die Freikorps Berlin weitgehend besetzt. Geheim-Einheiten spüren Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht auf und verhaften sie. Dabei haben sich die beiden nicht an den Kämpfen beteiligt, sondern derweil revolutionäre Artikel verfasst. Luxemburg wird totgeprügelt, dann fahren ihre Mörder sie zum Landwehrkanal und werfen sie ins Wasser hinterm Zoo. Liebknecht wird am Nordufer des Neuen Sees im Tiergarten von hinten erschossen.

Deutschlandweit:
Volkes Stimme

Die Wahl zur verfassungsgebenden Nationalversammlung am 19. Januar 1919 ist Deutschlands erste echte, freie Wahl. Ohne Dreiklassenwahlrecht, für Frauen offen. Wahlbeteiligung: 92 Prozent. Die SPD wird mit 37,9 Prozent stärkste Kraft, Reichspräsident wird Ebert, Ministerpräsident Scheidemann. Die Weimarer Verfassung, die die Abgeordneten beschließen, ist in weiten Teilen noch heute die Grundlage der deutschen Demokratie.

Bjoern Weigel, der das Gedenken an die Revolution im Senatsauftrag den ganzen Winter 2018/19 lang in die Stadt tragen wird, sagt: „Mit der Weimarer Reichsverfassung gibt es erstmals einen Katalog von Grundrechten in Deutschland. Hier sieht man, wie wird sowas durchgesetzt, warum ist das relevant und was heißt es, wenn es das nicht gibt. Desinteresse ist keine Option, das zeigt diese Revolution. Man muss sich positionieren.“

Alexanderplatz:
Entwurf einer neuen Welt

Von der eingeforderten Sozialisierung von Betrieben ist nichts zu sehen. Im März gibt es deshalb erneut große Streiks, Linke überfallen in Berlin eine Polizeistation.

Gedenkveranstalter Weigel sagt: „Die Märzkämpfe beginnen mit Fakenews: den gezielt lancierten Gerüchten, die Aufständischen hätten 60 Polizisten umgebracht. Und die Zeitungen greifen das auf. In Wahrheit sind zwei Polizisten ums Leben gekommen. Am Ende wurden deshalb mindestens 1.200 Menschen, meist Zivilisten, getötet. Man sieht, welche Kraft Populismus hat. Aus Fakenews wird wirklicher Schrecken.“

30.000 Freikorps-Söldner marschieren auf Geheiß der SPD in Berlin ein. Auf dem Alex stoßen sie auf Matrosen der Volksmarinedivision. Die Kämpfe weiten sich aus. Die Allianz aus neuer Regierung und alter Militärführung rückt mit Panzern, Flammenwerfern und Kampfflugzeugen vor. Danach gibt es nie wieder einen bewaffneten Aufstand in Berlin.

Arbeiterführer Richard Müller hat während der Kämpfe an einem System von Zuständigkeiten für eine umfassende Selbstverwaltung von lokalen und übergeordneten Räten getüftelt. Müller-Experte Ralf Hoffrogge sagt: „Das ist symptomatisch für linke Revolutionen: Die Räte haben keine Zeit, sich zu organisieren. Müller versucht, wenigstens eine demokratische Streikleitung aufzustellen, aber am Ende fällt der Strom aus, und eine Sitzung ist unmöglich. Es gelingt nicht, die Streiks zu koordinieren – die Gegenrevolution siegt.“

Die Toten vom November und Dezember liegen auf dem Friedhof der Märzgefallenen von 1848 im Volkspark Friedrichshain, die später Verstorbenen werden auf dem heutigen „Sozialistenfriedhof“ in Lichtenberg beerdigt, in der Ecke für Seuchenopfer.