LEIDER WEGEN CORONA ABGESAGT

Die Kunst dem Volke

Die Besucherorganisation Freie Volksbühne, heute bekannt als Kulturvolk, begeht ihren 130. Geburtstag mit der Revue „Teatro Piscator!“ – dabei wird
auch Kultursenator Klaus Lederer in den Boxring steigen

Teatro Piscator! Die 130-Jahre-Freie-Volksbühnen-Revue – Foto: VB

Text: Tom Mustroph

Was für eine Geschichte: Was einst als ille­galer Lese- und Diskutierklub der im Kaiser­reich verbotenen Arbeiterbewegung begann, wuchs später zu einer 160.000 Mitglieder starken Organisation heran, die zwei Theater baute: die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und das Haus der Berliner Festspiele. Jetzt zählt das Kulturvolk vergleichsweise karge 6.500 Mitglieder – und muss sich zum 130. Geburtstag ins einst eigene Haus, die Volksbühne, einmieten.

Immerhin soll die Geburtstagsrevue „Teatro Piscator!“ den alten revolutionären Geist wachkitzeln. „Sie ist an Piscators „Revue Roter Rummel“ aus dem Jahr 1924 angelehnt“, erzählt Regisseur Christian Filips. Das war eine imposante Show aus etwa 20 Szenen, die zur Wahlkampfunterstützung der KPD vor Zehntausenden Menschen gezeigt wurde. Proleten und Bürger traten auf, aber auch Marsmenschen. Überliefert sind Boxkämpfe, Gesang und Keulenschwing-Ballette.

Den Boxkampf will Filips auf alle Fälle übernehmen. „Kandidaten sind Klaus Lederer und Kevin Kühnert“, sagt er. Ex-Juso-Chef Kühnert bekommt auch noch die Rede von Willy Brandt übergepasst, die der spätere Kanzler 1963 zur Eröffnung der Freien Volksbühne in der Schaperstraße hielt.

Eröffnungsintendant war der „Rote Rummel“-Macher Erwin Piscator. Der Thea­teravantgardist der Weimarer Republik war eine Art Pionier der Postdramatik: Er holte Laien auf die Bühne, integrierte Filmprojektionen ins Theaterspiel und entwickelte das Dokumentar-Theater. Und er bewegte Massen – vor wie auf der Bühne. Seine Revuen hatten oft mehr als 100 Mitstreiter. „Auch wir sind Minimum 100 Darsteller“, versichert Filips.

Die mit Hilfe von Arbeitergroschen von der Besucher­organisation errichtete Volksbühne vor der teilweisen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. Hier war Erwin Piscator von 1924 bis 1927 Oberspielleiter – Foto: Landesarchiv Berlin/Fotograf Oskar-Kaufmann

Alice Ströver, Geschäftsführerin des Kulturvolks und Auftraggeberin der Show, sieht in der Geschichte des Kulturvereins Stadt-, ja Weltgeschichte widergespiegelt. „Unser erstes Haus, die Volksbühne, wurde durch den 1. Weltkrieg erst verspätet eröffnet. Als unser zweites Haus geplant wurde, ging man von der ganzen Stadt als potentielles Publikum aus. Zur Eröffnung stand schon die Mauer und die Mitglieder im Osten konnten nicht mehr kommen“, erzählt sie. Illegale Mitglieder gab es aber weiter im Osten. Manche kamen nach Mauerfall mit ihren alten Mitgliedsausweisen an.

Da hatte der Verein noch etwa 25.000 Mitglieder. Nachdem der Senat 1992 die Förderung für das Theaterhaus der Freien Volksbühne strich und 1999 das Haus verkauft werden musste, traten Mitglieder scharenweise aus.„Der Tiefpunkt war 2008 mit etwa 4.000 Mitgliedern erreicht“, erzählt Ströver. Jetzt hat die Besucherorganisation ohne eigenes Haus wieder 6.500. Sie setzt laut Ströver pro Jahr etwa 50.000 Karten um, bei allen Stadttheatern, Opern, Konzerthäusern sowie der freien Szene in Berlin und Brandenburg. „Wir kooperieren mit den Wohnungsbaugesellschaften und konnten so Menschen gewinnen, die vorher nicht ins Theater gingen“, sagt Ströver. Das Kulturvolk – so umbenannt, um nicht mehr mit der ­Volksbühne verwechselt zu werden – ist also wieder proletarischer geworden. Piscator hätte das gefallen.

In der Revue treten viele mit der Geschichte der Besucherorganisation verbundene Schauspieler auf. So ist etwa Hermann Treusch dabei, bis 1992 Intendant des Theater der Freien Volksbühne, und mit Margarita Breitkreiz und Maximilian Brauer prägende Schauspielende der Castorf-Volksbühne.

In Berlin gibt es noch drei weitere Besucherorganisationen. Der Berliner Besucherring ist mit 535 Mitgliedern die kleinste. Die TheaterGemeinde Berlin hat bundesweit 13.000 Mitglieder – und ist historisch als bürgerliche Gegengründung zur Freien Volksbühne 1919 unter dem Namen Bühnenvolksbund entstanden. 1963 wurde sie als TheaterGemeinde Berlin neu aufgestellt.

Der Berliner Theaterclub, 1967 gegründet, hat 23.000 Mitglieder. Manager Dirk Streich stellt fest, dass Theatergänger sich inzwischen wieder gern längerfristig binden. „Es sind zwei gegenläufige Trends: Manche Menschen wollen sich früh festlegen, andere spontan entscheiden“, sagt er.

Das beobachtet auch Alice Ströver. Etwa 20 Prozent ihrer Mitglieder nutzen Abonnements, legen sich also über eine gesamte Theatersaison fest. 80 Prozent hingegen kaufen Karten spontan, teilweise noch am Veranstaltungstag selbst. Neue Flexibilität von alten Institutionen – und Rabatte von bis zu 40 Prozent pro Karte.

VERANSTALTUNG WURDE WEGEN CORONA ABGESAGT!

„Teatro Piscator – 130-Jahre-Freie-Volksbühne-Revue“: 23.3. 19.30 Uhr, Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Regie: Christian Filips, mit Ilse Ritter, Ilja Richter, Georgette Dee, Hermann Treusch, Margarita Breitkreiz, Maximilian Brauer, Bolschewistische Kurkapelle, Klaus Lederer, Kevin Kühnert u.a., Eintritt 15, Kulturvolk-Mitglieder 10 €

www.kulturvolk.de/130-jahre-fvb