GEBURTSTAG

Die Jubiläums­einstiegsdroge

Das Kurztanz-Format „Lucky Trimmer“ in den Sophiensaelen feiert seinen 15. Geburtstag. Und es startet mit dem neuen Programm „Lucky Spot“ auch noch ein Back-to-the-Roots-Experiment

Text: Tom Mustroph

„Lucky Trimmer“ ist eine Berliner Legende. 2004 schraubten der New Yorker Tänzer und Choreograf Clint Lutes und der Berliner Orthopäde und Tanzenthusiast Uwe Kästner noch höchstselbst Scheinwerfer ins Kunsthaus Tacheles und legten Bühnenboden aus. „Wir bauten uns selbst eine Bühne. Anlass war, dass es damals viele Künstler, aber wenig Auftrittsmöglichkeiten gab. Also haben wir uns gesagt: Schaffen wir doch eine. Und machen wir es so, dass nicht nur einer davon profitiert, sondern gleich mehrere“, erinnert sich Kästner an die Anfänge.

Hinter den Kulissen: Das „Lucky Trimmer“-Team – Foto: Lena Meyer

Der Trick für die Mehrfachnutzung lag in einer Begrenzung: Nur zehn Minuten durften die Stücke lang sein. Deshalb konnten pro Abend acht Choreografen ihre Werke zeigen. „Wir waren natürlich aufgeregt. Am ersten Abend kamen etwa 100 Leute. Das war gut. Am zweiten Abend aber, die Sache hatte sich inzwischen herumgesprochen, standen die Leute im Treppenhaus herunter bis auf die Straße an. Wer tags zuvor da war, hatte seinen Freunden gesagt: Das ist gut, das müsst ihr unbedingt sehen!’“, erzählt Kästner weiter.

Die Lust der Zuschauer angefacht: Nach spätestens zehn Minuten wird ja ein neues Stück dargestellt. Gefällt einem das eine nicht, könnte die nächste Aufführung für Euphorie sorgen. Als „Einstiegsdroge“ in den Tanz wurde das Format gefeiert. Denn für jeden ist etwas dabei. Und Kästner achtet auf Kurzweiligkeit: Schnelle, humorvolle Stücke folgen auf eher lange, inhaltlich forderndere. „Ein Stück, das viel Aufmerksamkeit braucht, platzieren wir auch nicht am Ende, dann, wenn die Konzentration schon erschöpft ist“, beschreibt er das Konzept.

Es ging so gut auf, dass heute, 15 Jahre nach dem Beginn im Tacheles, sich ­alles förmlich potenziert hat. Standen 2004 rund 500 Zuschauer an, um Karten für die Show zu ergattern, so bewarben sich jetzt 500 Choreografinnen und Choreografen, um ihre Arbeiten im Jubiläumsprogramm zu zeigen. Die Künstler kommen aus Taiwan und Hongkong, aus Australien, Südkorea, den USA, Kanada, Belgien, Frankreich, Italien – von überall dort, wo es zeitgenössischen Tanz gibt. Die Jubiläumsausgabe zeigt mit Künstlern aus Spanien, Frankreich, Hongkong und Israel eine ganze Bandbreite des internationalen zeitgenössischen Tanzes.

Jetzt noch kürzer: „Lucky Spot“

„Lucky Trimmer“, gestartet in einem besetzten Haus in Berlin, ist ein Welthit geworden. Das liegt neben der Kurzweiligkeit für die Zuschauer auch an der besonderen Betreuung der Künstlerinnen. „Die Veranstalter sind sehr gastfreundlich, sehr aufmerksam. Sie organisieren immer, dass wir Künstler untereinander zusammenkommen und dass es Kontakte zu anderen Veranstaltern und Festivals gibt. Vor allem aber hat man immer das Gefühl, dass die Künstlerinnen und Künstler im Mittelpunkt stehen. Bei anderen Formaten, die ebenfalls gewachsen sind, hat man nicht immer diesen Eindruck. Da verschiebt sich die Aufmerksamkeit weg von den Agierenden“, sagt Daniel Mueller vom Duo Hartmannmueller, seit 2009 mehrfach bei den „Lucky Trimmer“-Shows auf der Bühne.

„Wir nahmen das erste Mal teil, als wir noch Studenten waren. Das kurze Format kam uns damals entgegen“, erinnert sich Kollege Simon Hartmann. Ihr Stück damals hieß „Das Röhren der Hirsche“. Texte aus Beziehungsanzeigen sowie Dialoge einer Ehe illustrierten sie mit schrägen Posen. Den besonderen Humor haben beide beibehalten, jetzt in langen Stücken. „,Lucky Trimmer’ gab uns damals Aufmerksamkeit bei Veranstaltern“, blickt Hartmann zurück. Es passierte also genau das, was die Gründer wollten.

Stammgäste bei „Lucky Trimmer“: Die Performancegruppe hartmannmueller, hier mit „Das Röhren der Hirsche“ – Foto: hartmannmueller / Lucky Trimmer

Das Vermitteln von Künstlern aus dem „Lucky Trimmer“-Programm hat inzwischen vielfältige Formen angenommen. „Manche Festivals übernehmen gleich ein komplettes Programm. Andere wollen einzelne Stücke oder bitten um kuratierte Ausgaben zu bestimmten Themen“, erzählt Kästner. Export-Inszenierungen gab es in Zürich und Mainz, Brandenburg und Budapest, New York und Jerusalem. Regelmäßig werden auch „Lucky Trimmer“-Künstlerinnen Reisekosten zu anderen Festivals erstattet, sagt Kästner – praktische Kunstförderung ohne großes Antragswesen.

Für die Jubiläumsausgabe hat sich das ehrenamtlich arbeitende Team das Programm „Lucky Spot – Open Stage“ einfallen lassen. „Wir haben Anfang April die Bewerbung freigeschaltet. Die ersten 30 Künstler, die sich anmelden, haben die Chance, am ersten Abend aufzutreten. In einer Lotterie wählt das Publikum 15 der 30 Arbeiten aus“, beschreibt Kästner das Verfahren. Bedingung ist, dass die Stücke nicht länger als fünf Minuten dauern, nicht mehr Platz als fünf mal fünf Meter brauchen und mit zwei Kommandos an die Technik auskommen: „Licht und Sound an“ und „Licht und Sound aus“. Das ist dann fast so spartanisch wie in den wilden Anfangszeiten im Tacheles. Am Sonnabend und Sonntag läuft dann das eigentliche Jubiläumsprogramm. Eröffnung dabei wird jeweils der Publikumsliebling der Kürzeststücke von „Lucky Spot“ sein. 

18. + 19.4., 20 Uhr, 20.4., 18 + 21 Uhr, Sophiensaele, Sophienstr. 18, Mitte. Eintritt 18, erm. 13 €

Website Lucky Trimmer