PERFORMANCE

Spuren der Vergangenheit

Die Schauspielerin Eva Löbau und der ­Videokünstler Philipp Haupt entschlüsseln in „Nächstes Jahr in Tskaltubo“ die Geschichte eines verwunschenen Ortes

„Tatort“-Schauspielerin Eva Löbau ermittelt im Theaterdiscounter in ganz anderer Sache – Foto: Benjakon

Text: Tom Mustroph

Ostdeutschland ist weitgehend ausgeforscht und auch wegtransformiert. Geschichte zum Anfassen findet man daher vor allem noch weiter östlich. Die Schauspielerin Eva Löbau und der Videokünstler Philipp Haupt haben sich in ein verwunschenes Kurhotel im georgischen Tskaltubo verliebt.

In mehreren Besuchen seit 2014 drangen sie Schicht um Schicht in die sowjetische und postsowjetische Geschichte ein und stießen auch darauf, dass der einstige Erholungspalast für Bergarbeiter in den letzten 20 Jahren in ein Flüchtlingsheim umgewandelt worden war. Ihre Recherchen münden in das hybride Format aus performativem Kurkonzert und Videovortrag und feiern nun Premiere im Theaterdiscounter unter dem Titel „Nächstes Jahr in Tskal­tubo“– in Anlehnung an den Film „Letztes Jahr in Marienbad“ von Alain Resnais.

„Wir sind im Rahmen eines Videoworkshops vor drei Jahren auf diesen Ort gestoßen. Er war damals schon verlassen, wies aber noch viele Spuren aus sozialistischen Zeiten und dazu aus der Zeit als Unterkunft für abchasische Flüchtlinge auf“, erzählt Löbau, die auch als neue Freiburger „Tatort“-Kommissarin ermittelt. Die Prachtanlage mit antik anmutender Säulenfront war nur eines, aber offenbar das prachtvollste von insgesamt 19 Sanatorien zu Sow­jetzeiten in Tskaltubo. Der Ort war wegen seiner radonhaltigen Quellen viel besucht, unter anderem auch von Bergleuten aus dem Uranbergbau der ehemaligen DDR. „Wir fanden einige Eintragungen auf deutsch und sind auch diesen Spuren nachgegangen“, berichtet Löbau.

Auf den ersten Blick reizte die Schauspielerin, die in Berlin an so unterschiedlichen Orten wie HAU, Sophiensaele und Thea­ter am Ku’damm gespielt hat, der Widerspruch zwischen der Palastform des Sanatoriums und seiner ursprünglichen Bestimmung für Bergarbeiter. „Die Schlafräume zum Beispiel waren recht klein, eher Kabinen und wurden von mehreren geteilt“, nennt sie eines der „sozialistischen“ Merkmale. Löbau und ihr Team sprachen mit ehemaligen Gästen und Angestellten des Sanatoriums. Einige dieser Interviews sind nun Material der Performance.

Die Schauspielerin Eva Löbau und der Videokünstler Philipp Haupt haben sich in ein verwunschenes Kurhotel im georgischen Tskaltubo verliebt – Foto: Benjakon

Ein weiterer Erzählstrang ist die 1993 erfolgte Umwandlung in ein Heim für Flüchtlinge aus dem Abchasienkonflikt. „Das Haus war ja ursprünglich für Kurgäste ausgelegt, die für drei Wochen kamen, und dann wieder abreisten. Die Bevölkerung des ganzen Ortes musste sich dann daran gewöhnen, dass die neuen Besucher nicht 21 Tage, nicht 21 Wochen, sondern 21 Jahre, ja im Grunde genommen für den Rest des Lebens blieben“, sagt sie.

Anfangs hätte es sogar noch Hotelservice für die Geflüchteten gegeben, bevor das aus Geldmangel nach und nach eingestellt wurde. Heute sind die Flüchtlinge in anderen ehemaligen Sanatorien sowie in der Stadt untergebracht.

Löbau und Haupt betten diese Geschichten in eine Reflexion über Leben und Kuren allgemein sowie die verwickelten Prozesse des Erinnerns ein. Mit dabei sind unter anderem auch zwei Georgierinnen, die Musikerin Mika Motskobili und die Medizinstudentin Khatia Jischkariani, die aus ihrer Perspektive die performativen Fundstücke kommentieren. Am liebsten würde Löbau nach der Berliner Premiere die Arbeit auch an den Ursprungsort Tskaltubo zurückbringen. Dazu fehlt aber noch das Geld.

5. – 8.10., 20 Uhr, Theaterdiscounter, Klosterstr. 44, Mitte. Von und mit Eva Löbau, Philipp Haupt, Khatia Jishkariani, Mika Motskobili, Annett Hardegen u.a., Eintritt 15, erm. 9 €

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