Berlin

1917

Das Deutsche Historische Museum erinnert auch mit Kunst an ein politisches Erdbeben des 20. Jahrhunderts: die Oktoberrevolution in Russland

Am Ende schrumpft die kommunistische Idee zum Trash-Objekt. Die Degradierung wird an der Figur von Wladimir Iljitsch Lenin durchexerziert, dem Durchfechter dieser Ideologie, der vor 100 Jahren die Oktoberrevolution anführte. Der Umstürzler ist in eine knallrote Plastikskulptur gegossen, an seiner Hand hält er Micky Maus, der wiederum Jesus Christus spazieren führt.
Die Botschaft: Der große Revolutionär ist nur noch eine Lachnummer, genauso wie andere Heilsbringer, die westliche Popkultur oder die Weltreligionen. Diese Entweihung, die der russisch-amerikanische Künstler Alexander S. Kosolapov 2007 aus dem Hut gezaubert hat, bildet zugleich die Pointe einer Ausstellung, die sonst sehr ernsthaft den historischen Versuch rekapituliert, die Utopie einer auf Gleichheit fußenden Gesellschaft zu verwirklichen.

 

Blick in die Ausstellung „1917. Revolution“ im DHM. Foto: DHM/ Siesing

 

Ein Rest vom Panzerkreuzer Potemkin

„1917. Revolution.“ heißt das Reenact­ment, das jetzt das Deutsche Historische Museum in Szene gesetzt hat. Der Plot: die Machtübernahme der Bolschewiki im zerfallenden Zarenreich und deren Folgen. Das Kuratorenteam um Kristiane Janeke, ehemalige Leiterin des Deutsch-Russischen Museums in Karlshorst, zeigt die Erhebungen als chronologisch geordneten Bilderrausch. Los geht͗s mit dem Vorbeben, dem Arbeiter- und Soldatenaufstand von 1905. Als schwer symbolisches Exponat dient hier ein Rest vom Mast des Panzerkreuzer Potemkins, dessen Matrosen dem Regime von Nikolai II. den Dienst verweigerten. Es folgen die Februarrevolution 1917, der Sturm aufs Winterpalais im Oktober, der Bürgerkrieg, die Gründung der Sowjetunion.

Diesen Bogen visualisieren die Ausstellungsmacher vor allem anhand kommunistischer Selbstinszenierung. Deren gemeinsamer Nenner: die emotionale Überwältigung. Man sieht Lenin-Büsten, Medaillen und pompöse Propagandabilder, etwa ein rittertafelgroßes Ölgemälde vom Weltkongress der Komintern 1920, geschaffen von Isaak Brodski, dem Hofmaler der Revolution. Auf fotografischem Material und Skizzen schlägt die kulturelle Explosion ihre Funken. Darauf erstrahlen konstruktivistische Paläste wie das Moskauer Mosselprom-Gebäude. Oder die Foto-Montagen von Avantgardisten wie Gustav Klucis, die postmoderne Sample-Kultur vorwegnehmen. Oder Frauenkleider jenseits von Korsage und Prüderie, sozusagen Yves-Saint Laurent avant la lettre. Die Materialisierungen einer politischen Idee, die das ganze Leben durchdrang: der „Neue Mensch“, befreit von der bürgerlichen Zwangsjacke.

Foto: DHM/ Siesing
In der Ausstellung „1917. Revolution“ im DHM. Foto: DHM/ Siesing

 

Die Verbrechen gehen in dieser Opulenz fast unter. Ein paar Pistolen erinnern an die Massenexekutionen, die Rotarmisten an politischen Gegnern verübten. Sie lassen den Schrecken der später vollzogenen Stalin͗schen Säuberungen vorausahnen. Einige Vitrinen sind den Millionen Flüchtlingen gewidmet, die vor ihren Schächtern nach Europa flohen. Tröstlich allein der Nansen-Pass, den der Völkerbund erfand, ein Ausweis für Asylsuchende, der in Dutzenden Staaten anerkannt war.

Was bleibt: dass das Erbe von 1917 ein Vexierspiel ist. Nüchterne Betrachter sehen darin ein Experiment, das auf grausame Weise gescheitert ist. Mancher Revolutionsromantiker erblickt in der Frühphase womöglich Fragmente für ein Remake – in einer Gegenwart, deren Klassengegensätze zwischen Arm und Reich immer größer werden, ob in Deutschland oder in Putins mafiösem Russland..

Bis 15.4.: DHM, Unter den Linden 2, Mitte, Mo–So 10–18 Uhr, 8/ erm. 4 €, bis 18 J. frei

Kommentiere diesen beitrag