POLITISCHES THEATER

Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Heinrich Bölls Boulevardjournalismus-Kritik ist aktuell geblieben

Opfer wird zum Täter: Sybille Weiser (li.) – Foto: Jörn Hartmann

Auf der 30 Quadratmeter großen Bühne räkelt sich Katharina Blum (Sybille Weiser) im Morgenmantel auf einem Stuhl. Dann steht plötzlich die Polizei in ihrer Küche und ihr bisheriges Leben bricht zusammen. Sie hat mit Ludwig Götten, gesucht wegen Bankraubs, die Nacht verbracht. Ist der Flüchtige ein Mitglied der Terrorgruppe RAF? Und seine Geliebte, eine bis dahin unauffällige Hausangestellte, eine Sympathisantin?

Die Boulevardpresse stürzt sich auf den Fall Blum und zerrt intime Details an die Öffentlichkeit. Bis die so Drangsalierte eine Waffe auf den Journalisten richtet.

Auch ohne Aktualisierung ist Heinrich Bölls Abrechnung mit dem Boulevardjournalismus von 1974 unerwartet aktuell. Bei der Premiere gab es hohen Besuch: ­Angela Winkler, die legendäre Besetzung der Katharina Blum im Schlöndorff-­Trotta-Film von 1975. Sybille Weiser setzt als Katharina wieder eine eigene Marke. Sie ist blond und hübsch und so eigenwillig und liebenswürdig wie nötig.

Karin Bares inszeniert ohne Schnörkel (allerdings auch ohne Überraschungen) auf sie hin und nimmt in Kauf, dass die anderen Darsteller zu Randfiguren werden. Die Diskussion über die sexuelle Selbstbestimmung der Frau könnte von heute sein. Und die Rolle der hier immer nur so genannten „Zeitung“ übernimmt inzwischen zu großen Teilen das Internet. REGINE BRUCKMANN

8. –10.12., 20 Uhr, Kleines Theater, Südwestkorso 64, Wilmersdorf. Regie: Karin Bares; mit Sybille Weiser, Cornelia Schönwald, Boris Freytag, Jean Maesér. Eintritt 15–20 €

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