Protest

24 Stunden Klimaschutzcamp

Ein Zeltplatz am Kanzleramt soll die Menschheit retten. Wir waren vor Ort

Gleich am Eingang des Camps wird Stellung bezogen
Fotos: Martin Schwarzbeck

Es ist frühmorgens, die Sonne ist gerade erst aufgegangen, und vor dem Kanzleramt steht eine kleine Gruppe Menschen still in einem Kreis. Einige scheinen noch Teenager zu sein, einige klar im Rentenalter, ihre Kleidung ist bunt. Sie spüren ganz bewusst die Erde unter ihren Füßen, die Präsenz eines ganzen Camps voll Gleichgesinnter nebenan und die Möglichkeit zum Umdenken in dem Haus vor ihnen. „Standing with the Earth“ heißt ihre Meditation. Da kommt ein junger Mann mit einem Bluetooth-Lautsprecher auf sie zu. Er wirkt wie ein Überbleibsel eines Raves, der am Abend zuvor stattfand, und stellt sich dazu. Die Meditierenden lassen sich nicht irritieren. Da kommt eine junge Frau, scheinbar die Freundin des jungen Technofans, und zerrt ihn weiter. „Jetzt lass doch die Leute in Ruhe“, sagt sie. Dabei haben die ihn gerne bei sich begrüßt. Denn in ihrem Protestcamp ist jeder willkommen.

Der Wal aus Müll ist so etwas wie das Wahrzeichen des Klimacamps von We4Future zwischen Kanzleramt und Reichstag

Bis Mitte Oktober campten die Aktivisten von Extinction Rebellion auf einer Wiese neben dem Kanzleramt und in Sichtweite des Reichstages – und schwärmten von dort zu Aktionen kollektiven Ungehorsams aus. Auf dem Zeltplatz selbst haben sie eine Bürger*innenversammlung abgehalten mit Expert*inneninput, Plenum und Gruppenphasen – um so zu einer Idee einer neuen, nachhaltigeren Gesellschaft zu gelangen. Zuvor, vom 20. bis zum 27. September, direkt im Anschluss an die große Klimastreik-Demo, fand ebenfalls neben dem Kanzleramt bereits ein anderes Camp statt, auch aus der Klimaschutzbewegung heraus organisiert.
We4Future nannte es sich und lieferte einen Vorgeschmack auf das, was aktuell im größeren Maßstab abläuft. Dort fand auch die Stehmeditation statt, zu der der junge Raver sich gesellte.

Die Idee einer besseren Welt

In Richtung des Reichstags steht ein Schild auf der Wiese: „Herzlich willkommen“, sagt es, darauf klebt ein kleinerer Zettel: „Mit vielen Workshops zum Mitmachen!“ Dahinter bieten lange weiße Zelte Platz für Veranstaltungen, Feldbetten und die Küche für alle. Über dem Eingang eines Pavillons steht „Der ganzen Welt“ in der gleichen Typografie, in der auf dem Bundestag „Dem deutschen Volke“ geschrieben steht. Rund um das Veranstaltungsgelände haben mehrere Dutzend Menschen kleine Campingzelte aufgebaut. Tagsüber kommen auch noch Besucher dazu, die die bereits recht kühlen Nächte lieber zwischen Wänden verbringen. Auf einer Tafel werden Helfer gesucht für Nachtwache, Küche, Lebensmittelretten und mehr. Ein bisschen abseits findet sich eine Reihe Kompostklos, die mit Sägespänen statt Wasser „gespült“ werden.

Auch auf dem We4Future-Camp nähert man sich mit Vorträgen und Workshops der Idee einer besseren Welt. Es geht den Teilnehmern nicht nur ums Klima, sondern um einen grundsätzlichen Kurswechsel. Am Sonntagmorgen, nach der Stehmeditation vor dem Kanzleramt, gibt es ein Plenum, bei dem die Programmpunkte des Tages vorgestellt und neue aufgenommen werden. Eine Frau beispielsweise lädt dazu ein, sich auf der Reichstagswiese einem Protest gegen den Mobilfunkstandard 5G anzuschließen. Anschließend wird neben zahlreichen anderen Programmpunkten „Reconnect to Mother Earth“ angeboten. Erst machen sich die Teilnehmer*innen gegenseitig Komplimente, dann sagen sie, wofür sie dankbar sind, und dann, was sie sich für die Erde wünschen: „Ein bisschen Hoffnung“, sagt einer. Nächster Schritt: Gemeinsam ein Mandala aus Blüten, Blättern, Eicheln, Federn, Stöcken und anderem Biomüll legen, anschließend wird zusammen meditiert.

Gleichzeitig läuft eine Diskussionsrunde, die das Klimapaket der Bundesregierung Maßnahme für Maßnahme zerpflückt. Sie ist Teil eines „zivilen Klimakabinetts“, das über den Campzeitraum Vorschläge entwickeln soll, wie sich die globale Erwärmung auf 1,5 Grad begrenzen lässt.

Gegen Mittag stellen Solar-Aktivist*innen die verschiedenen Photovoltaiksysteme vor, die sie mitgebracht und hier aufgebaut haben. Der Strom aus den Paneelen versorgt das ganze Camp.

Nachmittags gibt es unter anderem ein Live-Escape-Game: Gemeinsam flüchten die Teilnehmer*innen von der Pazifikinselgruppe Kiribati, die vom Steigen der Meere bedroht ist. Anschließend: lecker Essen – der Niederländer Wam Kat, legendärer Demokoch, leitet die Küche. Nach Einbruch der Dunkelheit trägt – vor einem Wal aus Planen und Müll, dem Wahrzeichen des Camps – ein Poet Gedichte über Herrschaft, menschliche Verbindungen und den Pink-Floyd-Gründer Syd Barrett vor, danach wird ein psychedelischer Experimentalfilm auf der Walflanke gezeigt. Die meisten gehen früh ins Bett und morgens wieder zum Plenum. Es wirkt wie ein sehr ordentlicher Protest.

Am Vormittag steht „Umbaupause“ auf dem Programm. Alle Zelte und die Rasenschutzmatten müssen umgelegt werden, um die Grünfläche vor Schäden zu schützen. Eine Auflage des Bezirksamts Mitte. Das scheint – obwohl es unter Stephan von Dassel arbeitet, einem Bezirksbürgermeister von den Grünen – von dem Projekt nicht allzu begeistert zu sein. Die Erlaubnis zur ersten Ausgabe des Camps, an Pfingsten, haben die Aktivist*innen sich gegen den Bezirk Mitte vor Gericht erstreiten müssen.

Kurz vor dem Umbau klettert ein Campbewohner mit verquollenem Gesicht aus dem Zelt und pinkelt erst einmal an einen Busch – Richtung Kanzleramt. „Protest this way, right?“, fragt er. Kurz danach kommt ein Polizist aus der Wachmannschaft des Hauses mit seinem Schäferhund vorbei. Der erleichtert sich im selben Gebüsch.