Reportage

24 Stunden Überleben – Obdachlose in Berlin

Rund 7.000 Obdachlose leben in Berlin. Die Zahl steigt. Viele verbringen auch im Winter jede Nacht draußen, weil es nicht genügend sichere Schlafplätze gibt. Eine Reportage über den Alltag der Armut

8:00 Uhr

U8, draußen sind es minus sechs Grad. Als die U-Bahn am Alexanderplatz hält, stinkt es nach Kot. Ein junger Mann osteuropäischer Herkunft kommt herein und stellt sich als Cristobal vor. Er spricht gut Deutsch. Doch er hat nicht einmal Schuhe, nur Badeschlappen. An seiner Hose ist getrockneter Schlamm. Er humpelt. Keiner der Fahrgäste gibt ihm Geld. Die Menschen beginnen, den Waggon zu wechseln. Cristobal setzt sich, hält sich den Fuß. Er verzieht sein Gesicht vor Schmerzen.

9:00 Uhr

An der Kottbusser BrückeFoto: F. Anthea Schaap

An der Kottbusser Brücke
Foto: F. Anthea Schaap

Kottbusser Tor. Vor dem Treppenaufstieg der U-Bahn liegen zwei Matratzen direkt an der Straße, einer schläft in einem Schlafsack mit Löchern. Die meisten Menschen gehen vorbei. Wer sich herunterbeugt, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei, bekommt nur ein paar Laute zu hören.

Während die nach Deutschland geflüchteten Menschen seit 1955 auf Listen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge registriert werden, herrscht über die Zahl der Obdachlosen kollektive Uneinigkeit. Zahlen zwischen 3.000 bis 10.000 Menschen ohne Bleibe kursieren. Was feststeht: Die Zahl steigt jedes Jahr weiter. Eine genaue Ermittlung würde hohen bürokratischen und finanziellen Aufwand für die Landesregierung bedeuten. Aus der Vermisstenstatistik des Bundeskriminalamtes leitet eine Hilfsorganisation für Straßenkinder ab, dass jährlich etwa 2.500 Jugendliche und Kinder auf der Straße landen.

Verlässliche Zahlen existieren nicht. Während die meisten nur für kurze Zeit von zu Hause ausreißen, bleiben etwa 300 für einen längeren Zeitraum obdachlos. Die wenigsten suchen die Freiheit auf der Straße, oft fliehen sie vor Misshandlung und Vernachlässigung. Viele Obdachlose hatten keine zuverlässigen Beziehungen zu Eltern und Bekannten. Das Selbstvertrauen fehlt, die Schuldgefühle sind stark.

Wohnraum wird teurer, Armut nimmt zu: Die meisten Obdachlosen sind psychisch an Angststörungen, Depressionen und Süchten erkrankt, was eine Rückkehr in ein intaktes Leben erschwert. Und die meisten haben alles verloren. Die Gründe sind unterschiedlich, finanzielle Probleme, Schicksalsschläge wie Scheidung oder der Tod von Angehörigen. Die Flüchtlingskrise hat den Wohnungsmangel der Stadt verschärft. Viele die aus Polen, Bulgarien und Ungarn kommen, landen in Berlin auf der Straße.

10:00 Uhr

Foto: F. Anthea Schaap

Foto: F. Anthea Schaap

Im Tiergarten nahe des S-Bahnhofs und des Biergartens Schleusenkrug stehen drei Zelte auf einem verschneiten Vorplatz. Darin leben acht Obdachlose. Bei mittlerweile minus fünf Grad kochen sie Kaffee und bereiten Hundefutter zu. Die Gesichter sind bedrückt. Cheyenne ist um die 50 Jahre alt. Unter der Mütze trägt sie einen Irokesenschnitt. Am unteren Rücken hat sie eine Blessur durch einen Sturz vor zwei Tagen auf eine Eisenstange. Jemand hatte sie an Weihnachten gefragt, was sie sich wünsche, sie antwortete: „Ich bin wunschlos glücklich. Was soll man sich als Obdachloser denn schon wünschen?“ Gelächter, die Stimmung ist plötzlich ausgelassen. Draußen sei man in Freiheit, in einer Wohnung würde man auf Dauer nur unglücklich. Dennoch sagt sie ein paar Minuten später: „Jetzt muss ein Haus her.“ Wieder Gelächter.

Cheyenne lebte einige Monate in einer Einrichtung für Wohnungslose, aber „da waren alle bekloppt. Also bin ich wieder auf die Straße abgehauen.“ Sie lässt ihren jungen Chihuahua aus dem Kaffeebecher schlabbern: „Da ist heute aber kein Wodka drin, mein Kleiner.“ Ab und zu gerate man mit anderen Gruppen aneinander, da müsse man auch mal zu zweit um die Ecke „spielen“ gehen, wie Carlotta die Auseinandersetzungen beschreibt. Auch mit dem Ordnungsamt hat die Gruppe hin und wieder Probleme. In einem Schlafsack zu übernachten sei erlaubt. Doch die Zelte müsse man zusammenpacken, sobald die Ordnungshüter vorbeikämen. So manches Mal kamen sie von der Nahrungsbeschaffung wieder und ihre Zelte waren samt Inhalt entsorgt worden. „Aber was das angeht, ist das Ordnungsamt sehr human. Das wird eingelagert und man kann es abholen“, sagt einer.

10:45 Uhr

„Was willst du denn hier?“, berlinert Carlotta, als sich ein junger Mann der Gruppe nähert. „Ich bin wieder gesund,“ sagt dieser, stellt sich dazu und öffnet ein Bier. Heute möchte Carlotta nicht in die Bahnhofsmission, weil dort immer so viele etwas von ihr wollten und sie dann stundenlang nicht wieder weg könne.

Foto: F. Anthea Schaap

Foto: F. Anthea Schaap

Die Gruppe macht sich auf zum Ostbahnhof, um zumindest ein bisschen Geld für Bier und etwas zu essen zu erbetteln. Wo es mit dem Schnorren am besten läuft, ist schwer zu sagen. Da, wo die Touristen sich aufhalten, bekommt die Gruppe nicht unbedingt mehr Kleingeld oder gar Verständnis entgegengebracht.

Denn was einem vor allem entgegenkommt: Teilnahmslosigkeit. An einem guten Tag bekomme man durch Schnorren bis zu 50 Euro. Je nachdem, mit wem man sich auf der Straße umgibt, werde das innerhalb der Gruppe aufgeteilt. Das Geld brauchen sie für Nahrung, Zigaretten, Alkohol und womöglich härtere, teurere Drogen. Das Sammeln von Pfandflaschen sei im Vergleich zum Schnorren Sisyphosarbeit. Es bringe im Durchschnitt fünf bis zehn Euro am Tag. „Ich schlepp’ die säckeweise in den Laden und komm’ immer mit weniger raus als ich dachte,“ sagt Olaf. Seinen Humor hat er noch.

11:30 Uhr

Mark ist 19 Jahre alt, 1,90 Meter groß und lebt seit fünf Tagen auf der Straße. Davor kam er aus dem Schwarzwald nach Berlin, um seine Cousine zu besuchen. Nachdem er von ihrem Freund geschlagen worden sei, ist er abgehauen: „Ich habe denen gleich gesagt, dass das nicht drin ist.“ Er hat einen Job als Altenpfleger in Aussicht, wo ihm auch eine Unterkunft gestellt wird. Noch wartet er auf den entscheidenden Rückruf. Derweil überlegt er, in eine Unterkunft zu gehen. Sechs Tage könne man dort wohnen. Bis zum 18. Lebensjahr dürfe man sogar bis zu 16 Tagen bleiben. „Ich sehe aber nicht aus wie ein Obdachloser, oder?“, fragt Mark.

Er sieht gepflegt aus. Dass so viele Jugendliche auf der Straße leben, wundert ihn. Dass dafür das Jugendamt nicht zuständig sei, beziehungsweise dessen Kapazitäten erschöpft seien, obwohl die Jugendlichen doch Schulpflicht hätten. Zurück in den Schwarzwald möchte er auf gar keinen Fall. Seine Familie habe ihn zu sehr versucht, zu kontrollieren. Sein Vater lebt in Italien und saß eine lange Haftstrafe ab, als Mark geboren wurde. Sie hätten Kontakt. Mehr als ein freundschaftliches Verhältnis sei nicht drin. Mark findet das gut so.

12:30 Uhr

Teddy, 55 Jahre alt, langer Rauschebart. Sein Job als Fernfahrer und die Alkoholabhängigkeit ließen sich irgendwann nicht mehr vereinen. Er sagt: „Nachts bin ich manchmal Schlenker gefahren und habe mich dabei zu Tode geschämt.“ Verkatert könne man auf Dauer keine Langstrecken fahren, sodass der Verlust des Führerscheins und die Kündigung folgten. Das war vor drei Jahren. Seitdem lebt er auf der Straße. Er bedauert es, voraussichtlich nie wieder einen 12-Tonner zu fahren.

14:00 Uhr

Es schneit. In der evangelischen Bahnhofsmission am Zoologischen Garten stellen bis 18 Uhr Helfer kostenlos eine warme Mahlzeit, belegte Brote und Kuchen auf die Tische. Im Saal ist Platz für 50 Personen. Wenn Stühle schnell wieder frei werden, werden bis zu 70 Leute hereingelassen. Viele stehen schon Stunden zuvor für eine Mahlzeit an. Die Schlange ist draußen oft so lang, dass die Mitarbeiter versuchen, auch im Nachhinein noch etwas Nahrung zu verteilen. Auch Schlafsäcke und Hygieneartikel geben sie aus.

Foto: F. Anthea Schaap

Foto: F. Anthea Schaap

Die Bahnhofsmission finanziert sich durch Spenden, die meisten Mitarbeiter sind Ehrenamtliche und Praktikanten. Seit 120 Jahren werden Menschen jeder Herkunft und jeden Glaubens versorgt. An einem Tag sind es bis zu 700. Etwa 80 Prozent der Gäste sind männlich, die meisten erscheinen stark alkoholisiert zur Essensausgabe. Etwa jeder vierte Besucher ist altersarm, hat aber ein Dach über dem Kopf.

Auch dieses Jahr betreibt die Bahnhofsmission bis Ende März die Kältehilfe, ein Netz zur nächtlichen Unterbringung und Versorgung von Obdachlosen in der ganzen Stadt. Zu den Angeboten zählen drei Notunterkünfte: 121 Schlafplätze in der Lehrter Straße am Hauptbahnhof, 58 in der Kopenhagener Straße in Reinickendorf sowie 100 Übernachtungsmöglichkeiten nur für Männer in der provisorischen Traglufthalle „Halle-Luja“ nahe dem Bahnhof Frankfurter Allee. Nachts fahren zwei Kältebusse durch die Stadt.

Ein KältebusFoto: Lonya Bonke

Ein Kältebus
Foto: Lonya Bonke

In der Nähe des Kurfürstendamms gibt es darüber hinaus ein Nachtcafé in der City-Station mit 25 weiteren Schlafplätzen. Diese insgesamt 304 Plätze sind täglich ausgelastet, die realen Übernachtungszahlen liegen weitaus höher. Schon als die Kältehilfe ihre Institutionen im November öffnete, hatte man mit großem Andrang zu kämpfen. Und dass, obwohl es noch nicht besonders kalt war.

Die rot-rot-grüne Koalition arbeitet daran, die Kältehilfeplätze auf 1.000 auszubauen und die systematische Erfassung Obdachloser voranzubringen. Die Zahl der Unterkünfte variiert jede Nacht. An manchen Tagen haben Nachtcafés der Kirchengemeinden geöffnet. Auch private und gemeinnützige Sozialvereine sorgen für den nötigen Raum zur Unterbringung. Dafür werden auch mal Hostelplätze gemietet. Doch allgemein mangelt es an Angeboten, auch weil weniger passende Immobilien als im letzten Winter zur Verfügung stehen. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe gab im Oktober 2015 an, dass die Wohnungslosenzahl bis 2018 bundesweit um 60 Prozent steigen werde, – auf 536.000.

15:30 Uhr

Die Mission verfügt auch über sanitäre Einrichtungen. Täglich nutzen derzeit etwa 70 Personen das Angebot einer Dusche, 120 die Toiletten. Der Bedarf ist jedoch höher. „Wenn jemand nur Socken haben möchte, lassen wir ihn duschen. Wir wollen, dass sie sich auch waschen.“ Ein weiteres Problem: Ernährt man sich über längere Zeit schlecht, fehlen dem Körper wichtige Nährstoffe, was das Heilen von Wunden verzögert.

Foto: Robin Thießen

Foto: Robin Thießen

Bei medizinischem Bedarf werden Gäste an die Ambulanz der Stadtmission oder die der Caritas weitervermittelt, gegebenenfalls an weitere Einrichtungen. Ein Mal in der Woche ist ein Friseur vor Ort, er hat viel zu tun, ein Mal im Monat kommt eine Fußpflegerin. Viele Langzeitobdachlose lehnen eine Behandlung der Füße ab. Vor kurzem hatte jemand Schimmel an einer Entzündung am Knöchel. „Die Podologin ist schon zehn Jahre im Dienst, aber das hatte selbst sie noch nicht gesehen,“ sagt Marius, der am Eingang des Hygienecenters der Obdachlosenmission eigentlich immer im Dienst ist.

16:30 Uhr

Olaf, 45 Jahre, kam vor zwei Monaten aus dem Knast und sucht seitdem eine Wohnung, was sich als sehr schwierig erweist. Er ist fit und nutzt das Versorgungsnetz für Obdachlose jeden Tag. Es hält ihn auf den Beinen. Von Alkohol und Drogen hält er nicht viel. Er versucht, eine Teilzeitstelle als Gärtner in den Stadtparks zu bekommen. Doch zunächst gilt es, den harten Winter zu überstehen.

17:20 Uhr

Minus zwei Grad. Zwei junge Männer haben sich in der Bushaltestelle Kottbusser Brücke eingenistet. Auf den Sitzbänken stehen Thermoskannen, neben ihnen ein Einkaufswagen voller Hab und Gut. Sie werden vermutlich die Nacht dort verbringen. Wirklich geschützt vor der Kälte sind sie nicht.

18:00 Uhr

Foto: Anthea F. Schaap

Foto: Anthea F. Schaap

In der Notunterkunft in der Lehrter Straße nahe dem Hauptbahnhof wächst langsam die Schlange der Wartenden. Die etwa 50 Personen verhalten sich ruhig, doch die Stimmung ist angespannt.

19:00 Uhr

In diesem Jahr beteiligt sich erstmals die „Neue Chance“ in der Seestraße 49 in Wedding an der Kältehilfe. Die Einrichtung bietet 60 Schlafplätze und hat von 19 Uhr bis 8 Uhr morgens geöffnet. Seit dem 15. Januar hat erstmals in der Teupitzer Straße 39 in Neukölln eine Unterkunft für Männer mit 25 Betten ihre Türen eröffnet. Es ist die einzige im Bezirk, die täglich Zuflucht bietet.

19:15 Uhr

Die Obdachlosenhilfe e.V. organisiert zwei Mal pro Woche eine mobile Essensausgabe am Leopoldplatz, Alexanderplatz und Kottbusser Tor. Als der Van mit etwa 200 Portionen Rindfleischsuppe mit Nudeln am Alexanderplatz eintrifft, warten mehr Polen und Letten als Deutsche. Auch Hartz-4-Empfänger sind darunter. Im Winter kommen viele nicht, weil es schlicht zu kalt ist oder sie bereits für Schlafplätze anstehen.

Essensausgabe am AlexanderplatzFoto: Robin Thießen

Essensausgabe am Alexanderplatz
Foto: Robin Thießen

Die Obdachlosenhilfe ist ein ehrenamtlicher Verein, der sich über Spenden finanziert und Produkte über Foodsharing und die Tafel erhält. Es hat sich eingespielt, die Hilfstouren über diese drei Stationen zu machen. Eine verlässliche Routine für die Menschen. In diesem Rahmen, der Begegnung ermöglicht, verteilen die Helfer auch Kleidung, Erste-Hilfe-Sets und BVG-Tickets, je nachdem, was zur Verfügung steht.

Auch zum Hansaplatz in Mitte fuhr man seit August und löste einen Ansturm aus. Die sonntägliche Essensausgabe wird dort aber nicht mehr stattfinden. Parkplatzbetreiber und Anwohner sprachen sich dagegen aus, da sich die Obdachlosen am Hansaplatz ansammelten. Die Stimmung sei deutlich aggressiver geworden, es werde öffentlich uriniert. Vor Ort fehlten die nötigen öffentlichen Toiletten. Der SPD-Abgeordnete Thomas Isenberg geriet in die Kritik. Der Grünen-Abgeordnete Taylan Kurt warf ihm vor, die Menschen in dem Wahlkreis gegen die Obdachlosen aufgebracht zu haben. Die Betreiber der Obdachlosenhilfe halten den Platz immer noch für sehr geeignet, da es kein vergleichbares Angebot in der Nähe gibt.

19:45 Uhr

Wieder am Alexanderplatz: Ein etwa 60-jähriger Mann bricht in bittere Tränen aus. Er hat seinen Job verloren. Die Helfer nehmen ihn in den Arm.

21:00 Uhr

Lehrter StraßeFoto: Lonya Bomke

Lehrter Straße
Foto: Lonya Bomke

Der Einlass in der Lehrter Straße beginnt. Alle warten auf ein warmes Abendessen. Die Institution bietet 121 Übernachtungsplätze, durchschnittlich schlafen dort aber 165 Gäste pro Nacht. Auch Hunde sind erlaubt. Man versucht, jeden Abend einen Arzt vor Ort zu haben. In den letzten Wochen sind zu wenige Klamotten für die Einrichtung gespendet worden. Es mangelt vor allem an Winterschuhen für Männer.

22:00 Uhr

Bis 24 Uhr kann man sich ein Essenspaket in der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo abholen. Während das Tief Egon Schnee durch die Hauptstadt fegt, steht Mark in der Schlange. Er hat heute kaum etwas gegessen und freut sich darüber, dass Apfelsinen angeboten werden. Eigentlich wünscht er sich nichts lieber, als wieder selbst kochen zu können.

22:40 Uhr

Kleiderausgabe in der Lehrter StraßeFoto: Lonya Bonke

Kleiderausgabe in der Lehrter Straße
Foto: Lonya Bonke

Die Mitarbeiter in der Lehrter Straße versuchen, jedem Gast die nötigen Klamotten mitzugeben. Viele tragen ihre Unterwäsche eine ganze Woche. Bedarf besteht immer. Dem korpulenten, etwa 35-jährigen Emil können kaum Klamotten gegeben werden, weil in seiner Größe nichts gespendet wird. Die Angestellten machen wieder eine Ausnahme und werfen seine Kleidung nach dem gemeinsamen Essen in die Waschmaschine.

23:30 Uhr

Manche Notunterkünfte sind als „Läusepension“ verschrien. „Für ein warmes Bett nimmt man nach unzähligen Nächten auf eiskaltem Beton auch in Kauf, die Krätze zu kriegen,“ sagt Simone, Mitte 30, zynisch und macht sich vom Hauptbahnhof auf, um im Frauennachtcafé in der Mareschstraße 14 noch einen Schlafplatz zu bekommen. Tendenziell holen sich Frauen eher Hilfe als Männer und verlieren seltener ihre Wohnung durch Mietschulden. Sie haben es aber auch schwerer auf der Straße unter geschätzt viermal so vielen Männern.

0:00 Uhr

Ausländern, denen begrenzte Sozialleistungen zustehen, sowie anerkannten Flüchtlingen, die nicht dauerhaft in ihren Unterkünften wohnen können, bleiben in der Not oftmals auch nur die Obdachlosenunterkünfte. Da in diesen nicht genügend sichere Schlafplätze existieren, bleiben die meisten draußen. Die Mitarbeiter der Bahnhofsmission halten die Zahl von 7.000 Obdachlosen für realistisch. Zwischen 745 und 800 Übernachtungsmöglichkeiten gibt es insgesamt. Demnach findet nur etwa jeder Zehnte einen warmen Schlafplatz für die Nacht. Wer schon Läuse oder Krätze hat, anderweitig krank oder stark alkoholisiert ist, bekommt ohnehin kaum einen Platz. Also sucht man für einige Stunden das zu erreichende Maximum an Ruhe und Schlaf, sei es unter Brücken oder S-Bahn-Bögen, in Treppenhäusern, Bank-Vorräumen oder auf Parkbänken.

Auf der OberbaumbrückeFoto: Lonya Bonke

Auf der Oberbaumbrücke
Foto: Lonya Bonke

Während Partymassen vorbeiziehen, haben sich zwei Polen auf der Oberbaumbrücke mit Decken und einer Plane einen Windschutz gebaut. Johan und Frédo sind beide etwa 50 Jahre alt. Johan war spielsüchtig und verspielte all sein Geld. Er verlor seinen Job, seine Frau verließ ihn. Daraufhin kam er im Glauben nach Berlin, er könne all das in den Griff kriegen. Er macht einen gebildeten Eindruck. Frédo ist Langzeitalkoholiker und -obdachloser. Seit einiger Zeit schlagen sie sich zusammen durch. Sie trinken meist den ganzen Tag. Im Sommer schliefen sie oft unter Kartons. Sie waren mit einigen anderen unterwegs, doch ihre Wege trennten sich wieder. Als größere Gruppe verschreckten sie die Leute nur, meint Johan, das sei beim Schnorren hinderlich.

0:35 Uhr

Die Kälte kann in den Wahnsinn treiben, sodass man U-Bahn-Stationen nur betritt, weil dort noch Licht brennt. Viele wärmen sich durch die Luft aus den Schächten. Die Stationen Schillingstraße und Südstern bleiben nachts offen. In diesen Kältebahnhöfen der BVG suchen zehn bis zwanzig Menschen nachts Unterschlupf. Dass es windig ist und auf der Zwischenplattform hell beleuchtet bleibt, verspricht zwar kaum tiefen Schlaf. Aber es ist sauberer und sicherer als draußen. Unten auf dem Bahnsteig zieht es nicht so, daher stinkt es. Auch dort wird mal geklaut, randaliert oder sich nicht an das Rauchverbot gehalten. Die Sicherheitsleute setzen die Täter dann vor die Tür. Vor Weihnachten verfasste die BVG-Chefin Sigrid Nikutta einen offenen Brief an den Senat, worin sie teils menschenunwürdige Zustände mit zu wenig sanitären Anlagen beklagt und Lösungen fordert.

1:00 Uhr

Die beiden Kältebusse drehen ihre Runden. Nicht nur werden Hilfebedürftige in Unterkünfte transportiert, sondern auch diejenigen mit warmen Getränken, Schlafsäcken und Isomatten versorgt, die die Nacht draußen verbringen. „Allerdings kann man sich auf die Kälte einstellen. Das Schlimmste ist, wenn sich das Wetter jeden Tag ändert,“ sagt einer.

2:15 Uhr

Die Unterkunft in der Lehrter Straße hat die ganze Nacht geöffnet und dient für viele Verzweifelte auch tief in der Nacht noch als Anlaufpunkt. Georg macht sich auf den Weg durch den Schnee. Er friert so sehr, dass er sein Sturmfeuerzeug nicht mehr bedienen kann, um sich zu wärmen.

2:50 Uhr

Markus und Petra haben sich auf der Straße kennengelernt und sind ein Paar. Sie nutzen die Unterkünfte nur in letzter Not, wenn alles schmerzt und sie langsam die Orientierung verlieren. Denn die Gewalt dort habe zugenommen. „Was muss man sich denn immer um den letzten Krümel kloppen!?“, sagt Markus leise. Man werde dort auch mal ausgelacht, vor allem werde man verabscheut und angestarrt. Aber das störe irgendwann nicht mehr. Heute haben sie sich ein Zelt nahe der Jannowitzbrücke aufgeschlagen. Wichtig ist für viele, dass sie nicht alleine sind. „Du bist allem und jedem ausgeliefert“, sagt Petra.

3:30 Uhr

Bruno kommt heute Nacht am Ostbahnhof unter. Er ist Spiegeltrinker und sieht trotz seiner 40 Jahre aus wie 60. Meist fängt er schon morgens an zu trinken, um seinen ständigen Blutalkoholpegel aufrecht zu erhalten. Bleibt das aus, kommen starke Entzugserscheinungen. Spiegeltrinker gelten als nicht dauerhaft abstinenzfähig. In der Weihnachtszeit hat er Leute gebeten, ihm einen Krankenwagen zu rufen, da er dachte, sich durch zu viele Schlaftabletten umgebracht zu haben. Um fünf Uhr früh war er mit ausgepumptem Magen wieder draußen. Wie lange er schon auf der Straße lebt, weiß er nicht, geschweige denn wie alt er ist. Er verpackt das in seinen skurrilen Humor. Dann wieder unerschrockene Ehrlichkeit: „Der Fusel wärmt eigentlich gar nicht, der macht es hier draußen nur erträglicher.“

4:00 Uhr

Die Gäste in den Kältebahnhöfen müssen wieder raus ins Freie, da die erste Bahn um Viertel nach kommt. In Berlin ist seit Januar 2016 niemand dem Kältetod erlegen. Doch die Bedrohung ist da, und die Zahl der Wohnungslosen steigt.

5:00 Uhr

Foto:F. Anthea Schaap

Foto:F. Anthea Schaap

In der Unterführung am Kongresszentrum ICC in Charlottenburg und unter den Gleisen an der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg haben sich Obdachlose kleine Camps mit bis zu 20 Bewohnern niedergelassen. Sie haben sich mit Planen und Ästen höhlenartige Dächer errichtet. Darunter Matratzen. Für die Nächte sind sie gut geschützt. Doch auch unter Menschen am Rande des Randes gibt es Konkurrenz und Revierkämpfe.

6:00 Uhr

An den meisten Tagen wachen die Obdachlosen ohne Kleingeld auf. Die körperlich und geistig fitten unter ihnen versuchen, sich neben Betteln und Pfandsammeln durch Kochen, Putzen und Zeitungsverkauf über Wasser zu halten. Sich einen Job zu suchen, während man auf der Straße lebt, um sich irgendwann wieder eine Wohnung leisten zu können, ist ein Kunststück.

An der Bahnhofsmission am Zoologischen Garten wird von 6 bis 7 Uhr wieder Frühstück ausgegeben. Manche, die nicht mit anderen Menschen in einem Raum schlafen können, übernachten vor dem Gebäude. Körperlich geschwächte Obdachlose bewegen sich meist nur im kleinen Radius um ihren Aufenthaltsort. Sie leben von dem, was sie in Mülleimern finden, und sind auf Hilfe der Einrichtungen und Anwohner angewiesen.

8:00 Uhr

Der nächste Morgen. Auch die Gäste der Unterkunft in der Lehrter Straße bekommen ein Frühstück und müssen dann wieder raus auf die Straße. Jeden Tags aufs Neue. Ein Alltag der Armut.

Foto: Lonya Bonke

Foto: Lonya Bonke
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