Jubiläum

Das Sichtbare und das Unsichtbare

Die Wandertheater-Pioniere von Ton und Kirschen feiern ihr 25-jähriges Bestehen. Mit klapprigen Wundermaschinen und exotischen Masken vermitteln sie eine Ahnung davon, wie grausam und geheimnisvoll das Leben sein kann

„Ich möchte lieber nicht“: Jubiläumsproduktion „Bartleby, der Schreiber“ – Foto: Jean-Pierre Estournet

Text: Regine Bruckmann

Eine Truppe altmodisch gekleideter Musiker zieht auf, bläst, streicht und tutet nach Herzenslust und bildet dabei einen Kreis. Da erhebt sich aus dem Kreis der Musiker, langsam und unerwartet, als wüchse er daraus hervor, ein Satyr. Mit nackter Brust schaut er sich stolz um. Die Zuschauer schrecken vor seiner animalischen Ausstrahlung zurück. Gegeben wird „Pyramus und Thisbe“, Ovids antike Vorlage für Shakespeares Liebesdrama „Romeo und Julia“.

Es war der erste Besuch mit meiner Familie beim Ton und Kirschen Wandertheater 1998. Der Eindruck war nachhaltig. Mein fünfjähriger Sohn verliebte sich in die junge Thisbe-Darstellerin, der Dreijährige spielte den Prinzen Pyramus mit seinem Holzschwert in der Hand noch zwei Jahre später nach.

Ton und Kirschen ist alles andere als ein Kindertheater, aber eines der wenigen Erwachsenen-Theater, das immer wieder von Kindern besucht wird – hier können sie das Schauspiel in seiner Urform erleben. Geigenklänge, klapprige Wundermaschinen, exotische Masken, ein expressives körperliches Spiel: Ton und Kirschen vermittelt eine Ahnung davon, dass das Leben – gespiegelt im Theater – wunderbar, grausam und geheimnisvoll sein kann.

Australien und Bali

Wir kamen noch viele Male, bis heute. „Doktor Faustus“, „Der Golem“ oder „König Ubu“ waren Produktionen, die auf klassische Theaterstücke oder literarische Texte zurückgingen. Es gab aber auch Eigenproduktionen wie „Luna Luna“ über das Leben des spanischen Dichters Federico García Lorca oder „Perpetuum Mobile“, ein poetisches Materialtheater. Die bildkräftigen Aufführungen des kleinen Wandertheaters wirken zeitlos.

Ton und Kirschen ist eine bunte Truppe und ein Familienbetrieb in einem. 1992 verabschiedeten sich Margarete Biereye und David Johnston vom englischen „Footsbarn Travelling Theatre“, mit dem sie 20 Jahre lang durch Europa und die halbe Welt getourt waren. In Australien hatten sie bei Aboriginees gelebt, auf Bali hatten sie bei Tempeltänzern Erfahrungen gesammelt, die ihr Theater prägten: der Einsatz von Masken und die Energie religiöser Tänze.

„Ich möchte lieber nicht“

Überraschend konnte das Theaterpaar nach der Wende die Wiese am Glindower See aus Familienbesitz übernehmen, wo es seither lebt. Biereyes Urgroßvater betrieb in Glindow eine Ziegelei. Die Tonerde sowie die üppig tragenden Kirschbäume (Kindheitserinnerungen von Margarete) wurden namensgebend. Drei Töchter haben die Beiden aus früheren Beziehungen. Die Mädchen wuchsen in Wohnwagen auf und spielten bald auch Theater. Julie verkörperte die hübsche „Thisbe“, Josephine baute Masken, und Daisy ist bis heute für die Marionetten, für Bühne und Licht zuständig.

Die deutsche Schauspielerin Margarete und ihr englischer Partner David scharten eine internationale Gruppe um sich. Französisch, Spanisch, Englisch oder Polnisch waren plötzlich auf dem brandenburgischen Land zu hören.

Der Kulturschock blieb aus; die Nachbarn wurden neugierig. „Nach der Ernte haben sie uns Äpfel gebracht und uns eingeladen“, erzählt Biereye. „Im ersten Jahr haben wir sehr viel in Vereinen gespielt, zum Beispiel bei der Freiwilligen Feuerwehr. Bei den Jägern waren wir auch eingeladen – dachten wir jedenfalls. Aber dann haben wir festgestellt: Das war der Schützenverein.“ In Erinnerung daran muss Biereye lachen.

Der Kosmos in Bildern: „Perpetuum Mobile“ von 2008 – Foto: Ton und Kirschen Wandertheater

Meine Kinder und ich waren ab und zu im Sommer zu Besuch auf der Wiese in Glindow. Meine Tochter übte mit französischen Seiltänzern das Balancieren, meine Söhne sprangen in das kühle Seewasser. Eine gelebte Idylle, für die man bereit sein muss, auf Wohlstand, Komfort und Alterssicherung weitgehend zu verzichten. Im Winter ziehen sich Biereye und Johnston inzwischen in eine kleine Wohnung in Berlin zurück.

Das Wanderleben kannte David vom Footsbarn Theatre, mit dem er in den 1970er Jahren durch Cornwall zog: „Die Idee war damals schon, dass das Theater zu den Zuschauern kommt, nicht umgekehrt. Am Anfang spielt man für sechs Leute auf einer Wiese.“ Pionierarbeit. Heute sind bei einer Vorstellung von Ton und Kirschen bis zu 300 Zuschauer da.

Die neueste Produktion ist „Bartleby, der Schreiber“, nach der Erzählung von Herman Melville. Bartleby heuert in den 1930ern Jahren in einem New Yorcker Büro an. Zunächst kopiert er unermüdlich Akten. Dann weigert er sich, Zusatzaufgaben zu übernehmen, später hört er ganz auf zu schreiben, verlässt aber auch die Kanzlei nicht mehr. Sein berühmter Satz: „Ich möchte lieber nicht“ wird zum rätselhaften Credo.

Paradoxes Geheimnis

Mit drahtigen Stellwänden, kleinen alten Schreibtischen und schummrigem Licht konstruiert Bühnenbildnerin und Lichtdesignerin Daisy Watkiss die träumerische Atmosphäre eines klaustrophobischen Ortes, einer Kanzlei, in der die übrige Welt in der steten Wiederholung des immer gleichen Tagesablaufes verloren gegangen ist. Exemplarisch die Szene, in der Bartleby (Stefan Amori) einem Fensterrahmen folgt, der auf einer Karre herumgefahren wird. Durch dieses Fenster hält er ernsthaft nach anscheinend nur für ihn sichtbaren Dingen Ausschau.

Vielleicht ist das das paradoxe Geheimnis des Wandertheaters: Es geht so stark vom Bild und Körper aus und verweist doch immer vom Sichtbaren auf das Unsichtbare. Am Ende der Vorstellung von „Bartleby“ verharren die Zuschauer manchmal still, ohne zu klatschen. Sie stehen immer noch unter dem Eindruck, viel mehr gesehen zu haben als gezeigt wurde.

16.-18.8., 20 Uhr, Pfingstberg, Potsdam, 23.-26.8., 20 Uhr, Ufa-Fabrik, Viktoriastr. 10-18, Tempelhof. Künstlerische Leitung: Margarete Biereye, David Johnston; mit Stefano Amori, Margarete Biereye, Victor Cuevas, Régis Gergouin, David Johnston, Rob Wyn Jones, Nelson Leon, Daisy Watkiss. Eintritt Pfingstberg 20, erm. 16 €,  Ufa Fabrik 19, erm. 16 €

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