JUBILÄUM

„Bereichert euch!“

Das inklusive Theater Thikwa feiert sein 25-jähriges Bestehen. Zum Auftakt der Jubiläumsspielzeit verwandelt es sein Theater in eine Zeltstadt

Text: Regine Bruckmann

Mit einer Kettensäge rückt die Performerin, schick gewandet in ein goldenes Kleid, den dicken Geldbündeln zu Leibe. Das Foto auf dem Programmflyer zum 25-jährigen Jubiläum macht klar: Hier geht es lustvoll ans Eingemachte. Geld, wen interessiert das denn? Bereichern kann man sich auch anders. Das Theater Thikwa trägt seit 25 Jahren dazu bei.

25 Jahre Theater Thikwa: Das Thikwa-­Ensemble feiert seine Erfolgs­geschichte - Foto: David Baltzer/bildbuehne.de
25 Jahre Theater Thikwa: Das Thikwa-­Ensemble feiert seine Erfolgs­geschichte – Foto: David Baltzer/bildbuehne.de

Bei seiner Gründung 1991 war die Begegnung von behinderten und nichtbehinderten Performern auf der Bühne noch ganz ungewöhnlich. Für die erste Inszenierung im Studio des Maxim Gorki Theaters 1991 über Kaspar Hauser bekam Initiatorin Christine Vogt den Karl-Hofer-Förderpreis. Die Zeit war reif, auch wenn damals tatsächlich noch über „die Kunstfähigkeit behinderter Menschen“ diskutiert wurde. „So ein Wort überhaupt in den Mund zu nehmen, wäre heutzutage politisch unkorrekt“, berichtet Gerd Hartmann, der heute das Theater Thikwa gemeinsam mit Nicole Hummel leitet, „aber genauso war damals die Diskussion und ebenso wurde sie auch verbalisiert.“

1995 wurde – gemeinsam mit der Nordberliner Werkstätten GmbH –  die Theaterwerkstatt Thikwa gegründet, wieder eine Pioniertat, denn hier konnten behinderte Menschen erstmals in Vollzeit im künstlerischen Bereich arbeiten und sich ausbilden lassen. Zuvor war Thikwa ein Feierabend-Verein, Protagonisten der ersten Stunde wie Peter Pankow oder Torsten Holzapfel arbeiteten tagsüber in Werkstätten und konnten erst abends, in ihrer „Freizeit“, zum Theaterspielen zusammenkommen.

Thikwa heißt Hoffnung auf Hebräisch – und die hat sich erfüllt: Über 90 Produktionen, Performances, Tanz, Sprech- und Hörtheater wurden bisher auf die Bühne gebracht. Seit 2006 spielt Thikwa in der eigenen Spielstätte F 40 in Kreuzberg, die sich die Gruppe mit dem English Theatre Berlin teilt. Heute arbeiten 43 Darsteller bei Thikwa, nicht alle sind immer in aktuelle Produktionen eingebunden. In den Werkstätten gibt es Schauspieltraining, Sprach- und Körperausbildung sowie Malerei oder Arbeiten an Bühnen- und Kostümbild.

Zur Eröffnung der Jubiläumsspielzeit baut Thikwa eine Zeltstadt in sein Theater - Foto: Petra Seiderer
Zur Eröffnung der Jubiläumsspielzeit baut Thikwa eine Zeltstadt in sein Theater – Foto: Petra Seiderer

Sechs Produktionen präsentiert Thikwa nun zum Jubiläum. In der Eröffnungsproduktion „Homescape“ wird das ganze Theater in eine Zeltstadt verwandelt. Es geht um Heimat und Zuhause und wie es ist, wenn andere dazu kommen oder man sein Zuhause verliert. Eingerichtet werden die Kurz-Performances in den Zelten von sechs Regisseuren und Choreografen, die seit Jahren auch den Werkstattbereich betreuen. Die Zuschauer können durch die Zeltstadt wandern, sich nach und nach alles anschauen und sich überraschen lassen.

Im Oktober wird in „Zwillinge“ (Regie: Nicole Hummel) das ehemalige Schaubühnen-Ensemblemitglied Anne Tismer zusammen mit der Thikwa-Performerin Corinna Heide­priem auf der Bühne stehen. Tismer ist nicht nur Darstellerin, sondern auch Co-Regisseurin, die in dieser Produktion wie Heidepriems Schatten agieren, deren Bewegungen wiederholen will: „Wenn zwei Personen das Gleiche machen“, erklärt Tismer, „hat das immer eine ganz besondere Schönheit und der Vorgang kann sich besser behaupten.“
In dieser „Nahaufnahme“ betitelten Reihe wird stets ein herausragender und altgedienter Thikwa-Performer porträtiert. Peter Pankow, Heidi Bruck und Torsten Holzapfel waren schon dabei, die entsprechenden Performances werden im Herbst in einer kleinen Werkschau erneut gezeigt.

Ein Höhepunkt des Jubiläums kommt im November mit „BioFiction – Wo endet das wirkliche Leben“. Die Koproduktion mit dem Moskauer Theaterstudio Kroog II geht mit einem binationalen Ensemble der Frage nach, ob erfundene Welten vielleicht viel wahrer sein können als das direkte Beschreiben der eigenen Biografie.

Die Inszenierung illustriert auch die internationalen Kooperationen, die unter der Ägide von Gerd Hartmann und ­Nicole Hummel verstärkt wurden. 2012 hatten beide nach dem Tod der langjährigen Leiterin und Thikwa-Gründerin Gerlinde Altenmüller die Leitung des Theaters übernommen. So gelang es ihnen etwa in Russland, wo die gesellschaftliche Diskussion zum Thema Inklusion ungefähr auf dem Stand ist wie in Deutschland zu Thikwas Gründungszeiten, ihrer Sparte ganz besondere Beachtung zu verschaffen: Eine in dieser Kooperation in Moskau entstandene Inszenierung von Gerd Hartmann wurde mit der „Goldenen Maske“ ausgezeichnet, dem russischen Theater-Oscar.

Verstärkt wurde auch die Zusammenarbeit mit Künstlern und Gruppen der ­Freien Szene wie Monstertruck, Martin Clausen oder dem Choreografendoppel Matanicola. Immer gilt dabei, so Hartmann, folgendes Credo: „Es geht nicht darum zu zeigen, dass Künstler mit Behinderung auch etwas können, sondern dass sie etwas können, was andere nicht können, und dass es sich lohnt, ihnen zuzuhören und zuzuschauen!“ Also dann los: Bereichert euch!

1.–3., 7. – 10.9., 14. – 17.9. 20 Uhr, Theater­ ­Thikwa, Fidicinstr. 40, Kreuzberg.
Eintritt 16, erm. 10 €,  www.thikwa.de

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