Porträt

2raumwohung feiern Geburtstag und haben eine neue Hymne

20 Jahre 2raumwohnung: Inga Humpe und ihr Lebensgefährte Tommi Eckart lieferten den Sound zu den vergleichsweise unbeschwerten Nullerjahren. Nun haben sie eine neue Hymne aufgenommen, die Hoffnung in Zeiten von Corona spenden könnte. Wir trafen die beiden zu einem Gespräch – leider nicht in einem Garten.

Privat und künstlerisch ein Paar: Inga Humpe, Tommi Eckart. Foto: Julija Goyd

Es ist schon seltsam. Ausgerechnet jetzt zu feiern, einen Geburtstag zu begehen. Und dann auch noch den 20. Geburtstag von 2raumwohnung, die wie kaum ein anderer Act für das Berlin stehen, das es gerade nicht mehr gibt, geben darf: das nächtliche, hedonistische Berlin, das Berlin der ewigen Party.

Aber vielleicht gibt es dieses Berlin, für das 2raumwohnung in den Nullerjahren den Soundtrack geschrieben, gesungen und aufgenommen haben, schon länger nicht mehr? Vielleicht war dieses Berlin schon vor Corona bloß noch eine Erinnerung, ein Mythos? „Berlin ist natürlich an vielen Stellen viel schicker geworden“, sagt Inga Humpe. Damals, vor zwanzig Jahren, als sie sich kennenlernten, war das anders. Besitzverhältnisse waren ungeklärt, es gab viel Freiraum. „Und man träumte noch vom Weltfrieden“, ergänzt Tommi Eckart grinsend.

2raumwohnung, das ist so sehr ein Musikprojekt wie ein Lebensmodell. Private und professionelle Zusammenarbeit, Zweck-, Schicksals- und Kreativgemeinschaft. Zwei Personen, die, bevor sie sich trafen, jede auch für sich Musik lebten. Humpe war gemeinsam mit ihrer Schwester Annette eine der Schlüsselprotagonistinnen der Neuen Deutschen Welle, spielte bei den Neonbabies, produzierte ein Palais-Schaumburg-Album, lebte in London und Berlin und sang für alle von Falco bis Marc Almond.

Eckart dagegen arbeitete lange mit Andreas Dorau zusammen und veröffentlichte Tracks als Trance-Produzent, zu denen Humpe in London schon tanzte. Irgendwann, zwischen gefallener Mauer und neuer Welt, trafen die beiden aufeinander, der Legende nach in einem Aufnahmestudio. Sie wurden ein Paar, musikalisch wie privat, und nahmen einen Song für eine Zigarettenwerbung auf, der ganz unerwartet zum Hit werden sollte: „Wir trafen uns in einem Garten“. So kann’–s gehen.

20 Jahre, acht Alben, zahllose Touren, Remixe, Preise, Auftritte von New York bis Tokio später sitzen sie nicht mehr in einem Garten, sondern in einem netten Café in Mitte. Das Gespräch findet in den heute kaum noch vorstellbaren Zeiten vor Corona statt, die Torstraße ist noch lebendig.

Trotzdem: Berlin hat sich verändert, Humpe und Eckart äußerlich aber kaum. Vermissen sie manchmal das nicht ganz so schicke, wilde und experimentierfreudige Berlin der Vergangenheit? Das legendäre Berlin der Achtziger? Beide lachen. „Das kann ich jetzt mal hier klarstellen“, sagt Humpe, „Berlin 1986 war ein Fleck, da ging gar nichts. Da gab’s labbrige drei Clubs, die ganze Musikszene war nicht mehr vorhanden, hatte sich schön selbstzerstört, mit Hilfe von einigen doofen Konzernen. Es war die reine Rettung, dass diese Mauer fiel – auch für das langweilige, total versumpfte Westberlin. Es war wirklich nicht zum Aushalten!“

Und Eckart fügt hinzu: „Die Stadt hat sich in den Neunzigern neu erfunden und natürlich auch die Menschen, die in der Stadt gelebt haben. Da gibt’s zum Glück keinen Weg zurück und auch keinen Wunsch zurück.“

Denn das Berlin von heute ist bunter und weltoffener, wie Humpe beschreibt, mehr Vielfalt auf den Straßen, mehr Stimmengewirr in der U-Bahn: „Das ist doch toll!“ Auch wenn die beiden nicht mehr jedes Wochenende die Clubs der Stadt entern, sind sie doch immer noch unterwegs. „Wir waren letztens im Berghain”, erzählt Humpe, „Carl Craig hat aufgelegt. Die Freiheit, mit der alle Personen dort unterwegs waren, das war großartig!“

Ja, aber: All die anderen legendären Orte, vor allem die in Mitte, sie sind längst verschwunden. Dafür entsteht neues – in anderen Bezirken, in Lichtenberg zum Beispiel. Oder auch an unerwarteten Orten: „Das, was früher die Clubs waren, sind heute die Spätis“, meint Humpe. Orte, an denen die Leute eben abhängen, „cornern“, wie die 64-Jährige sagt.

20 Jahre 2raumwohnung also. Ist die Welt heute noch so luftig leicht wie in ihren Liedern? „Es gab immer eine Melancholie“, widerspricht sie. In ihren Songs hatte auch Tiefe Raum. Auch wenn Pathos nie ihr Ding war. „Es gibt auch einen Unterschied zwischen episch und pathetisch“, wirft der 57-jährige Eckart ein. Ein Song kann ruhig ein wenig episch sein – aber Pathos, nein. „Ich fühl’s nicht“, so Humpe.

Ihr Ding war schon immer eher das fast unbeteiligte, nüchterne, in dem aber auch durchaus tiefere Themen verhandelt wurden. Heute aber gehen sie noch einen Schritt weiter: Auf Bitte von Fridays-for-Future-Aktivist*innen dichteten sie den Text ihres Hits „36 Grad“ um. Von der Hymne für Sonnenanbeter*innen zum Soundtrack zum Klimawandel. „Wir waren schon immer politisch“, sagt Humpe.

Dass gerade in den Neunziger- und frühen Nullerjahren so eine satte Zufriedenheit in der Clubszene herrschte, das habe sie genervt. „Ich habe immer gewählt und wir haben auch zum Wählen aufgerufen“, berichtet sie. Dass eine neue Generation an potentiellen Hörer*innen nun so politisiert ist, das finden die beiden toll – und freuen sich auch mit ihrem Song musikalische Begleitung zu liefern.

Der runde Geburtstag will, soll trotzdem gefeiert werden, wenn auch nicht so wie ursprünglich geplant. Wann die Jubiläums-Auftritte stattfinden können, das wird man sehen. Im Februar erschien immerhin schon mal eine „Werkschau“, wie sie es nennen. Explizit kein Best-of, sondern eher die auf Platte gepresste Version einer Live-Show. Darauf: eine Handvoll neuer Mixe alter Lieblingslieder und natürlich auch all die Titel, die das Lebensgefühl 2raumwohnung spiegeln.

Aber auch zwei neue Songs, und einer könnte sich vielleicht sogar zur Hymne der Hoffnung im Angesicht dieser Krise entwickeln, könnte – so wie einst „Wir trafen uns in einem Garten“ – zum Soundtrack einer Generation werden: „Das ist nicht das Ende, Baby“ heißt der Song, und Inga Humpe singt: „Und wenn‘s noch nicht stimmt / Geht es doch weiter / Geht immer weiter.“