Berliner Theater

3. Berliner Herbstsalon

Mit Pauken und drei Bussen : Das Maxim-Gorki-Theater wartet erneut mit Kunst auf: Der Herbstsalon 2017 provoziert – mit seinem Motto und einer Skulptur

Eine strittige Sache wird der „3. Berliner Herbstsalon“ wohl, mit Sicherheit die streitbarste Ausstellung am Gorki-Theater, seit Intendantin Shermin Langhoff 2013 erstmals mit einem Kuratorenteam Bildende Kunst zusammentrug. Wie im „postmigrantischen Theater“ ihrer Spielstätte geht es bei dem Salon alle zwei Jahre um das Zusammenleben in Zuwanderungsgesellschaften, um Fortgehen, Ankommen und Erinnern, um Identität, Menschenrechte und Konflikte.

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Aufgebot der Stars

Das wird am 11. November, wenn die Ausstellung eröffnet, erneut so sein. Dieses Mal jedoch erreicht der „Herbstsalon“ Biennalengröße: mit Beiträgen von rund 100 Teilnehmenden – in allen Gattungen von Plakat bis Performance und verteilt vom Gorki-Theater über das Kronprinzenpalais bis zum Brandenburger Tor. Sehr prominente Künstler machen mit, der Fotograf Tobias Zielony etwa, der Provokateur Santiago Sierra und Documenta-Altmeister Alfredo Jaar. Außerdem nehmen politische Kollektive teil wie die „Anti-Humboldt-Box“ und das „Tribunal ,NSU-Komplex Auflösen‘“. Der Salon lässt keinen Zweifel an seiner antirassistischen, postkolonialen Linie. Zwar war das schon zuvor so. Doch inzwischen ist die AfD in Landes- und Bundestag eingezogen. In Berlin haben ihre Mitglieder vorgeschlagen, dem Gorki die Subventionen zu kürzen. Das geht so natürlich nicht, war jedoch eine Drohgebärde: Wie man ­einen unliebsamen Kulturbetrieb austrocknet, zeigen die rechtsnationalistischen Regierungen in Polen und Ungarn.

Brisanz gewinnt vor diesem Hintergrund das diesjährige Motto: „Desinte­griert Euch!“ heißt es und liegt damit quer zum Zeitgeist. Denn Amt- oder Würdenträger in Kultur und Kirche bemühen derzeit universelle Themen wie Geburt oder Schönheit, weil sie den Fliehkräften der segregierten Gesellschaften übergeordnete Verbindlichkeiten entgegenhalten wollen. Das Motto des „Herbstsalons“ darf da als Absage an jede Propaganda für bis zur Unauffälligkeit bestens assimilierte „Menschen mit Migrationshintergrund“ gelesen werden, als Aufruf, mit Stolz von der vermeintlichen Leitkultur abzuweichen. Soweit, so provokativ.

Wer ist gemeint?

Allerdings zeugt der Imperativ „Desintegriert Euch!“ auch davon, dass seine Absender von stabiler Warte aus rufen. Denn ihn befolgen kann jenseits von Jugendkulturen und Akademikermilieus nur, wer nicht mit Asylbehörde und Sprachkurs ringt, nicht auf Job und Wohnung wartet. Und sich gern ein wenig integrieren würde, wenn man ihn nur ließe. Über die versteckte Arroganz des Appells und dessen genaue Adressaten muss gestritten werden, vielleicht ja an den Salonabenden nach den Aufführungen.

Zumal das Motto kursieren wird. Denn dem „Herbstsalon“ ist Aufmerksamkeit garantiert: Sein bekanntester Beitrag soll vor der Berliner Sehenswürdigkeit Nummer Eins stehen. Vor dem Brandenburger Tor wird Manaf Halbounis „Monument“ aus Dresden errichtet. Das sind drei hochkant platzierte Linienbusse, die an jene Straßenbarrikaden erinnern sollen, hinter denen Zivilisten 2015 in Aleppo Schutz vor Geschossen suchten. Die Skulptur des sächsischen Künstlers ragte in diesem Frühling vor der wiederaufgebauten Dresdner Frauenkirche auf. Es war das richtige Kunstwerk zur rechten Zeit am richtigen Ort: neben dem Sammelplatz der Pegida-Anhänger, eröffnet im Februar, dem Monat, in dem Dresden seiner Bombardierung gedenkt. Der Aufruhr in der sächsischen Landeshauptstadt soll in einer Morddrohung gegen den liberalen Bürgermeister gegipfelt haben.

Foto: Zitty/ cwa
3. Berliner Herbstsalon: Erden Kosova, Shermin Langhoff & Team im Palais am Festungsgraben (von links). Foto: Zitty/ cwa

Berlin ist nicht Dresden. Touristen werden vor den Bussen Selfies knipsen. Vielleicht stören sich einige Traditionalisten oder auch Abgeordnete auf dem Weg zum Bundestag an dem kalkuliert schrottigen Anblick. Wir werden sehen, was passiert. Vielleicht passiert nichts. Das Brandenburger Tor hat auch nach der Wende alles Mögliche gesehen, Logos von Telefonfirmen, ­Demos, Modeschauen. Womöglich kommt es auf drei Busse nicht an. Dann hätten der Künstler und die Kuratoren dem Mahnmal einen Bärendienst erwiesen: nämlich seine Durchschlagkraft von Dresden durch Wiederholung am falschen Ort nivelliert. Wird die Skulptur dagegen zum politischen Spektakel, erwischt der Bärendienst den „Herbstsalon“: Dann droht es, nur um die Busse gehen, und eine Debatte über das Zusammenspiel aller Beiträge könnte entfallen. 

11.–26.11.: Maxim-Gorki, Kronprinzenpalais, Palais am Festungsgraben u.a., Mo–Fr 16–23, Sa/So 13–23 Uhr, Eintritt frei (außer Vorstellungen), Eröffnung: 11.11., 16 Uhr, Publikumsgespräch u.a. 12.11., 21.30 Uhr

Korrigierte Fassung vom 17.11. 2017

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