40 Jahre Grips am Hansaplatz

Mein Grips

Seit 40 Jahren spielt das Grips Theater am Hansaplatz und begeistert bis heute. Unser Bühne-Redakteur entdeckte hier, wie viele andere auch, seine Liebe zum Theater

Text: Friedhelm Teicke

Theater, das Konventionen infrage stellt: Szene aus „Ein Fest bei Papadakis“ (li.) und die Fassade vom Grips am Hansaplatz – Fotos: Frank Roland-Beeneken/ Grips-Archiv, Jan SchenckTheater, das Konventionen infrage stellt: Szene aus „Ein Fest bei Papadakis“ (li.) und die Fassade vom Grips am Hansaplatz – Fotos: Frank Roland-Beeneken/ Grips-Archiv, Jan Schenck

Ich bin elf oder zwölf und die Sache ist mir ein bisschen peinlich. Ich fühle mich viel zu alt fürs Kindertheater, das ich bis dahin nur als Märchen- oder als Schultheater kannte, wo man als Apfelbäumchen oder Füchslein über die Bühne tanzte. Keine Ahnung, wie meine konservative Mutter darauf kam, mit meinen Schwestern und mir ins Grips Thea­ter zu gehen, ausgerechnet ins linke Grips Theater! Das hatte wohl was mit einer bildungsbürgerlichen Überzeugung von sittlicher Bildung durch theatralische Katharsis zu tun, aber vielleicht fand sie uns auch nur zu alt für die Prosa der Brüder Grimm.

Da sitzen wir also im Halbrund um die Spielfläche und sehen „Mannomann“, ein Stück um männliche und weibliche Rollen­bilder für „Menschen ab 7“. Und, aber ja, da ist Moral und da ist Katharsis, da ist eine fast märchenhafte Wandlung des gestrengen Stiefvaters (der aber gar nicht so böse ist, wie es Stiefeltern gemeinhin im Märchen sind). Aber vor allem ist da ein Theater, das uns einfach umhaut. Das irri­tierend Gewohnheiten infrage stellt, uns Kinder aber gleichzeitig mit dem Geschwister­paar Trixi und Klaus mitbangen lässt, mitlachen und mitfühlen. Ein paar Kisten, Stühle und ein Tisch reichen völlig aus, um eine Welt zu erstellen, problemnah und lus­tig, dicht an uns und unserer Wirklichkeit und keineswegs von irgendwo hinter den sieben Bergen.

Rumms, hatte mich der Grips-Virus infiziert. Da ist ein Theater, das kein Prinzen­schloss, sondern den Alltag seines Publikums in den Mittelpunkt stellt, Konventionen lustvoll infrage stellt und soziale Kompetenz einfordert. Das alles reflektierte ich damals noch nicht, ich ahnte es, weil es etwas in mir auslöste. Guck mal einer an, das ist also auch Theater. Was für eine Kraft!

Dass dazu auch ein paar Schau­spieler gehören, die mit Engagement und Wucht ihre Figuren lebendig werden lassen, hab ich damals noch nicht begriffen. Aber wenn ein Kind da nicht drüber nachdenkt, haben die Spieler doch ganze Arbeit geleistet.

Und das Ensemble war stets ein Pfund im Grips. Ob sie Renate Küster, Jörg Friedrich, Y Sa Lo und Dietrich Lehmann hießen, wie damals bei „Mannomann“, Thomas Ahrens, Axel Prahl, Dieter Landuris, Ilona Schulz, Petra Zieser, Claudia Balko, ­Florian Rummel oder heute Nina Reithmeier, Roland Wolf und Katja Hiller – alle toll. Meine Geschwister und ich sind danach oft in dieses wahre „Theater für Kinder“ gegangen, zu „Balle, Malle, Hupe und Artur“, „Doof bleibt Doof!“ und auch zu „Ein Fest bei Papadakis“, heute alles längst Klassiker des Kinderthea­ters.

In „Papadakis“, mit dem das Grips 1974 sein neues Domizil am Hansaplatz eröffnete, trifft eine deutsche Familie auf einem Zeltplatz auf griechische „Gastarbeiter“, wie das damals hieß. Zum 40. Jubiläum der Spielstätte am Hansaplatz wird nun mit „Ein Fest bei Nourian“ eine griechische Adap­tion des Volker-Ludwig-Stücks gezeigt. In der aktuellen Version des Athener Poréia-Theaters trifft die Familie Papadakis auf Flüchtlinge aus dem Iran.

Im April 2015 hat dann im Grips eine aktualisierte Version des Klassikers Premiere, inszeniert vom türkischstämmigen Regisseur Yüksel Yolcu. Natürlich sehe ich mir das an, wie alles, längst auch mit meinem Sohn. Der ist inzwischen 13, doch ins Kinderthea­ter zu gehen, ist ihm gar nicht peinlich, wie damals seinem Vater. Solange es das Grips ist.

20.9., ab 15.30 Uhr, Grips Hansaplatz. Jubiläumsfest „Wir sind Kinder einer Erde“ mit „Millibillies“, der „Linie 1“-Band No Ticket, Berliner Beschwerde­chor, Poetry-Slam u. a., Eintritt frei;
„Ein Fest für Nourian“ um 18 Uhr, Eintritt 10, erm. 7 Euro