JUBILÄUM

Das Dorf der Überzeugungstäter

Seit 40 Jahren lebt eine Patchwork-Großfamilie die Utopie und Praxis eines selbstbestimmten Lebens und Arbeitens. ­Der ­Mikrokosmos trägt den Namen ufaFabrik und ist durchaus ein Erfolgsmodell. Das wird jetzt gefeiert

Ein Kultur- und Lebensprojekt wird 40: die ufaFabrik – Foto: ufaFabrik

Text: Friedhelm Teicke

„Nenn mich bloß nicht Chef“, bittet Frido Hinde. Seit fünf Jahren ist der 35-Jährige der Geschäftsführer des „Internationalen Kultur Centrum ufaFabrik“. „Hier gibt es nämlich keine Chefs, wir entscheiden alles gemeinsam.“ Der RBB hatte Hinde kürzlich in einem Beitrag als „Chef der ufaFabrik“ bezeichnet, das hat dem, nun, sagen wir Primus inter pares, ein wenig die Freude über die Sendung verdorben. Der studierte Volkswirt ist zwar für die Finanzen und auch für die Planung des Programms der drei auf dem Gelände befindlichen Spielstätten zuständig, doch den Spielplan stimmt er mit drei Kuratoren ab. Größere Entscheidungen werden sowieso im Plenum beschlossen.

Für den Chef der ufaFabrik, oder vielleicht besser Häuptling, hielten viele allerdings lange Juppy, den Kopf des hauseigenen ufa-Circuses und wohl prominentesten Kommunarden. Lange rote, inzwischen graudurchwebte Haare und schwarzes Torero-Hütchen sind die Markenzeichen des heute 70-Jährigen, der die Belange der ufaFabrik meist in den Medien vertrat, seit er mit 44 weiteren Kommunarden des Alternativprojektes „Fabrik für Kultur, Sport und Handwerk“ am 9. Juni 1979 die leerstehenden Gebäude des ehemaligen Filmkopierwerks der UFA-Studios in Tempelhof besetzte.

Der erste Sommer der Anarchie: die ufaFabrik im Juni 1979 – Foto: Archiv ufaFabrik

Besetzen allerdings nannten sie die Aktion gar nicht, sie sprachen von „friedlicher Inbetriebnahme“ des seit 1964 verwaisten UFA-Geländes, auf dem legendäre Filme wie „Metropolis“ oder „Der blaue Engel“ geschnitten und kopiert wurden. Damit hatte das alternative Projekt seinen ­Namen, das seine Illegalität jedoch schon bald ablegen konnte. Schon nach wenigen ­Wochen bekam man einen Zwischennutzungsvertrag, der schließlich zehn Jahre später zu einem Erbbauvertrag wurde – Grundlage für Kredite und Förderungen zum Ausbau des Areals zu einem ökologischen und sozialen Vorzeige­projekt. Ein Ökodorf in der Stadt.

Kultur der offenen Arme

Absolute Offenheit war von Beginn an das Credo. 365 Tage im Jahr ist das Gelände rund um die Uhr geöffnet und zugänglich. „Die Idee ist, dass wir hier für den Kiez, aber auch für die Stadt und die ganze Welt eine Kultur der offenen Arme pflegen“, sagt Hinde. „Nicht von ungefähr stand damals auf den Transparenten der ufa-Fabrik-Instandbesetzer keine wilde Paro­le, sondern: ,Herzlich willkommen!’“

Auf dem 18.566 Quadratmeter großen Areal entstand ein Nachbarschafts- und Selbsthilfe-Zentrum (NUSZ), das den Kinderbauernhof und den Familientreffpunkt dort betreibt, aber längst auch Kitas und Jugendclubs überall in Berlin. Es gibt ein Gästehaus mit zehn Zimmern für Besucher aus aller Welt, ein Café, die heute von der LPG betriebene ufa-Bäckerei, einen Trainingsraum für asiatische Selbstverteidigungssportarten und eine anerkannte Freie Schule von der ersten bis zur 6. Klasse, die bereits kurz nach der Gründung der ufaFabrik entstand.

Die ufaFabrik-Lebensgemeinschaft 1989 …
… und heute – Fotos: Archiv ufafabrik

Ein Herzstück der ufaFabrik ist aber die Kultur – als Veranstaltungsort oder selbstgemacht, etwa in der ufa-Sambaband Terra Brasilis. Ein Großteil der damaligen Besetzer spielte bereits im „Fabrik-Circus“ (später umgetauft in ufa-Circus). Mit dem Kindercircus und in Varieté-Programmen fördert man auch den Nachwuchs, worin besonders Juppy ein gutes Näschen für Talente beweist. Der Komiker Kurt Krömer oder der in Berlin aufgewachsene Cirque-du-Soleil-Star Tuan Le sind seine Entdeckungen. Letzterer wird im Jubiläumsprogramm seine in Vietnam und Frankreich entstandene Neue-Circus-Kreation „Overseas“ zeigen (26.+30.6.).

Internationale Kooperationen

Mit dem Mauerfall büßt das selbstverwaltete Kultur- und Lebensprojekt zwar an stadtweiter Bedeutung ein, verkommt zeitweise gar zur reinen Comedy-Gastspielbude. „Besonders in den Nullerjahren gab es schwierige Jahre, doch heute sind die Zahlen wieder super. 2018 konnten wir mit rund 40.000 Besuchern sogar einen Publikumsrekord verzeichnen“, freut sich ­Hinde. Denn seit einigen Jahren meldet sich die Spielstätte mit einem Programm zurück, das Unterhaltung und innovative Theaterformate verbindet und internationale Kooperationen etwa aus Kambodscha und Tansania pflegt.

Essen und Performance-Kunst: Die ufaFabrik bittet zu Tisch – Foto: Anita Back

Eine Kooperation mit den niederländischen Theatermachern von Mobile Arts, den Erfindern des ungewöhnlichen Theaterfestivals „De Parade“, zum Jubiläum ist nun die „Geburtstagstafel“. Hier sitzt das Publikum um einen 80 Meter langen Tisch und es wird munter Essen und Performance-Kunst gleichermaßen aufgetischt (14. + 15.6.).

Mit einer Gala am 9. Juni, dem 40. Geburtstag, wird das Programm des Jubiläumssommers eingeleitet. Denn die ufaFabrik kennt keine Theaterferien. Hier wird auch im 41. Lebensjahr durchgespielt.

Highlights im Jubiläumssommerprogramm:
9.6., 20 Uhr, Geburtstagsgala, 20, erm. 16 €;
14.+15.6., 20 Uhr, Geburtstagstafel, 26 € (inkl. Essen);
26.-29.6., 20.30 Uhr, 30.6., 19.30 Uhr, Tuan Les „Overseas“, 20, erm. 12-16 €;
27.7., 20 Uhr, Kin Duk-Soo’s SamulNori, 19, erm. 15 €;
21.-28.8., 20 Uhr, Ton & Kirschen Wandertheater: „Die Bergwerke zu Falun“, 19, erm. 12-16 €
28.-30.8., 19 Uhr, Parcourstheaterspektakel „Wonderland“, 15, erm. 10 €
31.8.+1.9., 12 Uhr, ufaFabrik Boulevard 2019, Eintritt frei
ufaFabrik, Viktoriastr. 10-18, Tempelhof,
www.ufafabrik.de