JUBILÄUM

Blick zurück in die Zukunft

Die Tanzfabrik feiert 40-jähriges Bestehen und lädt beim Festival „Open Spaces“ zum Rendezvous mit der eigenen Geschichte und Gegenwart

Text: Annett Jaensch

Neue Tanzfabrik-Debütanten: Die Künstlergruppe Suddenly zeigt bei der Jubiläumsausgabe von Open Spaces ihre erste Arbeit „Limitation piece 2“ – Foto: Tarvo Tangsoo

Berlin Kreuzberg, 1978. Eine Handvoll Tanz­enthusiasten schickt sich an, in den Räumen einer ehemaligen Lampenfabrik ein Herzblutprojekt auf den Weg zu bringen. Was damals in der Möckernstraße 68 klein anfängt, soll sich zu einem der wichtigsten Ankerpunkte in der Berliner Tanzlandschaft entwickeln.

Bunt gemischt und wild entschlossen, etwas Neues auf die Beine zu stellen, war die Gruppe, die damals die Fabriketage anmietete. Christine Vilardo, von der Zero Moving Dance Company in Philadelphia kommend, hatte bei Hellmut Gottschild studiert, einem Assistenten der Ausdruckstanzikone Mary Wigman. Sie und der Sportstudent Reinhardt Krätzig wurden künstlerischer Motor, weitere stießen dazu. Das Kreativabenteuer: ein Kind der 70er. Während linksliberaler Gründergeist in der Luft lag – die Grünen und die „taz“ formierten sich etwa zeitgleich – ging es der wachsenden Gemeinde der Tanzfabrikler darum, künstlerische Ansätze konsequent vom Körper und der Bewegung her zu denken. Einflüsse des amerikanischen Postmodern Dance und der Contact Improvisation nach Steve Paxton schwappten auch dank der Tanzfabrik nach Berlin.

40 Jahre und eine Erfolgsgeschichte später hat die Tanzfabrik das Motto „Remembering the Future“ für ihr Jubiläumsjahr ausgerufen. „Wir haben viel über die Vergangenheit nachgedacht“, erzählt Ludger Orlok, seit 2008 künstlerischer Geschäftsführer der Tanzfabrik. Offene Räume für den Tanz zu schaffen, vor allem auch Gedankenräume, sei ein zentrales Anliegen der Gründung gewesen. Dieses Credo gilt heute wie damals.

Xavier Le Roy, Christina Ciupke, das Duo Wilhelm Groener, Deufert & Plischke, Jeremy Wade, Rosalind Crisp, Sergiu Matis, Julian Weber, Felix M. Ott: Die Liste der über die Jahre mit der Tanzfabrik assoziierten Künstler und Künstlerinnen ist lang und ließe sich zu einem Who’s-Who der Berliner zeitgenössischen Szene fortsetzen. Die Anziehungskraft als Proben- und Produktionsort speist sich vor allem auch aus dem weit gefassten Tanzbegriff, der experimentelle Spielwiesen zulässt. „Wir sind ein Haus, das Künstler in ihren Ideen stützen will“, betont die künstlerisch-pädagogische Leiterin Gisela Müller. „Es dürfen Dinge ausprobiert werden, die vielleicht auch scheitern. Manchmal braucht es das, um den nächsten Schritt zu machen.“

Dass Prozesse des Wachsens und Gestaltens im Kulturbetrieb nicht immer erschütterungsfrei ablaufen, hat auch die Tanzfabrik durchlebt. 1995 musste sich das Haus nach der Kürzung von finanziellen Mitteln durch das Land Berlin neu erfinden und aufstellen. Der Abschied von den kollektiven Strukturen hin zu einem institutionalisierten Modell war 1998 vollzogen. Internationaler, heterogener, quirliger ist die Berliner Tanzszene besonders in den letzten zehn Jahren geworden. Den Puls der Entwicklung aufgenommen hat die Tanzfabrik, indem sie konsequent auf Vernetzung setzt.

Seit 2010 gibt es ein zweites Standbein in den Uferstudios im Wedding, die sich dank des Hochschulübergreifenden Zentrums Tanz (HZT) zu einem wahren Inkubator für den Tanznachwuchs entwickelt haben. Beim Ankurbeln von Koproduktionen, Gastspielen und Residenzaufenthalten hilft apap, ein europäisches Netzwerk für performative Künste, in dem sich die Tanzfabrik seit 2005 engagiert.

Vier Dekaden bieten viel Stoff für Rückblicke und so hat das Tanzfabrik-Team gleich mehrere Formate für die aktuelle Ausgabe von „Open Spaces“ entwickelt, die zu Zeitreisen einladen. Eine Plakatserie, gestaltet von Anna Stein und Jacopo Lanteri, wird zwölf Motive von Tanzfabrikproduktionen aus unterschiedlichen Phasen in den Stadtraum holen. Da gibt es ein Wiedersehen mit Aktivisten der ersten Stunde wie Dieter Heitkamp und Claudia Feest. Oder mit der Entertainment-Allrounderin Gayle Tufts, die Anfang der 90er-Jahre in der Tanzfabrik mitmischte.

Die Entertainerin Gayle Tufts (li.) begann ihre Karriere in Berlin mit einer Residenz in der Tanzfabrik – Foto: Udo Hesse

Aber auch Neuzugänge wie die Company Suddenly haben ihren visuellen Auftritt. Ebenfalls als Stadtraumerfahrung angelegt ist „Zeitwanderung“ von ­Gabriele Reuter. Los geht es am Stammhaus in der Möckernstraße zu Fuß, mit Bus und Bahn Richtung neues Domizil in den Uferstudios. O-Töne von Zeitzeugen über Kopfhörer versprechen während der Tour die geschichtliche Dimension herauszuschälen.

Das generationenübergreifende Moment spiegelt sich auch im Performanceprogramm mit bekannten Namen und Newcomern. Gleich die ersten Premieren gewähren Einblick in den Arbeitskosmos der jüngsten Choreografenriege. Der portugiesische HZT-Absolvent André Uerba etwa legt mit „Burn Time“ eine atmosphärische Arbeit vor, die Tanz mit ungewöhnlichen visuellen Effekten verbindet. Die in Berlin arbeitende Kolumbianerin Lina Gómez wiederum zeigt „A Passo di Mulo“ als Ergebnis ihrer Recherche zur vielschichtigen Materia­lität von Körpern.

Zum Festivalende winkt noch ein performatives Come­back. Gisela Müller, die seit 2004 den Ausbildungsbereich der Tanzfabrik leitet, wird nach 20 Jahren in der Neuproduktion „Me again – but not alone“ wieder auf der Bühne zu erleben sein. In dem Hybrid aus Konzert und Performance will sie sich zusammen mit den Gebrüdern Teichmann auf eine experimentelle Reise in das Wechselspiel von Klang und Bewegung begeben.

Die Lust, Tanz und Choreografie interdisziplinär zu denken und mit anderen Künsten zu verschmelzen, ist und bleibt das große Thema. Wie stellt sich die Tanzfabrik in diesem Kontext die Performanceräume der Zukunft vor? Multifunktionalität spiele eine wichtige Rolle, betont Ludger Orlok. „Dreierlei wird gewünscht: Black Box, White Cube und der öffentliche Raum.“ Auch das macht die Tanzfabrik aus: weiterdenken und mit anderen Akteuren Visionen entwickeln. Wie aktuell beim „Runden Tisch Tanz“, einer Initiative zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Tanz, bei der Vertreter aus Kulturpolitik, Senatsverwaltung und Tanzszene gemeinsam Ansätze ausloten wollen.

Im Jubiläumsjahr darf natürlich auch das Feiern nicht zu kurz kommen. Im August stehen weitere Highlights im Rahmen der Biennalen Tanznacht an, darunter die Veröffentlichung einer Publikation zu 40 Jahren Tanzfabrik, Gesprächsformate und natürlich Performances. Anfang September geht es weiter mit einer Festwoche in der Möckernstraße mit Co-Teaching-Formaten in den Tanzkursen. Happy Birthday! 

„Open Spaces“: 14.–22.7.18, Uferstudios, Uferstr. 8/23, Wedding. Eintritt Performances: 10–15 €, www.tanzfabrik-berlin.de

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