JUBILÄUM

»Kinder haben Rechte«

Grips-Theater-Gründer Volker Ludwig und der heutige Leiter Philipp Harpain über 50 ­Jahre stilprägendes Kindertheater in Deutschland, alte und neue Kämpfe und das ­Jubiläumsprogramm „On the Child’s Side“

Freuen sich aufs Jubiläum: Grips-Theater-Gründer Volker Ludwig (re.) und der neue Grips-Chef Philipp Harpain – Foto: David Baltzer / bildbuehne.de

Interview: Friedhelm Teicke

Volker Ludwig, Philipp Harpain, das Grips Theater ist eine Erfolgsgeschichte. Anfangs aber wurde es von der damaligen Berliner CDU und der Springerpresse heftig ange­feindet, „kommunistische Kinderverderber“ hieß ein Vorwurf. Heute feiern selbst Konservative das Grips. Hat das Verderben also prima geklappt?
Volker Ludwig: (lacht) Tatsächlich hat sich seit unseren Anfangsjahren gesellschaftlich unendlich viel verändert. Deutschland ist heute ein liberales Land. Aber was sich ­nun viele gar nicht mehr vorstellen können: Kinder ­waren eine unterdrückte und entrechtete Klasse! Deshalb war es uns wichtig, das Selbstbewusstsein der Kinder zu stärken. Wir machten „anti-autoritäre Stücke“, in denen wir ihnen gezeigt haben, dass sie Rechte haben, Fragen stellen dürfen, dass man sich auch als Kind nicht alles gefallen lassen muss. Wir machten uns in den Stücken die Probleme der Kinder zu eigen, erzählten aus ihrer Perspektive, nicht belehrend, sondern mit viel Spaß. Denn das wussten wir aus dem Kabarett, von dem wir ja kamen: Wenn gelacht wird, ist die Aufmerksamkeit hinterher dreimal so hoch.

Philipp Harpain: Das Besondere am Grips Thea­ter war, dass man angefangen hatte, Kinder als Personen ernst zu nehmen. Das Grips ist ja selbst ein Kind der Studentenrevolte von 1968, die auch das Erziehungssystem hinterfragte, es wurden erste Kinderläden und Freie Schulen gegründet. Und ein Stück weit ist das Grips bis heute selbst wie ein Kind geblieben: offen, spontan und immer bereit, sich gegen Ungerechtigkeit einzusetzen.

Die Grips-Stücke wurden schnell überall nachgespielt. Nicht nur in Deutschland, auch international trafen sie einen Nerv und auf ein Bedürfnis. Wieso gab es vor dem Grips kein Kindertheater in Deutschland?
Ludwig: Es gab in der Bundesrepublik überhaupt nur drei Theater, die außerhalb der Weihnachtszeit Kinderstücke spielten, aber die spielten Märchen. Es gab gar keine zeitgenössischen Kinderstücke! Deshalb haben wir unsere eigenen geschrieben. Dafür spielten die bundesdeutschen Stadttheater dann alle unsere Stücke nach – jedes unserer Kinderstücke wurde rund 30-mal nachinszeniert! Und der WDR – der WDR, nicht der SFB, dem waren wir zu links –, zeichnete bis 1974 alle unsere Kinderstücke auf, die wurden samstagnachmittags im Ersten Programm gesendet.

Durch das Kinderfernsehen wurde das Grips Theater schnell bundesweit bekannt.
Harpain: In meinem konservativen Elternhaus war Fernsehen allerdings verpönt, ich bin in der Nähe von Bremen aufgewachsen und habe erst durch zwei aus Berlin stammende Schulfreunde vom Grips Theater gehört. Ich hatte das Grips dann vor allem über die Lieder kennengelernt, als ich anfing, Gitarre zu spielen. Deshalb freue ich mich, dass nun eine CD-Box mit den besten Liedern aus 50 Jahren erscheint. Wir haben dafür unser eigenes Label gegründet, Grips Records. Und wenn im Rahmen unserer Jubi­läumswochen beim großen Hansaplatzfest am 15. Juni Musik für Groß und Klein im Mittelpunkt steht, ist unsere Ensembleband Die fabelhaften Millibillies mit vielen dieser Gripslieder natürlich mit dabei.

Kennt jede Berlinerin und jeder Berliner: Das Fassaden-Mosaik mit dem Grips-Logo von Rainer Hachfeld – Foto: Jan Schenk

„On The Child’s Side“ sind diese Jubiläumsfestwochen durchaus programmatisch betitelt. Was erwartet uns?
Harpain: Wir blicken zurück und gleichzeitig nach vorne, in dem wir Inszenierungen von Grips-Stücken aus aller Welt einladen. Das reicht von der Athener Produktion „Mormolis“, einer freien Adaption von „Die Mugnog-Kinder“ von 1970, also einem der ältesten Gripsstücke, bis zu „Jamba Bamba Boo“ aus Pune, einem aktuellen Beispiel des vom Grips inspirierten „GRIPS Movement“ in Indien, bei dem nicht nur unsere Stücke adaptiert sondern eigene Stücke entwickelt werden, die gleichwohl „Grips-Plays“ heißen.

Ludwig: Wir haben immer für unser Publikum gespielt, unsere Stücke spielen in Berlin. Je genauer eine Situation ist, desto mehr stimmt sie objektiv und ist daher übertragbar. Deshalb war es uns ganz wichtig, dass die Theater in Indien oder Brasilien, wenn sie unsere Stücke nachspielten, das nicht eins zu eins taten, sondern für ihr Publikum zuschneiden, auf ihre Verhältnisse übertragen.

Harpain: Wir zeigen in einer Werkschau unsere derzeit mit und in Uganda entstehende Stückentwicklung „Ankommen ist WLAN“. Aus Ägypten – wo es Kindertheater sehr schwer hat, Kinder noch ähnlich entrechtet sind wie hierzulande bei der Gründung des Grips Theaters und Kinderrechte auf der Bühne nur sehr subtil verhandelt werden können – kommt die ­Vater-Sohn-Geschichte „Um Himmels Willen, Ikarus“. In dem Zusammenhang ganz wichtig: Am 13. Juni werden 200 Kinder die Gripsbühne entern und die weltweite Umsetzung der Kinderrechte fordern.

Es gibt aber wohl auch eine heutige Remi­­­­­­nis­­zenz an ein Stück der Anfangsjahre?
Harpain: Ja, ganz besonders freue ich mich auf unsere Uraufführung „Die Lücke im Bauzaun“. Das ist eine von dem in Berlin lebenden Iraner Mehdi Moradpour und dem in Berlin aufgewachsenen griechisch-iranischen Regisseur Vassilis Koukalani erstellte Adaption des Grips-Klassikers „Balle, Malle, Hupe und Artur“ von 1971, die auf die heutige Situation und postmigrantische Wirklichkeit Berlins zugeschnitten wird.

Und was ist Ihr persönliches Highlight, Volker Ludwig?
Ludwig: Neben der wunderbaren „Linie 1“-Inszenierung aus Südkorea, die ich noch besser als unsere eigene finde, freue ich mich am meisten auf „Mormolis“, die „Mugnog-Kinder“ aus Athen. Das ist eine Inszenierung wie von Herbert Fritsch, anarchisch, übermütig, clownesk.

Besser als das Original sagt der Autor: Die Linie 1 aus Seoul – Foto: Seung Woo Lee

Trotz des Erfolges musste das lange chronisch unterfinanzierte Grips Theater immer wieder um seine Existenz fürchten. Gäbe es das Theater überhaupt noch ohne den Megaerfolg von 1986, die „Linie 1“?
Ludwig: Zunächst waren wir nach der Premiere von „Linie 1“ total pleite. Wir hatten über 200.000 Mark Miese! Allein in den Kostümen dieser einen Produktion steckte der Etat von zwei Jahren. Wenn „Linie 1“ ein Flop geworden wäre, wäre das Grips Theater am Ende gewesen. Aber natürlich half dieser große Erfolg dann sehr dabei, über die Runden zu kommen.


6.–18.6., Festwochen „On The Child’s Side“
mit Uraufführung „Die Lücke im Bauzaun“ am 6.6., 17 Uhr;
Jubiläums-Gala am 11.6., 19.30 Uhr;
Hansaplatz-Fest mit diversen Kindermusik-Bands am 15.6., 12–21 Uhr;
Internationales Symposium „Kinderrechte im Kinder- und Jugendtheater“ vom 11.–14.6.,
Aktionstag Kinder entern die Bühne, 13.6., 11.30 Uhr
Gastspiele:
„Mormolis“ aus Griechenland, 8.6., 18 Uhr, Akademie der Künste Hanseatenweg 10
„Um Himmels Willen, Ikarus“ aus Ägypten, 12.6., Grips Podewil, Klosterstr. 68
„Jamba Bamba Boo“ aus Indien, 12.6., Grips Hansaplatz
„Ankommen is WLAN“ – Werkschau der Grips-Kooperation mit Uganda , 13.6., 20 Uhr, Grips Podewil
„Seoul Line 1“ aus Südkorea, 18.+19.6., 19.30 Uhr, Grips Hansaplatz
Grips Theater, Altoner Str. 22, Tiergarten,
www.grips-theater.de