Kunst

8. Berlin Biennale 2014: Kurator Juan A. Gaitán im Interview

Mister Mundo 2014: Juan A. Gaitán ist jetzt der wichtigste Mann für zeitgenössische Kunst in Berlin. Der Kurator bereitet die 8. Berlin Biennale vor, die am 29. Mai beginnt. Ende Januar zeigt er in einer Auftaktschau, was ihn umtreibt: weniger Berliner Selbstergründung, mehr Weitblick auf die Welt

»Deutschland scheint das einzige Land zu sein, dessen politisches System nicht zusammenbricht«

Auf vielen schicken Kunstevents der Stadt sucht man Juan A. Gaitán, 40, vergeblich, auf Twitter hinterlässt der Kurator der 8. Berlin Biennale nur sporadisch Spuren. Gaitán ist viel unterwegs, für die Biennale im Mai, und weil er zwischen Mexiko und Deutschland pendelt. Vor seiner Berufung Ende 2012 hat der Kanadier in Rotterdam, San Francisco und Bergen gearbeitet: Er zeigte eine Ausstellung über das Ende des Geldes, unterrichtete Kuratoren, und präsentierte in drei norwegischen Museen zugleich Kunst zum Thema Handwerk. Inzwischen hat er jedoch Künstler, zusätzliche Ausstellungsorte und Sponsoren für die Biennale gefunden. Am Sonnabend, den 25. Januar eröffnet er den Prolog: Mit einer Ausstellung des Künstlers und Architekten Andreas Angelidakis in den Kunst-Werken. Um 15 Uhr kann das Publikum Gaitán in einem Gespräch mit Angelidakis kennenlernen.

Herr Gaitán, Sie sind der erste Kurator ­einer Berlin Biennale, der Wurzeln auf der Südhalbkugel hat. Sie sind in Toronto geboren und kolumbianischer Herkunft.  Es gibt für alles ein erstes Mal (lacht). Ich könnte raten, ob meine Herkunft der ­Beru­fungskommission etwas bedeutet hat, aber es wurde nie darüber gesprochen, und außerdem habe ich die meiste Zeit in Euro­pa und Kanada gearbeitet.

Was bringt Herkunft mit sich?  Eine bestimmte Weltsicht, einen Standpunkt. Man wächst in einem anderen Teil der Welt auf, man bringt eine andere Sensibilität mit. Ich kann das nicht genauer benennen. Es handelt sich ja nicht um ­einen bewussten Versuch, die Welt so oder so zu sehen.

Kurz nach Ihrer Berufung hat sich die katho­lische Kirche ebenfalls ein Oberhaupt aus Lateinamerika gesucht … … was habe ich mit der Kirche zu tun?

Institutionen, die von Europäern gegründet und dominiert wurden, ändern sich offensichtlich.  Okay. Tatsächlich bin ich für meine ­Recherchen viel in Afrika und in Südostasien unterwegs gewesen. Ich wollte wissen, wie die Künstlerinnen und Künstler, für die ich mich interessiere, arbeiten und leben.

Das ist neu. Bei den vorherigen Berlin Bien­nalen ging es meist um Berlins Rolle in Euro­pa und die alte Brücke in die USA.  Zu Berlin, der Mauer und dem vergangenen Jahrhundert dieser Stadt habe ich wohl nicht mehr viel hinzuzufügen. Mir scheint es wichtiger, andere historische Zusammenhänge zu betrachten, denn die Beziehungen zwischen den Menschen in verschiedenen Teilen der Welt können nicht so eng auf Berlin als Gelenk zwischen Ost- und Westeuropa begrenzt werden. Meine Frage lautete also: Wie schafft man es, den historischen Elan dieser Stadt einzufangen, ohne ihn auf Teilung und Vereinigung zu beschränken?

Geht die Reise also zurück in das 19. Jahrhundert?  Ja, aber nicht ausschließlich. In Vietnam, Kambodscha und Indien hat das mittlere 20. Jahrhundert die Geschichte entscheidend geprägt.

Wegen der Unabhängigkeitsbewegungen? Weil der Kalte Krieg in diesen Ländern viel kaputt gemacht hat. Die Menschen haben immer noch damit zu kämpfen, teils hängen ihre Biografien auf unschöne Weise mit Deutschland zusammen. Ich möchte darüber jetzt noch nicht genauer sprechen, eine Erwiderung auf Ihre Frage finden Sie in der Ausstellung.

Kommen die teilnehmenden Künstler dennoch aus allen Teilen der Welt?  Nein, es gibt ja mehr Länder auf dieser Welt als Künstlerinnen und Künstler, die an der Biennale teilnehmen werden. Sie kommen aus Latein- und Südamerika, Asien, Afrika und Europa.

Interessant, dass Sie Nordamerika nicht ­erwähnen. Wie viele Künstler laden Sie ein? Um die 50, und es kommen auch mehrere aus Nordamerika.

Das wirkt noch recht bescheiden.  Ich möchte hauptsächlich neue Werke in die Biennale einbeziehen. Außerdem kann ich bei dieser relativ kleinen Zahl mit ­jeder Künstlerin und jedem Künstler einen persönlichen Dialog entwickeln.

Wie weit sind Sie mit den Vorbereitungen?  
Ende Januar wird die erste Arbeit zu sehen sein, im Vorderhaus der KW Institute for Contemporary Art …

… der Kunst-Werke in der Auguststraße … Hier zeigen wir den Beitrag „Crash Pad“ des griechisch-norwegischen Künstlers und Architekten Andreas Angelidakis. Er hat den Raum als eine Art Lounge konzipiert, zusammengesetzt aus Objekten, die daran erinnern, dass Griechenland Teil des Osma­nischen Reichs war, dass es im 18. und 19. Jahrhundert immer mehr zu einem westlichen Land wurde und sich nun allmählich wieder von Westeuropa distanziert.

Warum starten Sie so früh? Um Werbung zu machen?  Wir wollen einen Teil der Vorbereitungen öffentlich machen: Eines der Themen werden halb-öffentliche Räume sein, also Orte, die zwar öffentlich zugänglich sind, aber eigene Verhaltensregeln haben, also ein Museum, um ein simples Beispiel zu nennen. Angelidakis’ Arbeit ist so ein halb-­öffentlicher Raum, wir können ihn auch als Arbeits- und Konferenzzimmer nutzen. Und die beiden anderen Spielorte neben den KW, die ich für die Biennale ausgesucht habe, sind Orte mit langer Ausstellungs­geschichte: die Museen Dahlem und das Haus am Waldsee in Zehlendorf.

Damit stechen Sie in ein Wespennest. Das Ethnologische Museum Dahlem sieht sich derzeit mit der Kritik konfrontiert, es ­beherberge Beutekunst aus europäischen Kolonien. Wie gehen Sie damit um?  Lassen Sie sich überraschen.

Wie haben Sie die Künstler bereits bitten können, etwas für diese Biennale zu schaffen, noch bevor Orte und Thema fix waren?  Es gibt da ja nicht nur einen einzigen Weg. Kuratorinnen und Kuratoren laden zum Beispiel Künstlerinnen und Künstler ein, mit denen sie bereits zusammengearbeitet haben und zu denen sie eine intellektuelle Affinität haben. So habe ich Catalina Lozano, Olaf Nicolai, Natasha Ginwala, Mariana Munguía, Tarek Atoui und Danh Vo in das künstlerische Beraterteam gebeten. In einem zweiten Schritt lädt man Leute ein, von deren Werken man denkt, dass sie interessant für die Biennale sein könnten, die einen aber auch zwingen, genauer über das eigene Vorhaben nachzudenken.

Und so kommt man auf 50? Irgendwann denkt man sich natürlich: Okay, jetzt ist Schluss. Doch dann entdeckt man wieder eine Künstlerin oder einen Künstler, deren Werk einfach enorm relevant für das Projekt ist. So kommt einer nach dem anderen dazu.

Noch einmal zur Geschichte: Das Interesse an der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg nimmt zu, nicht nur, weil sich 2014 der Beginn des Kriegs zum 100. Mal jährt. Warum?  Wahrscheinlich, weil es derzeit unmöglich scheint,  sich die Zukunft vorzustellen. Und weil es schwierig bleibt, mit dem 20. Jahrhundert zurecht zu kommen.

Wie meinen Sie das?  Man sieht es in der Architektur. In den 1990er-Jahren errichtete man futuristische Gebäude wie in Berlin das Sony Center. Doch plötzlich begann man, ältere Architektur nachzubauen wie das Stadtschloss. Es geht inzwischen darum, zu bleiben, wie man derzeit ist: Deutschland ist stark und soll es bleiben. Somit muss sich nichts verändern, es hat noch nicht einmal die Chance dazu. Deutschland scheint das einzige Land zu sein, dessen politisches System nicht zusammenbricht, und das meine ich überhaupt nicht zynisch.

Sondern wie?  Die Faszination für frühere Jahrhunderte resultiert aus dem Wunsch, der jüngeren Geschichte zu entkommen. Keiner weiß, was man mit dem 20. Jahrhundert anfangen soll, das wirklich kein gutes Jahrhundert war. Ich sage es mal mit einem pathologischen Begriff: Es gibt offensichtlich eine Geschichte, vor der man fliehen muss.

Das gelingt natürlich nicht.  Nein, und dennoch reißt man den Palast der Republik und in West-Berlin die Marshallplan-Gebäude ab und errichtet stattdessen Architektur wie im 19. Jahrhundert.

Dann erinnert Ihr Vorgehen, mit der 8. Berlin Biennale die Vorgeschichte des 20. Jahrhunderts zu thematisieren, fast an psychoanalytische Methoden. In der Sehnsucht nach dem 19. Jahrhundert steckt auch der Wunsch nach einem glücklicheren Berlin. Diese Stadt träumt davon, architektonisch, sozial, politisch und intellektuell vereint zu sein. Vielleicht lässt sich das hinterfragen, indem die ­Biennale darauf hinweist,  dass Berlin auch ein Zentrum des Kolonialismus war. Staatsbürgerschaften galten als unsicher, und Immigrantinnen sowie Immigranten damals mehr noch als heute als Problem.

Inwieweit ist diese Überlegung Resultat Ihres Standpunkts, Ihrer Weltsicht? Ich fühle mich nicht genügend mit den Themen Teilung und Vereinigung verbunden, um die Biennale unter diesen Gesichtspunkten zu gestalten, eher mit der Kultur der Immigration. Und zwar nicht nur unter dem Aspekt der Menschen, die nach Deutschland gekommen sind, sondern auch umgekehrt. Deutsche zum Beispiel, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach Südamerika kamen und von denen einige Zeitschriften gründeten, als Übersetzerinnen und Übersetzer arbeiteten oder Buchläden eröffneten. Das hat mich mit geprägt.