ZEIT-BILD

Abend über Potsdam

Das Stück über ein Bild aus der Schlussphase der Weimarer Republik erzählt viel über die Gegenwart

Reanactment eines Bildes: Marianna Linden (2. v. li.) als Lotte Laserstein – Foto: HL Böhme
ZITTY-Bewertung: 5/6

In den Jahren 1929/30 arbeitete die Malerin Lotte Laserstein an ihrem Hauptwerk „Abend über Potsdam“. Das an Abendmahls-Motive angelehnte Bildnis einer Gruppe von Freunden fängt in der Ratlosigkeit und Erschöpfung der liebevoll Porträtierten eine Zeitstimmung ein – ständiger Umbruch, ungewisse Zukunft,

Weltwirtschaftskrise und Aufstieg der ­NSDAP. Lutz Hübner und Sarah Nemitz haben für das Hans Otto Theater ein Stück geschrieben, das die Entstehung des Bildes rekonstruiert. Die teils historisch ­belegten, teils fiktiven Biografien der Porträtierten erzählen lebendig von Menschen in der Auseinandersetzung mit ihrer verwirrenden Gegenwart, die ohne das Wissen der Nachgeborenen den ­jeweils besten Weg suchen.

Die Ähnlichkeiten mit der heutigen Stimmung sind verblüffend, vor allem der Vertrauensverlust in die politische ­Klasse kommt einem bekannt vor. Marianna Linden spielt Laserstein als wache Beobachterin, die um ihren Freiraum als Künstlerin kämpft. Die kluge, unaufdringliche Inszenierung von Isabel Osthues schafft mit sparsam eingesetzten Videobildern und O-Tönen Zeitkolorit, erzählt spannend von 1930, abstrahiert das Geschehen aber auch soweit, dass Assoziationen an die Gegenwart entstehen. SUSANNE STERN

Fr 28.4., Sa 6.5., 19.30 Uhr, Hans Otto Theater, Schiffbauergasse 11, Potsdam. Regie: Isabel Osthues; mit Marianna Linden, Meike Finck, Philipp Mauritz,  Florian Schmidtke, Nina Gummich, Zora Klostermann. Eintritt 13–33, erm. 9–23 €

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