DRAMA

abgrund

Die Uraufführung blickt etwas zu glatt in die öde Small­talk-Welt einer gutsituierten urbanen Mittelschicht

Viel Gerede um Nichts in der Schaubühne – Foto: Arno Declair

Alles so schön stylisch hier – die weißen Fliesen in der Edelstahl-Designerküche des Gastgeberpärchens ebenso wie die Textvorlage von Maja Zade in konsequenter Kleinschreibung. Alles soll klare, nüchterne Gestaltung signalisieren. Tatsächlich aber ist alles ziemlich leer.

Zade, seit 20 Jahren Dramaturgin an der Schaubühne, tritt dort in dieser Spielzeit nun auch als Dramatikerin hervor. Nach ihrem Erstling „status quo“ konfrontiert sie in ihrem zweiten Stück „abgrund“, von Hausherr Thomas Ostermeier höchstselbst inszeniert, eine ebenso munter wie banal vor sich hinplappernde, wohlsituierte urbane Mittelschicht mit einem schrecklichen privaten Unglück.

Das Paar hat sich vier Freunde zum Abendessen eingeladen, während nebenan die fünfjährige Tochter und der sechs Monate alte Familienzuwachs vermeintlich schlafen. Was immer man an Klischees über die Latte-Macchiato-Fraktion kennt, hier werden sie vom glänzend aufspielenden Ensemble vorgeführt.

Da wird über die korrekte Bezeichnung für Geflüchtete im gleichen Plauderton diskutiert wie darüber, welche seiner beiden Immobilien der gemeinsame Bekannte wohl zur Finanzierung seiner Kokainsucht verkaufen wird oder welche Supermarktkette die einstige Kaiser’s-Filiale übernommen hat („oh gott ihr habt edeka gekriegt, wir rewe, ich war so erleichtert“). Ein Blabla, wie es in den Designerküchen dieser oft erbegestützen urbanen Boheme, diffus links, aber edelmarkenbewusst („manufactum ist gut mit karaffen“), zwischen Kollwitz- und Bergmannstraße vermutlich häufig ertönt.

Mancher im Schaubühnen-Publikum dürfte sich in den Stereotypen wieder erkennen, insofern ist der Spiegel, den Zade und Ostermeier ihrem eigenen Milieu vorhalten, durchaus mutig. Aber das Stück fügt dem leider keine Ebene hinzu – außer der Konfrontation mit einer menschlichen Tragödie, die aber nicht nur für diese selbstgefälligen Wohlstandsfiguren ein dramatischer Abgrund wäre. FRIEDHELM TEICKE

17.4., 20 Uhr, 19.4., 21 Uhr, 21.+22.4., 20.30 Uhr, Schaubühne am Lehniner Platz, Wilmersdorf. Regie: Thomas Ostermeier; mit Christoph Gawenda, Moritz Gottwald, Jenny König, Laurenz Laufenberg, Isabelle Redfern, Alina Stiegler. Eintritt 7–48, erm. 9 €