Berlin

Acht Schüsse

Seit 30 Jahren gibt es sie in Berlin: kriminelle Clans, bestehend aus arabisch-stämmigen Großfamilien. Lange wurde das Problem von Politik, Polizei und Presse heruntergespielt. Die Serie „4 Blocks“ lenkt den Blick auf die Parallelgesellschaft. Und auf Berlins Straßen eskaliert der Kampf der Clans.

Sonntag, der 9. September, ist ein traumhaft schöner Spätsommertag. Die Sonne steht heiß und hoch über dem Tempelhofer Feld, ­Kinder lassen im sanften Sommerwind ihre Drachen ­steigen, ­Pärchen picknicken im hitzegebleichten Gras, ­Familien flanieren über die ehemalige Rollbahn und die alten Fahrstraßen. Darunter auch Nidal R., 36, mit seiner Frau und seinen Kindern. Gegen 17.40 Uhr kommen ihm vier Männer entgegen. Acht Schüsse fallen. Vier davon treffen Nidal R. in den Oberkörper. Schwer verletzt geht er zu Boden. Ein Tumult entsteht. Frauen und Kinder umringen den Verletzten. Es wird ­geschrien und geheult. Nach 20 Minuten treffen ­Polizei und ein Rettungswagen am Tatort ein. R. wird ins Benjamin-Franklin-Klinikum in Steglitz gebracht, wo er seinen Verletzungen erliegt.

Das Wandgemälde in der Oderstraße in Neukölln
Foto: imago/Olaf Selchow

Doch Nidal R. ist nicht irgendein Flaneur, auf ihn wurde nicht ohne Grund geschossen. Bereits als Zehnjähriger begeht Nidal seine erste Straftat: Zusammen mit anderen schlägt er ein anderes Kind brutal zusammen. Mit 20 ist er der bekannteste Intensivtäter der Stadt. Diebstahl, Raub, versuchter Totschlag, Körperverletzung, Erpressung, Nötigung, diverse ­Drogendelikte – sieht man mal von der Planung und Durchführung eines Angriffskrieges ab, gibt es wohl keinen Paragraphen im Strafgesetzbuch, gegen den der „Mahmoud“ genannte, etwas dickliche junge Mann nicht verstößt. Der „Spiegel“ spricht von ihm als den „Prototyp des Ethno-Kriminellen“, Staatsanwälte und Richter ­beschreiben ihn als hochaggressiv. Insgesamt 14 Jahre verbringt der staatenlose Palästinenser hinter schwedischen Gardinen. Ein Mitglied der hochkriminellen arabischen Clans, über die in den letzten Monaten soviel gesprochen wird in der Stadt, ist er nicht. „Mahmoud“ ist sein ganzes Leben lang ein eher kleines Rad im kriminellen Getriebe Berlins.

Das Gesetz der Straße

Genau das adelt ihn aber in den Augen einer ganz ­bestimmten Gruppe von Migranten: Am Tatort liegt noch wenige Tage später ein Strauß vertrockneter ­Rosen im Dreck, daneben ein paar umgestoßene ­Kerzen. An der rot-weißen Metallbarriere, die Fahrradfahrer vor ­Autos schützen soll, hängt ein vom Regen durchweichtes Pappschild: „Nidal! Ich wünsche deiner Familie und deinen Freunden viel Kraft, das Geschehene zu verarbeiten“, steht darauf. Ein neuer ­Graffiti-Schriftzug in Blau und Gelb schmückt die Wand, seitdem das Porträt von R., eine übergroße Heldenfigur mit Palästinenserschal, unter Polizeischutz übermalt wurde. Im Gebüsch liegt ein abgerissenes Plakat der FDP: „Es zählt das Gesetz des Staates, nicht der Straße.“

Hin und wieder bleiben Menschen vor der Wand stehen, blicken sich kurz um, verwundert über die ­Banalität des Ortes. Für die Todesstelle eines Clan­familien-Partners, zu dessen Beerdigung nach Polizei­angaben 2.000 Menschen – fast alles Männer – erscheinen, wirkt der Trauerort vernachlässigt. Ein älterer Mann steigt vom Fahrrad und fotografiert die Wand. Er ist hier, um die Todesstelle zu sehen, sonst macht er Bilder von Graffiti. „Aufräumen ist wohl nicht ihr Ding“, sagt er und zeigt auf die vertrockneten Blumen und abgerissenen Klebestreifen. Er versteht die Heldenverehrung nicht, die Kriminellen wie R. von jungen Menschen entgegengebracht wird: „Ich finde das furchtbar, wie junge Menschen heute Macht geil finden.“

4 Blocks
Serienhit „4 Blocks“ mit Clanchef Toni (Kida Khodr Ramadan, links): eine rein fiktive Geschichte?
Foto: 2018 Turner Broadcasting System Europe Limited – a WarnerMedia Company /Wiedemann & Berg Television GmbH & Co.

Das Begräbnis am 13. September wird dann auch zu einer machtvollen Demonstration der Berliner ­Unterwelt. Alle Clan-Oberhäupter der Hauptstadt drängeln sich mit traurigen Gesichtern auf dem neuen Friedhof der Schöneberger Zwölf Apostel Gemeinde, ­einem kleinen Gottesacker zwischen Stadtautobahn und S-Bahn-Gleisen, und demonstrieren damit: „Wir haben mit dem Mord nichts zu tun!“ Das Zeichen: „Wir stehen zusammen. Der Feind kommt von außen.“ Bedeckt ist der Sarg mit der grünen Flagge des Islams und einer Palästinenserfahne. Das Totengebet wird vom Imam Mohamed Taha Sabri geleitet, dem Vorstand der ­Dar-as Salam-Moschee. Sabri darf sich zwar mit dem Verdienst­orden des Landes Berlin schmücken, steht aber – vorsichtig gesagt – dem politischen Islam und seinen Terrororganisation nicht besonders kritisch gegenüber.

Aber wenn die arabischen Clans nicht hinter dem Mord stecken, wer dann? Erste Vermutungen der Presse gehen in Richtung Tschetschenen. Ein Szenekenner winkt ­lachend ab: „Die hätten keine acht Schüsse gebraucht. Die sind bürgerkriegsgestählt.“ Die Polizei beobachtet das Begräbnis trotzdem mit einem Großaufgebot. „Orga­nisierte Kriminalität von Mitgliedern aus arabischstämmigen Strukturen“, so die etwas sperrige Polizeiumschreibung für Klankriminalität, ist in Berlin kein neues Phänomen. Doch aus Angst, ethnisch verortete Kriminalität würde rassistisch wirken, nahmen Presse, Politik und Polizei die Clans lange nicht ernst.

Razzien und Haftbefehle

Erst in den letzten Jahren kann man ein Umschwenken beobachten. In der ARD-Doku „Kontraste Spezial: Clans in Deutschland – Wie arabische Groß­familien unser Land beherrschen“ geben Clanmitglieder ganz unverblümt Antworten darauf, wie sie die deutsche Gesellschaft sehen. Hartz-IV-Empfänger, die mehrere Mietshäuser besitzen und Luxuslimousinen fahren, geraten zunehmend ins Fadenkreuz von Ermittlern in Nordrhein-Westfalen, Bremen und Berlin. Es gibt Razzien und Haftbefehle, Beschlagnahmungen von Immobilien, Autos und Sachwerten. Ob ­diese Strategie längerfristig Erfolg haben wird, bezweifeln ­jedoch sogar Insider. Um den Druck auf das kriminelle Milieu auf Dauer aufrecht zu erhalten, fehlen in Berlin schlicht die Beamten in Polizei und Justiz. Und eine Gesetzes­änderung, die – wie in Italien – die Beweislast umkehrt, ist noch in weiter Ferne. Eigentlich gilt diese Neuköllner Halbwelt arabischer Herkunft Fremden gegenüber als abweisend und verschwiegen. Betonen Mitglieder dieser Szene jedenfalls in Interviews. So, wie etwa Khaled Miri, Berliner Mitglied des Miri-Clans, gegenüber Fernsehreportern von „Kontraste“. Wer sich jedoch im ­Internet umtut, erlebt ganz andere, reichlich gesprächige Seiten dieses Milieus: Vor Selbstdarstellungsdrang sprudelt es nur so über. Aus dem Kleinkriminellen „Mahmoud“ wird im youtube-Nachruf ein gottesfürchtiger „Löwe Palästinas“.

Und natürlich gehört zu den Selbstbildnissen neuer­dings auch die Serie „4 Blocks“, in der es um den Clanchef Ali „Toni“ Hamady geht. Seit 25 Jahren leben und „arbeiten“ er und seine Familie in Neukölln. Jetzt will er sich aus den kriminellen Geschäften zurück­ziehen, doch sein Bruder Abbas und der Schwager ­Latif erschweren Toni den Ausstieg.

Christoph Bob Konrad, einer von drei Autoren der Serie, sagt: „Die Geschichte, die wir uns ausgedacht haben, ist rein fiktiv. Wir haben ­einen Erzählbogen konzipiert, den wir mit Recherche­ergebnissen angereichert haben. Wir sind aber nicht auf die Straße gegangen, haben uns Geschichten angehört und daraus ,4 Blocks‘ gebaut. Es war genau anders herum.“ Die Gangster lassen sich von der Fiktion inspirieren.
Aber natürlich lieben all die kleinen Gangster und Rapper der Sonnenallee die Serie, genauso wie sie Brian de Palmas „Scarface“, Coppolas „Paten“ und die Hongkong-Ballade „Infernal Affairs“ lieben. Bei einer Vorführung der ersten Staffel im Moabiter Knast bekamen die Autoren authentische Reaktionen. „Das war spannend“, sagt Hanno Hackfort, ebenfalls Autor der Serie, „natürlich haben uns die Häftlinge gesagt, was unrealistisch ist, aber das war erstaunlicherweise ­wenig. Dass der Polizist erschossen wurde, das würde sich niemand trauen. Besonders schön waren die Reaktionen auf Toni, als der aus dem Gefängnis entlassen wird, nach Hause kommt und Ärger mit der Frau bekommt. Das kannten die Jungs im Knast auch.“

Die Recherche der Autoren lief sehr klassisch ab: ­Zuerst sprachen sie mit Journalisten und Politikern, die im Thema stehen, das führte zu einer Mitarbeiterin ­eines arabischen Frauenvereins. Am Ende gab es auch Kontakte zu Leuten aus dem Milieu, die an der Schnittstelle zu den Clans bewegen, keine direkten Familienmitgliedern. „Uns ist es wichtig, dass wir in der Erzählung und der Darstellung authentisch sind“, so Hackfort weiter, „wir erzählen eigentlich eine sehr universelle Geschichte von zwei Brüdern, um Liebe Hass und Verrat, die aber diesen besonderen Impact erst erfährt, wenn sie irgendwo glaubwürdig angesiedelt ist und nicht in einer fiktiven behaupteten Welt stattfindet.“

Eine kleine Clan-Geschichte

Auch wenn einige Szenen künstlerisch überhöht sind und man die Figurenkonstellationen aus den bekannten Genrefilmen zusammengesetzt hat, muss man „4 Blocks“ doch zugestehen, dass die Serie sehr gut recherchiert ist und eben kein banal-soziologischer „Tatort“. Tonis Familie etwa: Wie in der Realität auch stammt sie aus abgelegenen, arabischsprachigen Gebieten in der südöstlichen Türkei oder aus Palästina. Im Libanon lebten sie meist in Flüchtlingslagern, wo sie nur der eigenen Familie vertrauen konnten. Erste Flüchtlinge kamen bereits Mitte der 80er-Jahre auf dem Höhepunkt des libanesischen Bürgerkriegs über den Flughafen Schönefeld nach West-Berlin. Zwischen der DDR-Kontrolle und dem Übergang nach West-Berlin verloren viele von ihnen wundersamerweise alle ihre Papiere und beantragten politisches Asyl. Sicherlich gab es unter den Schutzsuchenden auch Menschen, die ­politisch oder aus rassistischen Gründen verfolgt wurden. Aber Familien wie der berühmt-berüchtigte A.-Z.-Clan kamen nach Berlin und begannen sofort eine kriminelle Karriere.

Drehbuchautorenkollektiv HARIBO: Richard Kropf, Bob Konrad und Hanno Hackfort (v.l.n.r.)
Foto: privat

Noch heute erinnert sich ein ehemaliger Kaufhausdetektiv aus dem KaDeWe an eine Razzia ­Mitte der 80er-Jahre in einer der Wohnungen der Familie: „An den Wänden stand alles voll mit weißer (Kühlschränke, Waschmaschinen …) und brauner (Fernseher, ­HiFi-Anlagen …) Ware, ein Zimmer war nur den gestohlenen Rauchwaren (Pelze) vorbehalten.“ Recht schnell verlegte man sich von Hehlerei auf den viel ­lukrativeren Rauschgifthandel, später kamen noch Menschenschmuggel und Prostitution dazu. „Das war die Haltung: Man kann sich hier in Deutschland bedienen“, sagt der Migrationsforscher Ralf Ghadban, 1949 im Libanon geboren, seit 1972 in Deutschland, einer der besten Clan-Kenner der Stadt. Am 12. Oktober erscheint sein neues Buch „Arabische Clans. Die unterschätze Gefahr“ beim Econ-Verlag.

Ghadban hat die Macher der Serie „4 Blocks“ beraten, auch ein paar „Ausrutscher“ korrigieren lassen, wie er erzählt. Natürlich sei die Figur des Toni unrealistisch, „eher wie aus einem Mafia-Film in Hollywood“. Ein grüblerischer Clanchef? Sein einziges Kind eine Tochter? „Die Stärke der Clans zeigt sich bei den Söhnen.“ „4 Blocks“ sei aber gut gemacht, spannend, mit rasanten Szenen. „Wenn die wirklich die krasse fade Rea­lität zeigen würden, dann ist das total unattraktiv.“

Ghadban erinnert sich auch noch gut an erste Auseinandersetzungen mit anderen Kriminellen. Anfang der 90er-Jahre mit dem Fall des Eisernen Vorhangs tauchen plötzlich jede Menge Trickbetrüger aus Albanien und dem ehemaligen Jugoslawien in Berlin auf und versuchen, Touristen und andere Dummbatze mit dem lukrativen Hütchenspiel über den Leisten zu ziehen. Eine Einnahmequelle, die schnell auch ­anderswo ­Begehrlichkeiten weckt. Als die Lage zu eskalieren droht, treffen sich albanische und arabische Clans im Büro der damaligen Ausländerbeauftragten Barbara John in der Potsdamer Straße an einem Runden Tisch. Mit dabei als Vermittler: Ralph Ghadban. „Das war damals sehr in Mode, dieser Runde Tisch“, sagt Ghadban. „Nach dem Motto: alle an einen Tisch, auf Augenhöhe, jetzt lösen wir das Problem.“ Er lacht. „Das war so surreal! Die saßen ganz brav da, und jeder von ihnen kann dem anderen um die Ecke den Hals umdrehen, ohne mit der Wimper zu zucken. Die waren vom selben Kaliber!“

4 Blocks
„4 Blocks“-Szene: Auch Clan-Mitglieder wollen ein normales Leben führen
Fotos: 2018 Turner Broadcasting System Europe Limited – a WarnerMedia Company / Wiedemann & Berg Television GmbH & Co.

Warnungen, aus den familiären Clan-Strukturen würden sich kriminelle Parallelgesellschaften ent­wickeln, gibt es damals schon. Sie werden aber von der Politik ignoriert und als Sensationsmache abgetan. Die Polizei darf bis heute nicht von arabischen Clans sprechen, weil solche Bezeichnungen diskriminieren würden. Wobei eine Umdeutung des Begriffs Multikulti stattgefunden hat: Die Sonnenallee, heute nahezu komplett in arabischer Hand, war bis in die 90er-Jahre hinein wirklich eine multikulturelle Meile mit sehr verschiedenartigen Läden und Restaurants. Heute dominiert dort nur noch eine Kultur, die aus einer endlosen Reihe von Handyläden und Shisha-Bars besteht.
Auch der Linke Ralf Ghadban ist heute kritisch gegenüber solch Blütenträumen: „Der Grund für diese Entwicklung ist Multikulti. Multikulti hat ­diese Gesellschaft polarisiert, weil Multikulti die ­offenen Debatten unterbindet. Jede Islamkritik wurde seit den 90er-Jahren als unkorrekt behandelt. Aber Multikulti betrachtet jede Form von Islamkritik als Islamophobie!“ Er setzt hinzu: „Das sind Diskussionen, die stattfinden müssen. Wir leben in einer Demokratie. Und nicht von Verboten.“ Auch der Berliner SPD-Abgeordnete Tom Schreiber, verfassungspolitischer Sprecher und seit Jahren Innenexperte, hat Erklärungsbedarf: „Die Politik insbesondere vor über 30 Jahren war ein Kataly­sator dafür, dass sich diese Strukturen so verankern konnten, wie es heute der Fall ist. Wer keine Möglichkeit bekam, einen Deutschkurs zu belegen, eine Ausbildung zu machen oder zu studieren, weil die Asylverfahren ewig dauerten, der fühlte sich in die Perspektivlosigkeit gedrängt.“

Was man in der Diskussion gerne verschweigt: Auch in der arabischen Gesellschaft in ­Berlin werden die kriminellen Clans durchaus kritisch gesehen. Jamal etwa steht vor dem Späti, in dem er ­arbeitet. Seinen richtigen Namen will er nicht nennen. Er ist ­Mitte 20, trägt Goldkette um den Hals, lächelt verschmitzt. Immer wieder kommen Menschen vorbei, die ihn wie einen alten Kollegen grüßen. „Es gibt Familien, die Stress machen, und es gibt andere. Meine macht keinen“, sagt er. Seine Familie stammt aus dem Libanon, er selbst ist hier geboren. „Schutzgeld gibt es hier in Kreuzberg nicht“, sagt er und lacht – setzt dann aber hinzu, dass das nicht ganz stimme. Immer wieder verschwindet er mit einem wissenden Lächeln zurück in den Laden.

"Kontraste Spezial": Clans in Deutschland
„Kontraste Spezial“ von ARD und rbb: „Clans in Deutschland – Wie arabische Großfamilien unser Land beherrschen“
Foto: rbb / ARD-Kontraste

Der ermordete Nidal R. war ein entfernter Verwandter von ihm. Er mochte R. nicht, konnte mit ­seinem Lebensstil nichts anfangen. Auch Jamal sei früher ein Gangster gewesen, sagt er, er habe auf alle möglichen illegalen Arten Geld verdient, saß dafür sogar einmal im Gefängnis. Es sei eine Entscheidung, die man ­irgendwann treffen müsse: Ehrlichkeit oder Kriminalität? Denn das Leben als Gangster vereinnahme einen völlig, Auswege gebe es kaum. Viel Rassismus habe er erlebt, als er in anderen Städten gewesen sei, vor allem in Brandenburg. Nun will Jamal auf ehrliche Weise Geld verdienen – und eine ehrliche Frau finden, denn das gehe als Gangster nicht. Da könne man ihr nichts bieten. Selbst viele Clan-Mitglieder wollen eigentlich ein normales Leben führen, so wie Toni in „4 Blocks“. Aber sie können der Familiensolidarität einfach nicht entkommen. „Die werden in die Rolle von Komplizen gedrängt“, so Ralf Ghadban weiter, „wenn man von Straftaten erfährt und die Polizei nicht informiert, macht man sich strafbar. Irgendwie machen sie sich alle strafbar – durch diese Schweigepflicht. Man muss ihnen helfen, damit sie rauskommen.“ Längst hätten andere Großfamilien entdeckt, welche Vorteile Zusammenhalt und Solidarität in einem Clan haben, sagt Ghadban: „Die Tschetschenen. Die Albaner. Die Kosovaren. Auch die Jesiden. Das sind ganz starke Familien. Sonst hätten die im Orient auch gar nicht überleben können! Die kommen eben mit diesen Strukturen.“ Und die drängen nun auf den Berliner Markt.

Die Unschuldsvermutung

Nur vor diesem Hintergrund sind Auseinandersetzungen wie der Mord an Nidal R., Schüsse auf ein Lokal in Treptow, das Bushidos Ex-Buddy Arafat Abou-Chaker gehört (samt Verfolgungsjagd durch die halbe Stadt), oder die Zerlegung einer Shisha-Bar in der Nähe des Görlitzer Bahnhofs durch 30 Schläger zu erklären.

Wie aber kann man die Kriminalität bekämpfen? „Nur noch mit geheimdienstlichen Methoden“, befürchtet ein ehemaliger Neuköllner SPD-Abgeordneter. Auch Ralf Ghadban ist skeptisch: „Das ­Gesetz zur Vermögenseinziehung war eine Vorschrift aus Brüssel, die in Deutschland verwässert wurde“, sagt er. „Nach unserem Gesetz aber gilt die Unschuldsvermutung. Daher ist das Gesetz zahnlos. Die haben die ­Güter beschlagnahmt und man geht davon aus, dass sie jetzt vor den Gerichten verlieren und das Eigentum zurückgeben müssen. Eine Lösung ist vorhanden, wenn man das Gesetz an Bedingungen knüpft und man sagt: Ein Hartz-IV-Empfänger, der so viel Geld besitzt, ist verdächtig. Man muss das Gesetz verschärfen, weil es sonst nicht greift!“ Auch Tom Schreiber kritisiert: „Wir haben in Deutschland bisher keine echte Beweislastumkehr. Der Bund hat sich dazu noch nicht durchringen ­können. Möglicherweise ist der Berliner Fall der erste, wo man sehen wird, ob der Gesetzgeber etwas verändern muss.“ Und der SPD-Mann warnt: „Organisierte Kriminalität ist als ähnlich schwerwiegend zu bewerten wie der Rechts- und Linksextremismus. Organisierte Kriminalität ist auch demokratiegefährdend. Sie untergräbt massiv den Rechtsstaat durch die Friedensrichter ­beispielsweise. Es entsteht eine Art Paralleljustiz. Schwerpunkteinsätze sind ja gut und schön. Kann man machen. Das Problem ist nur: Nadelstiche sind eben auch nur Nadelstiche. Was wir brauchen, sind Breiten- und Langzeitwirkung.“

Heldenverehrung für den erschossenen Nidal R. am Tatort: unter Polizeischutz übermalt
Foto: Olaf Selchow / imago

Aber ist der Kampf gegen die Clans nicht längst ­verloren? Ralph Ghadban, der Migrationsforscher, der viele Jahre Sozialarbeiter für arabischstämmige Berliner war, der in der Nähe seiner Wohnung binnen weniger Jahre drei neue Shisha-Bars aufmachen gesehen hat, wo vorher keine war, und der beobachtet, wie die Clans die Stadt untereinander aufteilen, sagt: „Ich verliere nie die Hoffnung. Jemand, der in der Integrationsarbeit tätig ist, verliert nicht die Hoffnung.“