Filmfestival

Achtung Berlin – New Berlin Film Award 2017

Kein Festival der Stadt bietet so einen guten Einblick in das aktuelle hiesige Kino wie Achtung Berlin – New Berlin Film
Award, auch in der 13. Ausgabe

BEAT BEAT HEART, Regie: Luise Brinkmann

Kerstin will in der sommerlichen Uckermark einen riesigen Saal renovieren – eine Sisyphos-Arbeit, die auch dadurch erschwert wird, dass ihr der Lover Thomas abhanden gekommen ist. Ähnlich ist es auch Kerstins Mutter Charlotte ergangen, sie hat ihren Freund in die Wüste geschickt und steht plötzlich vor Kerstins Villa Kunterbunt. Wie die junge Frau an ihrem Saal basteln alle Protagonisten in Luise Brinkmanns wunderbarem Film Beat Beat Heart an Beziehungen, am Leben. Der Eröffnungsfilm von Achtung Berlin steht exemplarisch für das junge Berliner Kino: bevorzugt im Hier und jetzt angesiedelt, gerne Beziehungen ausleuchtend, nicht ohne Humor – unverkrampfte Einblicke in das Hier und Jetzt, Identifikationsmöglichkeit: hoch.
Interessante Genre-Wege geht Tini Tüllmann mit ihrem kruden, aber effektvoll inszenierten Thriller Freddy/Eddy. Sie erzählt von einem Maler, der mit seinem bösen Zwillingsbruder konfrontiert wird – oder ist er einfach nur schizophren? Hübsch kontrastiert hier die Idylle des Starnberger Sees mit den Machenschaften von Freddy und/oder Eddy.
Es sind auch solche Filme, die den beson­deren Reiz von Achtung Berlin ausmachen. Die beiden Festivalleiter ­Sebastian Brose und Hajo Schäfer haben zudem ein Herz für die mittellangen und kurzen ­Filme, für sie gibt es ebenso eine eigene Wettbewerbssektion wie für die abendfüllenden Spiel- und Dokumentarfilme. Den Überblick auf das filmische Geschehen in der Hauptstadt vervollständigen die Sektionen Berlin Independents, Berlin Coproductions und Berlin Documents.
In letzerem zu sehen: Beatles oder Stones
– Neuköllner Jungs. Wolfgang Ettlich ist ­gebürtiger Neuköllner. Der erfahrene Doku­mentarfilmer blickt kurzweilig auf seine eigene Jugend und der von vier ­alten Kumpels – allesamt Männer, die in den ­Jahren nach dem Krieg geboren wurden und die 60er-Jahre in West-Berlin mit der Aufbruchsstimmung aktiv miterlebt haben. Was von den Idealen von damals noch ­übrig ist und wie sich die Jungs im Leben eingerichtet haben, das erzählt der Film mit viel Empathie.
Neu: die Sektion Berlin Series. Mit ­einiger Verzögerung sind deutsche ­Kreative nun doch in den seit Jahren anhaltenden Serienboom eingestiegen, man denke nur an Matthias Schweighöfer und seinen Amazon-Serienhit „You Are Wanted“. Achtung Berlin bietet innerhalb der neuen Kategorie diverse Panels und zeigt die Pilotfolge von Genius, zwei Folgen von 4 Blocks sowie die ersten drei Folgen von Tempel.
Und dann ist da ja noch die Retro­spektive. Es ist schon ein paar Jahre her, da empfing Michael Gwisdek zum Interview in seinem Haus in der brandenburgischen Pampa. Und man durfte einen sehr agilen älteren Herrn erleben, der breit berlinerte und während des Gesprächs auch mal eine Szene aus Dresens „Nachtgestalten“ nachspielte. Dieser Film fehlt nun ebenso in der kleinen Retro zu Ehren von Michael Gwisdek wie jene Regiearbeit, mit der der 75-Jährige es 1998 in den Wettbewerb der Berlinale schaffte: „Das Mambospiel“.
Dafür ist Gwisdeks Regiedebüt, das Historiendrama Treffen in Travers von 1989, ebenso dabei wie drei seiner schönsten ­Filme: das Boxerdrama Olle Henry von 1983, Die Schauspielerin von 1988 und Roland Gräfs Drama Der Tangospieler von 1991. Und dass es der Schauspieler immer noch kann, zeigt er in der aktuellen Produktion Kundschafter des Friedens, einer köstlichen Agentenkomödie.

Text: Martin Schwarz

13. Achtung Berlin – New Berlin Film Award, 19.-26.4., diverse Kinos, www.achtungberlin.de

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