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Ackern für Veränderung

Insektensterben, der Klimawandel und Lebensmittelkonzerne, die landwirtschaftliche Großbetriebe aufkaufen. Zu klären gibt es anlässlich der zehnten „Wir haben es satt“-Demo am 18. Januar eine Menge. Ein Ausblick in die Zukunft der regionalen Landwirtschaft

Plakative Kampagne: Jugendprotest während der „Wir haben es satt“-Demo 2019
Foto: imago images / epd-bild / Christian Ditsch

Vor wenigen Wochen sorgte diese Nachricht, nein, sie sorgte eben gerade nicht für Schlagzeilen, sondern wurde einzig in der Branchenpresse vor allem der biologischen Landwirtschaft notiert: Der ehemalige Präsident des Thüringer Bauernverbandes, Klaus Kliem, hat seinen Betrieb veräußert. Ein Betrieb, der üppige  4.500 Hektar zählt, man sollte ganz unbedingt nicht mehr „Bauernhof“ dazu sagen. Vor allem aber wurde besagte Geithainer Landwirtschafts GmbH an die Boscor Land- und Forstwirtschafts GmbH & Co. KG veräußert – die wiederum ein hundertprozentiges Tochterunternehmen der deutschen Discounterkette Aldi ist. Das Unternhemen, das gemeinsam mit einigen wenigen anderen die Dumpingpreise für Fleisch- und Milchprodukte diktiert, will selbige also zunehmend selbst produzieren.

Das also ist eine der Ausgangsituationen der „Wir haben es satt“-Demo am 18. Januar, wenn Landwirt*innen, Umweltverbände und vor allem die Zivilgesellschaft für eine Ernährungswende und eine bäuerliche, klimagerechte Landwirtschaft in Berlin demonstrieren. Es geht auch darum, ob es in einigen Jahren noch freie Landwirt*innen gibt. Oder ob, um es mit dem Zukunftsforscher Eike Wenzel zu sagen, „es nur noch die Frage sein wird, ob das Land nun großen Lebensmittelkonzernen, Chemiegiganten, Softwareriesen oder irgendeinem Investmentfond gehört“.

Denn auch hierzulande passiert gerade, was etwa in Brasilien, Russland oder weiten Teilen der USA längst üblich ist. Aus Bauernhöfen werden Agrarkonzerne. Und in den neuen Bundesländern mit ihrer Tradition der großen Gutsbetriebe und später der LPGs lassen sich diese Szenarien schon einmal durchspielen. Wobei „Spiel“ hierbei wohl der größtmöglich falsche Begriff ist.

Nun kann die Antwort auf diese Gigatomie kein graswurzelbewegtes Klein-klein mehr bleiben. Sagt Jiro Nitsch, der für die Kreuzberger Markthalle  Neun die Plattform initiiert hat und die bäuerlich-handwerkliche Landwirtschaft des Berliner Umlands mit der Berliner Gastronomie vernetzt: „Klar haben wir in der Nische Produkte von einer unfassbar guten Qualität. Wenn Bio-Lebensmittel aber in der Mitte der Gesellschaft ankommen sollen, muss künftig in größeren Strukturen gedacht werden.

Das also ist das Paradoxon: Wenn etwa die „Süddeutsche Zeitung“ vor ein paar Tagen das Hühnerei als Lebensmittel der Stunde feiert, wird etwa das unfassbar köstliche Weideei aus dem Oderbruch als Referenz gefeiert, wo Bauer Johannes Habel seine freilaufenden Hühner schon mal mit gekochtem Kartoffelstampf füttert. Berliner Sptzenrestaurants wie das Nobelhart & Schmutzig servieren die Kohlgemüse aus der Domäne Dahlem, den Quark vom Demeter-Hof Marienhöhe bei Bad Saarow oder die Hühner von Karin Schlegel. Und vor zwei Jahren hat die Köchin Sarah Wiener, inzwischen Abgeordnete der Grünen Partei Östereichs im EU-Parlament, das Gut Kerkow bei Angermünde übernommen. Ein großer Biobetrieb für Brandenburg, aber keiner gemessen an den Strukturen in Niedersachsen oder Baden-Württemberg.

„Die Gemeinschaft“ nennt sich ein Zusammenschluss aus Landwirten, Gastronomen und Food-Aktivisten
Foto: Yoni Nimrod

Schuld daran sind vor allem 30 Jahre verfehlter Brandenburger Agrarpolitik mit ihrer Ausrichtung einzig auf den Export und die globalen Märkte. Weizen, Mais;  und Wiesenhof betreibt noch eine Geflügelfabrik in Königs Wusterhausen. Vermarktung, Verarbeitung und mithin Veredelung von bäuerlichen Produkten in der Region waren quasi nicht mehr vorgesehen. Gemüsebauern hatten es dementsprechend schwer – und Biobetriebe gleich doppelt. Immerhin: Gut zwölf Prozent der landwirtschaftlichen Flächen Brandenburgs werden bereits ökologisch bewirtschaftet.

Künftig könnte es deutlich mehr sein. Zumindest wenn es nach Axel Vogel, seit einigen Wochen erster grüner Landwirtschaftsminister Brandenburgs, geht. Der hat bereits einen Kulturlandschafts-Beirat angekündigt, um konventionell arbeitende Betriebe, Biobauern und Umweltverbände an einen Tisch zu bringen.

Den Biolandbau fördern, ohne den konventionellen Kollegen allzu offensichtlich vor den Kopf zu stoßen, das ist der schwierige Spagat, dem sich Axel Vogel stellt: „Es ist auf jeden Fall so, dass wir den Biolandbau bevorzugen.“ Zudem soll schleunigst ein Agrarstrukturgesetz auf den Weg gebracht werden, um den Ausverkauf von Äckern und Feldern an außerlandwirtschaftliche Akteure zu unterbinden. Und: Brandenburger Bauern müssen, so ihr neuer Landwirtschaftminiser, sich zum Berliner Markt bekennen. Es könne doch nicht sein, dass in Berliner Bio-Märkten Gemüse aus Spanien und Griechenland liegt.

Mindestens jene rund 40.000 Menschen, die zur „Wir haben es satt“-Demo erwartet werden, dürften das wohl genauso sehen.


Die Kampagne
„Wir haben es satt!“ ist eine Bewegung von Landwirt*innen, Umwelt-, Natur- und Tierschutzverbänden. Der seit 2011 jährlich stattfindende Protest wird von insgesamt 46 Organisationen und Institutionen getragen

Die Demonstration
Agrarwende anpacken, Klima schützen – so lautet das Motto der inzwischen zehnten „Wir haben es satt“-Demo am Samstag, 18. Januar. Treffpunkt ab 12 Uhr am Brandenburger Tor. Bereits um 8 Uhr startet eine Traktorendemo zur Agrarministerkonferenz im Bundeslandwirtschaftsministerium in der Invalidenstraße.www.wir-haben-es-satt.de