Interview

Adam McKay über seinen neuen Film „Vice – Der zweite Mann“

Adam McKay, 50, stammt ursprünglich aus der brachialen Comedyschmiede „Saturday Night Life“, bewies aber 2015 mit dem ­satirisch angehauchten Banker-­Drama „The Big Short“, dass es auch vielschichtiger geht. In „Vice – Der zweite Mann“ erzählt er von Dick Cheney, US-Vize-Präsident unter George W. Bush, und seinen Machenschaften.

Mr. McKay, „Vice – Der zweite Mann“ ist, wie es im Vorspann steht, eine wahre Geschichte – oder zumindest so wahr, wie sie angesichts von Dick Cheneys Hang zur Geheimhaltung eben sein kann. Welche Erkenntnisse haben Sie im Zuge der Recherche am meisten überrascht?

Nicht so sehr einzelne Tatsachen als viel mehr Kleinigkeiten und Facetten eines ­ganzen Systems. Vieles, von dem wir im Film erzählen, wusste ich vorher, auch weil nach dem Ende der Ära Bush/Cheney ­bereits einiges aufgearbeitet wurde. Aber je tiefer ich mich in die Materie eingrub, ­desto häufiger blieb mein Mund vor Erstaunen ­offen. Die Detailliertheit, mit der Cheney vorging, war bemerkenswert. Etwa die Tatsache, dass er die automatische Archivierung der E-Mail-Korrespondenz im Weißen Haus ausschaltete. Er ist, das kann man nicht ­anders sagen, in gewisser Weise ein Genie.


„Cheney ist in gewisser Weise ein Genie“

Adam McKay

Was wollen Sie einem heutigen Publikum mit dieser ja noch vergleichsweise jungen Geschichte mitgeben?

Zum einen einfach die Wahrheit. ­Unsere heutige Realität ist ja nicht zuletzt ein ­Resultat von Cheneys Wirken. Und zum anderen wollte ich deutlich machen, dass noch hinter den größten historischen Veränderungen immer Menschen stehen. Deswegen war es mir auch so wichtig, herausragende Schauspieler wie Christian Bale, Amy Adams oder Sam Rockwell zu besetzen. Um die Fakten um eine Komponente der Menschlichkeit zu ergänzen.

Glauben Sie, dass wir angesichts von Trump und anderen populistischen Führern unserer Zeit irgendwann nostalgisch auf Politiker wie Bush und Cheney zurückblicken?

Nein, ich glaube nicht, dass es Anlass zur Sehnsucht gibt. Wirklich besser waren die Zeiten damals nicht. Wenn ich ­zurückdenke an den Irakkrieg vor 15 Jahren, waren die USA kaum weniger zerrissen als heute. Auch damals lag Hass in der Luft. Sicherlich geht es heute noch ein kleines bisschen verrückter zu, womöglich ist die Lage noch ein ­wenig ernster. Aber Trumps Präsidentschaft ist letztlich das Ergebnis einer konti­nuierlichen Entwicklung, die mit Nixon ­ihren Anfang nahm.

Von wegen Chef und Vize: Präsident George W. Bush (Sam Rockwell, li.) und der eigentliche Strippenzieher Dick Cheney (Christian Bale) Foto: DCM / Universum

Ähnlich argumentiert auch Michael Moore in „Fahrenheit 11/9“. Sehen Sie eine Verbindung zu seinen Filmen? Oder fühlen Sie sich eher dem politischen Kino von Oliver Stone verpflichtet?

Beide sind großartige Filmemacher. „Platoon“ ist ein Meisterwerk, und Michael hat viele tolle Filme gedreht. Außerdem kenne ich ihn gut, ich habe damals in den 90ern für seine TV-Sendung „The Awful Truth“ geschrieben und bin bis heute mit ihm ­befreundet. Aber unser Ansatz ist ein ganz anderer. Wenn wir von filmischen Inspirationen für „Vice“ sprechen, dann muss ich eher andere Werke aufzählen.

Nämlich?

„Patton“ fällt mir ein, von 1970, über US-General George S. Patton. Der Film erlaubte dem Publikum, diesen Mann wahlweise als verrückt und fragwürdig oder aber als amerikanischen Helden zu sehen. Auch „Sid und Nancy“ hat mich inspiriert, was vielleicht auf den ersten Blick merkwürdig erscheint. Aber „Vice“ ist für mich im Kern auch eine Liebesgeschichte, und Lynne ­Cheney brauchte Macht und Sicherheit wie Nancy die Drogen. Und schließlich natürlich Paolo ­Sorrentinos „Il Divo“, denn auch dort stand ein steifer Bürokrat im Zentrum, während der Film selbst voller Leben und Style war.

Würde es Sie reizen, einen Film über jemanden wie Trump zu drehen?

Nicht wirklich, schon allein weil er eigentlich keine Macht hat, sondern lediglich eine Mario­nette und ein Geldwäscher der wahren Strippenzieher ist. Seine Schwäche beweist er tagtäglich aufs Neue, und eine wirkliche Ideologie verfolgt er nicht. Selbst meine Eltern, die anfangs zu ­seinen ­Unterstützern gehörten, machen sich nichts mehr vor und haben erkannt, dass er eine Witzfigur ist. Ihm einen ganzen Film zu widmen, wäre für mich eigentlich Zeitverschwendung.h

Zur Rezension von „Vice“ bitte hier entlang.