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Ärger um einen Permakulturgarten in Spandau

Die 74-jährige Karin Schönberger hat einen Permakulturgarten in Spandau, den Nabu und HU unterstützen. Doch der Vermieter kündigt ihr, Stadträte von CDU und AfD legen Räumungsklage ein. Über einen Garten, der in Zeiten des Klimawandels Vorbild ist

Ein Viertel meiner Zeit widme ich dem Garten. Der Rest ist Kampf“, sagt die 74-jährige Karin Schönberger und betritt ihren Permakulturgarten Weiße Rose in Haselhorst, Spandau. Sie zuckt mit den Schultern. „Ist nicht wichtig.“ Das sagt sie oft. Ihr Blick geht nach vorn, gerade schaut sie in den Garten. Zwischen Hollywoodschaukel und Jurte wachsen Rucola und Spinat. Es ist ein 840 Quadratmeter großes Idyll, das zum Kleingartenbestand des Bezirks gehört und das sie seit 2012 pflegt.

Das Bezirksamt Spandau wollte Karin Schönberger untersagen, Besuch zu empfangen
Foto: Nicole Opitz

Ein Idyll, das in Gefahr ist. Nach einem Streit mit ihrer Nachbarin kündigte ihr der Vermieter des Gartens letzten Winter. Die Stadträte Frank Bewig (CDU) und Andreas Otti (AfD) beschlossen daraufhin, den Garten aufzuteilen. Wenn es nach ihnen geht, soll alles raus. Der Permakulturgarten wäre zerstört. 840 Quadratmeter seien zu viel für eine Person, sagten Bewig und Otti. Schönberger klagte, verlor bei Gericht, legte Berufung ein und überzeugte Bezirksverordnete der FDP, der Linken, der Grünen und der SPD, wie wichtig der Garten auch für das Stadtklima ist. Im November 2018 beschloss die Bezirksverordnetenversammlung (BVV): Der Garten soll nicht aufgeteilt werden, bevor die Berufung verhandelt ist. Doch der Beschluss ist wie alle Beschlüsse der BVV für das Bezirksamt nicht bindend. Schönberger bangt um ihren Garten.

Stadtrat Bewig möchte auf dem Grundstück zwei Kleingärten anlegen: „Der Bezirk bewirtschaftet insgesamt 150 Hektar nachhaltig. Für die in Rede stehende Fläche ist dies nicht vorgesehen.“  Als könne man Natur planen, indem man Grenzen auf einer Karte zieht. Permakultur braucht Zeit, das ist Teil des Konzepts. „Ich glaube, Herr Bewig hat überhaupt nicht verstanden, was Permakultur ist“, sagt Schönberger.

Permakultur imitiert natürliche Ökosysteme. Alles ist miteinander verbunden: Überirdisch in Beeten, unterirdisch durch die Wurzeln. Dadurch, dass nichts umgegraben wird, können über Jahre hinweg weite Verbindungen entstehen. „Der Garten orientiert sich an den Schichten des Waldes“, sagt Schönberger. Doch statt Fichten und Birken stehen in ihrem Garten Apfel- und Kirschbaum, statt Farn wächst am Boden Löwenzahn. Schönberger düngt nicht. Sie gießt, schneidet, häckselt. Die sogenannte Humusschicht, also die Erde, ist dicker als in anderen Kleingärten. Wildpflanzen können gut wachsen.

Schänberger überlegt genau, was sie pflanzt, weil alles miteinander verbunden ist
Foto: Nicole Opitz

„Es ist gar nicht so einfach, geeignete Flächen für einheimische Wildpflanzen zu finden“, sagt Britta Laube vom Naturschutzbund Spandau (Nabu). Der Nabu pflanzt im Herbst Wildpflanzen wie Blauschillergras, Grasnelke und Bergsandglöckchen im Permakulturgarten ein. „Diese Wildpflanzen werden seltener in Deutschland.“

Denn oft ist Boden überdüngt oder nur mit Rasen bedeckt. „Von den Wildpflanzen profitieren auch Schmetterlinge und andere Insekten“, sagt Laube. „Sie können nur dort fressen und ihre Larven und Eier legen.“ Ohne Wildpflanzen sterben diese Insekten. Sie bestäuben Kultur- und Nutzpflanzen und sind wichtig für den Obst- und Gemüseanbau.

Laube sieht wie Schönberger die positiven Effekte des Permakulturgartens in Zeiten des Klimawandels: „Wir sehen jetzt schon, dass die Sommer sehr heiß sind.“ Die Büsche und Bäume im Permakulturgarten kühlen. „Viele andere Gärten haben ja nur Rasenflächen und offene Böden, da findet keine große Kühlungsleistung statt“, sagt Laube. Der Boden im Permakulturgarten dagegen ist durch Mulch und Pflanzen bedeckt. Das stärkt die Erde und bindet das CO2.

Schönberger legt beide Hände aufs Gesicht: „Ich konnte heute Nacht nicht schlafen!“ Dann lacht sie. „Das Solar ging gestern nicht. Vielleicht wegen des Gewitters.“ Sie zuckt die Schultern, wirkt müde. Schönberger hat in ihrem Garten eine Solarinsel, die im Garten für Strom sorgt. „Ich benutze sie hauptsächlich für die elektronische Wasserpumpe.“ Zwischen Solar und Pumpe liegen etwa zwanzig Meter. Wie die Pflanzen im Garten ist auch die Elektronik über Umwege verbunden.

Schönberger empfängt gerne Besuch: „Es ist ein Gemeinschaftsgarten“, sagt sie. Jeder darf kommen und sich informieren. So wie in ihrem Garten Pflanzen niemals nur Pflanzen sind, sondern verbunden mit Insekten, Vögeln, ja, dem gesamten Klima, so ist auch Schönberger nicht allein. BVV-Mitglieder der Linken, der SPD, der Grünen und der FDP stimmten Ende August gegen den Willen des Bezirksamts dagegen, dass nur noch Familienmitglieder den Permakulturgarten betreten dürfen.

Das Institut für Agrarwissenschaften an der Humboldt Universität listet den Garten als „Klima-Schaugarten“. Studierende lernen hier, wie man den Klimawandel bekämpfen kann. Global denken, lokal handeln. Eine Studentin, die mit einem Kooperationsprojekt der HU Schönbergers Garten besichtigte, ist die 27-jährige Selamawit Julia Araya: „Karin hat mich inspiriert. Ich habe gemerkt, dass ich öfter herkommen wollte.“ Seit vier Jahren besucht sie Schönberger und hilft im Garten. „Wir sind dabei Freundinnen geworden“, sagt Schönberger. Und Araya sagt: „Ich kann gar nicht fassen, was hier passiert. Jeder spricht über den Klimawandel und wie schlimm er ist. Dann passiert mal was und überall werden einem Steine in den Weg gelegt.“ Sie sitzen im Garten und überlegen, wie sie handeln können. Da ruft die Nachbarin von draußen: „Macht nicht so ein Theater!“

Ein Streit mit dieser Nachbarin sorgte dafür, dass Vermieter und Politiker*innen die Gartengrenze prüften. Daraufhin wurde Schönberger gekündigt. Schönberger sagt, die Nachbarin klaue ihr Pflanzen. Die Nachbarin behauptet, Schönberger habe Ratten.

Schönberger kämpft an zwei Fronten: gegen die Nachbarin und gegen die Stadträte. Über den Streit mit Bewig und Otti sagt Anne Düren (parteilos, die Linke): „Die Fixierung der Stadträte auf dieses Grundstück lässt einen glauben, dass andere Gründe dahinter stehen.“ Düren ist für eine Teilung auf dem Papier. Ohne Schaufel. So, dass der Garten Schönbergers offiziell auch jemand anderem gehört, aber erhalten bleibt.

„Karin Schönberger geht es wirklich um die Sache. Der Garten muss bleiben, weil er gut für das Klima ist“, sagt Düren. Obwohl etwa 14.000 Berliner*innen auf einen Kleingarten warten. „Da hilft dieses Grundstück nicht“, sagt Düren. „Wir haben in Spandau genug Flächen, die man zu Kleingärten machen kann.“