Avant-Pop

Ätna spielen im Silent Green

Vor einem Jahr ging es innerhalb weniger Monate hoch her für Ätna. Seither weist die Beliebtheitskurve des Dresdner Duos weiter in die gleiche Richtung: nach oben

Foto: Josefine Schulz

Die Sängerin Inéz Schaefer und der Schlagzeuger Demian Kappenstein, die als Ätna nur ihre Vornamen verwenden, spielten beim Hamburger Reeperbahn-Festival und standen einen Monat darauf im rekonstruierten Bühnenbild des Theater-Visionärs Adolphe Appia von 1913 im Festspielhaus Hellerau. Der Raum ist ein weißer Quader mit Treppen und Plattformen, indirekt beleuchtet von über 5000 Glühlampen – für seine Zeit absolut sensationell. Quasi als Koproduktion zwischen Ätna und Appia entstand hier der Song „Brother“ als Musikvideo und Tonaufnahme. Es gibt kein Playback und keine Overdubs, was zu sehen ist, ist genau so auch zu hören. Der Song ist Teil der audiovisuellen Suite „La Famiglia“, die im September auf dem neuen Berliner Label House of Strength erschienen ist, die anderen Songs wurden nach dem gleichen Prinzip eingespielt. Ätna waren im Dezember 2017 Vorband des englischen Singer-Songwriters Fink in der Columbiahalle, er stellte den Kontakt zu Label her. Mit dem Produzenten Moses Schneider (u.a. Tocotronic, Beatsteaks), arbeiten Ätna seit zwei Jahren zusammen. Schneider legt bekanntlich viel Wert auf Liveness. Inéz und Demian ist die Erfahrung aus zahlreichen Konzerten anzumerken, dass beide Jazz studierten, hat ihre Bühnenpraxis beflügelt. „In Konzerten probieren wir oft Stücke aus, an denen wir gerade schreiben,“ erzählt Demian am Telefon aus Dresden. „Wir versuchen auch, den Ort miteinzubeziehen. Wenn wir in einem Jazzclub spielen, wo zwei Sets die Regel sind, können wir darauf eingehen, weil wir genug Material haben.“ Inéz ergänzt: „Das zweite Set war oft intensiver. Aber am liebsten spiele ich durchgehend eine Stunde, fünfzehn Minuten. Ich find’s cooler, wenn sich jeder sein Getränk holen kann, wann er will.

Von Jazzleuten hören wir manchmal, unsere Musik sei ganz schön poppig, Pop-Interessierte sagen wiederum, sie sei ganz schön jazzig. In Jazzclubs liegt der Altersdurchschnitt unseres Publikums bei 45 Jahren, auf Festivals oder in anderen Clubs bei Ende 20.“ Glücklicherweise, so nimmt es Demian wahr, verlieren die Genregrenzen im Festival- und Clubbetrieb an Bedeutung. „Die meisten scheint zu interessieren, ob sie selbst etwas mit der Musik anfangen können, ob sie das Konzert bewegt und zum Kopfnicken bringt. Das Format EP ist viel besser geeignet, um mit den Menschen in Kontakt zu bleiben. Bei einem Album kann das Drumherum, die Gestaltung und Promotion lange dauern. In der Zeit können wir schnell etwas von uns in den sozialen Medien zeigen, und im Konzert können die Menschen uns dann entdecken.“ Der Wucht von Ätna kann man sich kaum entziehen. Das Zusammenspiel von Schlagzeug, Keys und Inéz’ Stimme, die mal pur erklingt oder die sie mit dem Effektgerät von sanft bis monströs erweitert, bewegt sich lustvoll zwischen Minimalismus und Euphorie.

Demian, der mit dem libanesisch-deutschen Quartett Masaa und mit seinem Solo-Projekt nach Indien und Taiwan getourt ist, reichert das Schlagzeug sehr bedacht an. „Ich verwende keine folkloristischen Instrumente, mich reizt eher, wo ich Klänge herbekomme, die jemand nicht erwartet. Ich kann eine Stoßdämpferfeder oder ein Blech aus einem weggeworfenem Küchenherd in mein Schlagzeug integrieren, Knallfolie oder einen Schnellkochtopf zweckentfremden. Ich finde spannend, eine Spielweise zu finden, die ich mir selber ausdenken kann und wo ich nicht auf einen Meister oder eine Schule zurückgreifen muss.“ Ein anderer entscheidender Faktor für Ätna ist die Mode. Regelmäßig sichten sie Modezeitschriften und Filme, klappern Second-Hand-Läden ab oder tun sich zusammen mit einer Designerin; Franziska Michael aus Berlin hat die Garderobe für das Video „Bond“ beigesteuert. Inéz hat sich vom ausgesuchten 70er-Jahre-Interieur im Café Florida in Grömitz bei Lübeck, inspirieren lassen. Für das Video von „Sister“ fand sie Kleidung im gleichen Farbton wie die kunstvoll drapierten Gardinen, die den Blick auf die Ostsee freigeben. Warum thematisieren Ätna mit ihrer EP eigentlich die Familie? „Es geht um das Ideal, dass Menschen durch Vertrauen miteinander verbunden sind und loyal zueinander sind,“ sagt Inéz. „Wie im Song „Brother“, der aussagt, zusammen sind wir stärker.“ Für den Zusammenhalt von Inéz und Demian steht auch der namengebende Vulkan auf Sizilien: „Mein Spitzname früher war Ätna. Und als Demians Mutter mit ihm schwanger war, ist sie den Ätna hochgeklettert. Das Bild der Naturgewalt imponiert mir sehr.“

Konzert: Fr 26.10., 20 Uhr, Silent Green, Gerichtstr. 35, Wedding, VVK 18 €