Was mich beschäftigt

Aggro-Straßen Berlin

Seitdem ich in Berlin lebe, fahre ich kein Fahrrad mehr. Ich habe panische Angst davor. Dabei würde ich so gern. Doch es geht einfach nicht. In Riga, wo ich bis zum neunten Lebensjahr aufgewachsen bin, hatte nur ein Nachbarsjunge ein Kinderfahrrad. Ich bin einmal damit gefahren und fand es großartig, aber auch etwas beängstigend. Dann zogen wir nach Deutschland, in ein Dorf bei Münster. Dort habe ich mich ins Radfahren verliebt. Als ich dann in Münster studierte, wurde ich zum Profi. Nichts ging mehr ohne Rad.

Der Bruch kam in Berlin, in dieser wunderbar pulsierenden, oft so entspannten Metropole. Auf der Straße spürt man plötzlich nichts mehr vom Miteinander. Es herrscht eine animalische Aggressivität: schneller, weiter und nur ICH. Und ich gab das Fahrradfahren auf.

Zuerst haben mich die anderen Fahrradfahrer genervt und erschreckt. Das Einhalten der Verkehrsregeln – bei Rot hält man an, man schlängelt sich nicht zwischen stehenden Autos und LKW hindurch, sondern wartet ganz entspannt, bis es weitergeht – wird oft mit bissigen Bemerkungen bis hin zum Anrempeln quittiert. Ich meine: Hallo!, das ist doch totaler Selbstmord, wie manche fahren. Auch super sind diese Fahrräder ohne Bremse und Licht. Also habe ich das Radeln sein lassen, mich für die langsame und ruhige Variante des Laufens entschieden. Und war glücklich.

Dann wird man älter, kriegt Kinder. Und merkt plötzlich, dass man zu Fuß nicht alles geregelt kriegt. Irgendwann bot sich die Gelegenheit, ein Auto zu kaufen. Na gut. Am Steuer bin ich angstfrei. Zwei Wochen, nachdem ich meinen Führerschein gemacht hatte, bin ich von Münster nach Riga gefahren. Nach so einer Tour hat man einfach keine Angst mehr.

In dieser Rubrik stellen sich ZITTY-­Autoren große und kleine ­Alltagsfragen. Dieses Mal: ZITTY-Grafikerin Linda Schirona

Ich bin eine flotte, aber rücksichtsvolle ­Autofahrerin. In Berlin aber merkte ich: Viele Autofahrer sind hier total wahnsinnig! Ich rede hier nicht von Sachen wie: keinen Blinker beim Abbiegen setzen. Oder: zu dichtes Auffahren. Ich rede vom blanken Horror. In Berlin habe ich noch keine Fahrt erlebt, in der nicht mindestens zwei Autos über eine rote Ampel brettern. Jedes Mal gibt es Vollidioten, die gefährliche Überholmanöver zum Spaß unternehmen. Am besten sind diese Möchtegern-Rennfahrer, die irgendwelche Computerspielszenen nachstellen. Es ist reines Glück, dass mir bisher nichts passiert ist. Ich wurde von diesen Idioten schon mehrmals so scharf geschnitten, dass es nur um ein paar Zentimeter ging. Letztens wurde ich angehupt, überholt und ausgebremst, weil ich wartete, als ein Bus aus der Haltestelle rausfuhr. Hä? Hätte ich reindonnern sollen?

Daher kommt sie also, meine Angst vor dem Tod auf dem Rad. Vielleicht wird es ja mit dem neuen Fahrrad­gesetz besser. Mich nervt es ja, dass das Auto ­eigentlich nur rumsteht. Dass es umweltschädlich und teuer ist. Ich war soweit, ich wollte es verkaufen und habe mir neulich für einen Tag ein Lastenrad geliehen, zur Probe. Ich dachte, ich würde mich mit einem Dreirad sicherer fühlen. Aber ich bin dabei vor Angst fast gestorben. Irgendwann sagte meine dreijährige Tochter: „Papa soll fahren, Mama muss noch ein bisschen üben.“

Werde ich tun, nächstes Jahr. (Nicht.)