Porträt

Agnes Obel, Meisterin des Unheimlichen

Harmlose Pianoballaden? Nicht mit Agnes Obel! Schönheit gibt es bei ihr via Schauder und Schrecken, mit viel Verfremdungseffektgerät auf der LP „Myopia“

Agnes Obel, vom Fernseher abfotografiert – quasi das visuelle Äquivalent zu ihrem Klangverformen qua Re-Amping. Foto: Alex Bruel Flagsted

In der Lagune von Venedig, vor der fürs Glas gerühmten Insel Murano, liegt San Michele, eine Friedhofsinsel voller Urnen. Die Toten von Venedig. Igor Stravinsky ist hier auch begraben. Wer schon mal auf San Michele war, wird sich beim Agnes-Obel-Song „Island of Doom“, Insel des drohenden Unheils, daran erinnern. Diese Stimmung von Nebel über der See. Gleitende Gondeln. Wesen darin, hinter unheimlicher Karnevalsmaskerade. Sind sie den Gräbern entstiegen? Klanglich beschwört Agnes Obel diese Aura nicht einfach mit viel Hall herauf, sondern indem sie ihre Stimme ätherhoch und lagunentief pitcht, also technisch verfremdet. Wie Geister, die neben ihr schweben. Ohne Rücksicht auf banalen Schönklang.

Agnes Obel, 39, dänische Berlinerin, ist die Großmeisterin des Unheimlichen. Das ist schon lange kein Geheimnis mehr. Psycho-Horror-Regisseur David Lynch hat 2013 ihren Song „Fuel to Fire“, zu deutsch Benzin aufs Feuer, geremixt. Ihre Lieder lassen erschrecken und erschaudern. Damit musiziert sie gegen den Strich, in einer Zeit, die sich die seichte, glatte, todesvergessene Oberfläche zum Götzen erklärt hat. So trifft Agnes Obel einen Nerv. In Europa und Asien erscheint die neue LP „Myopia“ über das Berliner Klassiklabel Deutsche Grammophon; in Amerika aber über das Jazz-Label Blue Note, das 1939 von zwei jüdischen Berliner Flüchtlingen in den USA gegründet wurde – und Legenden wie Miles Davis und Thelonious Monk groß rausbrachte.

Die meisten Lieder von „Myopia“, zu deutsch Kurzsichtigkeit, also Tohuwabohu  im eigenen Ego-Tunnel, entstanden nachts, abgelegen in der industriell menschenleeren Einöde, wo Agnes Obel über ihrem Studio wohnt, unweit vom Funkhaus in Oberschöneweide. Sorglos schlafen kann man anderswo wohl besser. Aber Agnes Obel bleibt eh gern bis fünf Uhr morgens wach, um akribisch an ihren Einfällen zu schrauben. Ja, schrauben, denn diese Frau hat Skills ohne Ende, und das meiste macht sie analog. Sie hat alles selbst gespielt, außer die Streicher, selbst die gehauchten Beats.

Freude am Pitchen fand Agnes Obel beim Song „Familiar“ auf ihrem Vorgängeralbum „Citizen of Glass“ von 2016. Da sang sie im Duett mit sich selbst, bloß klang die zweite Stimme qua Downpitching kaum noch nach ihr selbst, sondern androgyn, erinnerte an Anohni, einst Antony and the Johnsons: „Our Love is a Ghost that the others can’t see.“ Da hatte Agnes Obel Blut geleckt. Inzwischen treibt sie das Pitching zum Exzess, ohne Rücksicht auf Verluste. „Wenn du pitchst“, sagt sie, „ändert das die Frequenzbiegungen, das Vibrato. Bei meiner Stimme, aber auch bei den Violinen und dem Klavier.“ Diese Art der Verfremdung erinnert sie an alte Erinnerungen: „Wenn du dich an einen Tag deiner Kindheit erinnerst, wie du im Gras gespielt hast zum Beispiel, dann fühlt sich dieses Erinnerungsgras doch etwas anders an als reales Gras heute. Dein Geist ändert die Textur des Grases.“

Agnes Obel arbeitet viel mit analogen Tonbandgeräten. Sie verändert die Abspielgeschwindigkeit und damit die Tonhöhen. „Dadurch bewegt sich die Stimme anders in der Zeit, gemorpht.“ Die runtergepitchten Violinen haben was von Celli, aber eben nicht ganz. Drei Oktaven runter ist eine Menge! Das wagt sich selbst im HipHop kaum jemand, wo an sich viel mit Pitching, wenn auch digital, verfahren wird. „Tief runtergepitchte Violinen klingen furchteinflößender als ein richtiges Cello“, sagt Agnes Obel. „Da ist plötzlich eine Zerbrechlichkeit, die reales Cello nicht hat.“ So verwandeln sich die Instrumente in etwas, das zu unheimlichen Begegnungen der dritten Art führt. „Manche Dinge erlebt man ja so, als wäre es durch einen Filter“, sagt Agnes Obel. Es fühle sich für sie oft so an, als würden ihre mentalen Zustände nicht unbedingt etwas aus der Wirklichkeit repräsentieren: „Meine Stimme zum Beispiel klingt in meinem Kopf wohl ganz anders als gerade auf Ihrem Diktiergerät.“

Wiewohl Agnes Obel Klaviere spielt, so sind das meist keine Standard-Konzertflügel. Da ist die berühmte Celesta, die viele aus dem Harry-Potter-Soundtrack kennen. Oder mit Filz präpariertes Piano, was den Klang etwas dämpft, Nils Frahm verwendet diesen Trick oft. „Ich arbeite aber mit dünnem Filz, das die Höhen klarer drin lässt“, sagt Agnes Obel. Sie hat sich auch ein Trautonium gegönnt, quasi der Opa des Synthesizers, von 1930. Auf „Myopia“ hat Agnes Obel aber auch mit einem Luthéal gearbeitet, einer inzwischen fast vergessenen Apparatur, die Klaviere ins markant Barock-Cembalohafte verfremdet. Ein Original ist fast nicht mehr aufzutreiben, weshalb Obel mit Samples gearbeitet hat, aber den besten, die sie kriegen konnte. Der Download der exklusiven Emulator-Files hat einen Monat lang gedauert.

Überhaupt mag sie Samples, auch analoge, wie etwa beim Mellotron, quasi einem analogen Keyboard: Per Tastendruck werden Tonband-Samples abgespielt. „Die Klänge des des Mellotrons fühlen sich nach einer anderen Zeit an“, schwärmt Obel. „Es klingt weird und wundervoll.“ Ein anderer Verfremdungseffekt, auf den Agnes Obel steht, ist das so genannte Re-Amping: bereits Aufgenommenes durch Lautsprecher jagen und diesen Schall neu per Mikrofon aufnehmen. Das klingt dann wie Erinnerungen an Erinnerungen.

„Broken Sleep“ heißt ein Song auf dem neuen Album. Sie hatte immer wieder Schlafprobleme, schon als Kind. „Im Song wollte ich mich aber auch ein bisschen über Schlaflosigkeit lustig machen“, sagt Agnes Obel. „Wenn man sich erstmal in sie hineinsteigert, wird sie nämlich nur noch schlimmer. Der Trick ist deshalb, sie nicht allzu ernst zu nehmen.“ Wenn man sich erst mal erschreckend, erschauernd durch das grandiose „Myopia“ gehört hat, ja, dann kann man wirklich diesen Zustand der Katharsis erreichen. Hinter den meisten spukenden Masken, selbst in der Bucht vor Venedig und der Einöde von Oberschöneweide, steckt am Ende ja doch ein lebender, narrender Mensch.

Agnes Obel: „Myopia“ (Deutsche
Grammophon/Universal, VÖ 21.2.)

Konzert: Mo 16.3., 20 Uhr, Admiralspalast, Friedrichstr. 101, Mitte, ausverkauft
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