Kommentar zu Ai Weiwei

Beleidigtes Berlin

Vom 19. bis 24. Februar zeigt Ai Weiwei seine Filme im Kino Babylon-Mitte, darunter der Film „The Rest“ über die europäische Flüchtlingskrise, der am 19. Februar Premiere hat. Wie im Kinobetrieb üblich, gibt der Regisseur zuvor ein Kurzinterview nach dem anderen. In solchen Fällen wollen Filmjournalisten meist etwas zu Drehorten, Szenen, Besetzung, biografischen Hintergründen, Produktion wissen.

Bei Ai Weiwei nicht. Es geht vor allem um eins: um seine Vorwürfe, Deutsche seien unhöflich, rechthaberisch, aufdringlich didaktisch, fremdenfeindlich, Berlin sei eine hässliche Stadt.

Ai Weiwei bei der Eröffnung seiner Ausstellung „Everything is art. Everything is Politics“ 2019 in der Kunstsammlung NRW
Foto: Sven Simon

Man muss Ai Weiwei dankbar für seine Schelte sein, weil unsere Reaktionen auf sie uns Aufschluss geben über uns selbst, ungeachtet dessen, ob die Vorwürfe gerechtfertigt sind oder nicht. Ai mag der Berlinale, die nie seine Filme gezeigt hat, Zensur vorwerfen, aber die Kunst ist qua Grundgesetz frei in Deutschland. Das heißt im schlechteren Fall: Jede künstlerische Leitung darf, aus welchen Gründen auch immer, ein Werk ablehnen, solange sie behauptet, diese geschehe aus künstlerischen Gründen. So wurden Künstlerinnen lang genug Museumsausstellungen verwehrt. Nur öffentlicher Druck und Rechtsschritte ändern daran etwas.

Und selbstverständlich hat die Mehrheit der Bevölkerung, anders als von Ai behauptet, aus der deutschen Geschichte gelernt, sonst wäre – beispielsweise – das Entsetzen über die AfD-gestützte Ministerpräsidentenwahl in Thüringen nicht so groß.

Jeder Vorwurf lässt sich auseinandernehmen, aber das ist müßig. Allenfalls lässt sich Ai eine gewisse Unhöflichkeit vorwerfen, haben ihm doch nach seiner Verhaftung, Verschleppung und dem Entzug seines Passes seine hiesigen Freunde sowie staatliche Einrichtungen wie die Universität der Künste die Ausreise aus China erleichtert.

Interessanter bleibt, warum das Interesse an seinen Äußerungen so groß ist. Man stelle sich also vor, jemand sei kritikfreudig bis an die Grenze der Höflichkeit und man frage ihn immer wieder, warum er das sage, ob es wirklich so schlimm, ob es nicht ganz anders sei. Das spräche für nichts anders als für eine Fixierung auf das Gegenüber, auf die Bereitschaft, sich entweder weitere Schelte abzuholen oder solange zu bohren, bis man sich doch noch freundlich in den Augen des Anderen spiegeln kann. Eine reife Haltung ist das nicht.

Wer in sich ruht, würde die Vorwürfe prüfen und feststellen, ob oder wo tatsächlich Verbesserungsbedarf besteht. Aber diese Ruhe haben wir offenbar nicht. Auch 30 Jahre nach Mauerfall wirkt die Verunsicherung, die die brutale Geschichte des 20. Jahrhunderts in Berlin hinterlassen hat, nach.

Wir dachten, wir seien nett und verlässlich geworden, wir haben Berlin renoviert, Gedenkstätten gebaut, und dann kommt ein berühmter Mann und spricht uns das ab, was wir meinen erreicht zu haben. Das kränkt tief, offenbar so tief, dass kein Raum mehr bleibt für eine Auseinandersetzung mit Ais dringlichster Kritik: an der Flüchtlingspolitik der Europäischen Union, die Menschen an deren Grenze siechen und sterben lässt.

Die Fixierung auf unser Spiegelbild in Ais Augen verunmöglicht es, die Perspektive zu wechseln, die hiesigen Verhältnisse einmal aus dem Blickwinkel eines Mannes zu sehen, der seine Kindheit mit seinen Eltern in der Verbannung verbracht hat, der sich als Erwachsener in Peking zu einem international bekannten Gegner des kommunistischen Regimes hochgearbeitet hat. Der aus einem Staat mit 1,3 Milliarden Menschen in die kleine, wohlhabende EU kommt, deren dickstes Land beste Import-/Exportgeschäfte mit genau dem Staat macht, aus dem er gekommen ist – ungeachtet aller Nachrichten über die Internierung von Uiguren und anderen Menschenrechtsverletzungen. In eine EU jedoch, in der Regierungs- und Firmenchef*innen nervös werden, weil der Corona-Virus die Wirtschaft zu schwächeln drohen lässt.

Einmal die Perspektive eines Mannes einzunehmen, der sich immer wieder fragen lassen muss, warum er Berlin für Cambridge verlassen habe. Als ob das außerhalb des Vorstellungsvermögens läge.

Niemand muss sich diese Perspektive zu eigen machen, es geht auch nicht darum, Ai sympathisch zu finden oder nicht. Es reicht, den Blick einmal vom Berliner Nabel zu heben. Und es wäre ein Zeichen der Reife, sich Ais Filme anzusehen und darüber zu sprechen.

Interview mit Ai zu seinem Film Flow von 2017