»Wir haben viele Drohnen verloren«

Interview mit Ai Weiwei zu seinem ersten Kinofilm „Human Flow“

Ai Weiwei über seinen ersten Kinofilm „Human Flow“, warum er sich als Teil der ­weltweiten Fluchtbewegungen sieht, und darüber, wie es war, in Tempelhof zu drehen

Herr Ai, wer gegen Geflüchtete hetzt, wird Ihren Film nicht anschauen, und wer sich angesprochen fühlt, den brauchen Sie nicht zu bekehren. Wer soll ihn sehen?
Den Film habe ich für mich und diejenigen gemacht, die sich mit meiner ­Neugierde und meinem Wunsch identifizieren, die globale Flüchtlingssituation zu verstehen. Und vielleicht gibt es ein Flüchtlingskind, das verzweifelt versucht zu verstehen, was ­seiner Mutter, seinem Großvater passiert ist. Derzeit sind rund 65 Millionen Menschen dazu gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Natür­lich werden sie nicht unbedingt unse­ren Film sehen wollen. Aber sie brauchen Mitgefühl und Verständnis.

Ai Weiwei

Ai WeiWei

lebt mit Partnerin und Sohn in Berlin, wo er als Professor an der Universität der Künste unterrichtet. Der Sohn des verfemten Dichters Ai Qing wuchs in der Verbannung auf. Der regimekritische Künstler war in China 2011 an unbekanntem Ort inhaftiert und hatte bis 2015 Reiseverbot. Am 16. November bringt Ai Weiwei, 60, seinen ersten Film in deutsche Kinos.

Planen Sie Vorführungen für Politiker?
Ja, wir werden den Film im Kongress in Washing­ton zeigen, und wir laden in allen Staaten und Regionen, in denen wir ihn aufführen, Politiker ein. Wir wollen versuchen, sie zu fragen: Gibt es da eine Verantwortlichkeit für öffentlich Bedienstete, sich der Situa­tion bewusst zu werden und das Problem zu lösen? Auch den Krieg zu beenden, die Hungersnot zu ändern, den Klima­wandel zu stoppen? Wir benötigen die Poli­tiker, aber diese brauchen Individuen, die ihnen einen Schubs geben.

Der Film zeigt weder militärische Gewalt, noch Verletzungen oder Leichen. Warum?
Weil wir täglich so viel davon in den Nachrichten sehen, die Fluchtgründe als ­regionale Konflikte schildern. Aber es geht ­darum, das Problem von regionalen Konflikten zu entkoppeln und als globales anzuerkennen. Es ist kein Flüchtlingsproblem, sondern ein menschliches.

Hatten Sie Vorbilder, wie solch ein Film gemacht werden sollte oder nicht?
Wir hatten kein Beispiel. Ich habe mit meinem Iphone gefilmt, als ich den ersten Geflüchteten traf. Später haben wir gemerkt, wir brauchten verschiedene Teams, die zur selben Zeit verschiedene Orte besuchten – manche davon gefährlich, manche ergaben sich plötzlich. Und wir mussten uns auf eine Bildsprache einigen, um zu wissen, was wir filmen wollten. Wir wollten eine eher distanzierte, ruhigere Sicht auf die Dinge.

Die Bilder Ihres Films lassen an Sebastião Salgados epische Fotoserie „Migrants“ von 1999 denken. Seitdem scheint sich nicht viel geändert zu haben.
Es ist sogar schlimmer geworden. Die ­Bevölkerung ist gewachsen, die Waffen sind grausamer geworden und die politische Lage ist sehr durchwachsen. Und verschiedenste Menschen haben ein Interesse daran.

Was gelingt im Film besser als in Fotos, Installationen und Objekten, mit denen Sie als Bildender Künstler sonst arbeiten?
Ein Film ist eine Sequenz von Bildern, eines nach dem anderen. Da muss der ­Zuschauer mitdenken, um ein Konzept oder eine neue Idee zu rekonstruieren. Das ist anders als bei einer Installation, die eine Art Statement ­abgibt. Man kann sie sich anschauen oder eben nicht, und oft wirkt die Museums­umgebung wie eine Zeremonie. Filme sind viel unterhaltender und verlangen vom ­Zuschauer sitzen zu bleiben.

Ihr Team hat Drohnen eingesetzt. Gab es Situationen, in denen Sie das nicht durften?
Wir waren fast nie dazu befugt. Dafür ­waren Verhandlungen oder Regelverletzungen ­nötig. Wir haben viele Drohnen verloren, ­einige wurden abgeschossen. Manchmal haben wir uns in Helikoptern angenähert. Wir brauchten oft ein Bild von der Situa­tion vor Ort. Denn wenn wir kein Bild haben, können die realen Bedingungen nie wirklich in den Kopf der Zuschauer gelangen.

Mit den Drohnen nimmt der Film die Perspektive von Militärs ein, aus der Vogelperspektive. Das ist normalerweise …
… keine menschliche Perspektive. Es könnte die Perspektive eines Militärgottes sein. Falls wir an diesen Gott glauben.

Hatten die Zeltbewohner keine Angst vor den Drohnen?
Kleine Kinder haben die Kameras, das Team und die Drohnen besonders geliebt. Und die meisten Geflüchteten mochten sie, weil ­ihnen sonst keiner Aufmerksamkeit schenkt. Sie fühlten sich nicht ­angegriffen, nur in einem Fall: In Berlin-Tempelhof ­ließen wir die Drohnen über die Innen­räume fliegen, und die waren oben ­offen. Wir mussten also in jedem einzelnen Fall vorsichtig sein. Denn wir wollten keine ­individuellen Rechte und keine Privat­sphäre verletzen.

Kinder und Jugendliche spielen eine wichtige Rolle in Ihrem Film. Warum?
Es ist eine Herausforderung, in ihre Augen zu sehen. Normalerweise sehen wir in Kindern unsere Zukunft. Wir können also ­sehen, wie unsere Zukunft vernachlässigt und verraten wird. Von 65 Millionen Flüchtenden sind mindestens ein Viertel Kinder. Sie kennen keine Schulbildung und medizinische Versorgung, aber alle Arten von Vernachlässigung. Und auch Missbrauch.

Als Sie selbst Kind waren, lebten Sie mit Ihren Eltern in der Verbannung.
Ich bin ständig dankbar, dass wir das Dorf verlassen haben, in dem ich 20 Jahre lang aufgewachsen bin. All meine Klassenkameraden sind entweder gestorben oder blieben ohne Wissen über die Welt jenseits unseres Dorfs. Auch ich hätte so enden können. Ich dachte, das ist eine Verschwendung.

Sie konnten Ihren Sohn gemeinsam mit Ihrer Partnerin nach Berlin bringen. Inwieweit ist der Film Ausdruck von Dankbarkeit oder der Versuch, etwas zurückzugeben?
Ich bin sehr dankbar, dass ich die Chance zu fliehen hatte. Aber das ist ein Einzelfall und in China nicht sehr üblich. Zwölf meiner Anwälte sind immer noch in Haft, weitere Bürgerrechtsanwälte dürfen das Land nicht verlassen – genauso wie ich jahrelang. In vielen anderen Ländern herrschen aber schlimmere Zustände, in Gaza haben die Leute gar keine Chance zu gehen. Und jetzt in Myanmar: Da wurden Menschen verbrannt. Solche schmerzlichen Erfahrungen können jedem widerfahren. Menschen sind nicht gleich geschaffen, aber vor ­Tragödien sind sie alle gleich.

Im Film fragen Sie eine Frau nach ihrer Lage. Sie weint und muss sich übergeben. Sie bringen ihr einen Eimer. Wie haben Sie diese Situation erlebt?
Das war eine ganz gewöhnliche Situation. Diese Menschen sind krank, ihr Körper funktioniert nicht gut, nicht nur wegen ­der schwierigen Lage, in der sie ohnehin stecken, sondern auch wegen der Behandlung durch andere Menschen. Ihr Glaube an ein Land, in dem Demokratie und Freiheit herrscht, wird komplett zerstört. Sie kommen ja nur, weil sie an diese Werte glauben. Sobald sie nicht wie Menschen behandelt werden, werden sie psychisch krank.

Wie sind Sie damit umgegangen?
Ich kann damit nicht umgehen. Ich bin ein Teil davon. Wenn sie verletzt werden, dann werde auch ich verletzt. Deswegen machen wir uns auch die Mühe mit dem Film.

In der Dokumentation der Deutschen Welle, die Sie begleitet hat, fragen Sie: „Was ist aus der Menschheit geworden?“ Haben Sie jetzt eine Antwort darauf?
Es gibt nur zwei Trends. Den einen setzen die Menschen, die verzweifelt nach ­Würde suchen, nach Identität, Essen, Bildung, Sicher­heit, einem Zuhause. Die anderen nehmen brutal jede Chance wahr und genießen ihre Privilegien. Wir müssen uns für eine Seite entscheiden. Du kannst nicht ­sagen, dass dir dies egal ist oder das. Das ist unmöglich.


Die Filmkritik

Human Flow

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