Interview

Aki Kaurismäki

»Wo ich lebe, ist immer ein Schatten«
Aki Kaurismäki über Liebe, Hass und seinen neuen Film „Le Havre“

Der Begriff „maulfaul“ ist für einen Mann wie Aki Kaurismäki, 54, eine sanfte Untertreibung. Dennoch haben die zitty-Redakteurinnen Lydia Brakebusch und Franziska Klün versucht, dem trinkfesten Kettenraucher aus Finnland zum Start seines Films „Le Havre“ einige Weisheiten zu entlocken. Man erlebt: einen melancholischen, herzlichen Mann, der viel übers Leben nachgedacht hat.

Herr Kaurismäki, wir möchten über Liebe sprechen. Das ist ein guter Start.
Sind Sie ein Romantiker?
Ich bin der Allerromantischste.

Der romantischste aller Filmemacher oder aller Menschen an sich?
Aller Menschen.

Ihre Filme sind große Liebesfilme.
Das hoffe ich. Liebe ist die Antwort auf die Tristesse des Lebens.

Glauben Sie an die große Liebe?
(Er zeigt auf zwei Ringe, die über seine Armbanduhr gezogen sind – einer silbern, einer golden.) 25 Jahre. Ein Ring steht für die ersten 25, der andere für die nächsten 25. Also: Ja, ich glaube daran.

Sie sagten mal, Ihre Frau zu treffen, war Liebe auf den ersten Blick. Daran glauben Sie auch?
Ich weiß nicht, wie meine Frau das sieht. Ich tue es.

Im Vergleich zu den Männern wirken die Frauen in Ihren Filmen sehr stark. Sie organisieren alles, geben den Männern Geld und schicken Sie auf ein Glas Wein aus dem Haus.
So läuft das doch. Das sollten Sie doch wissen.

Nun ja. Manche Frauen in Ihren Filmen schlagen ihre Männer sogar.
Irgendjemand muss die finnischen Ehemänner ja schlagen – und sie eine Lektion lehren.

Ist das nötig?
Ja. Weil sie so verdammt dämlich sind. Jeder einzelne.

Sie selbst eingeschlossen?
Vor allem ich.

Schlägt Ihre Frau Sie auch?
Nein. Sie liebt mich stattdessen. Das ist noch schlimmer.

Kommen wir von der Liebe zum Hass.
Ich empfinde keinen Hass. Wenn Sie Hass wollen, müssen Sie jemand anderen herbestellen.

Nicht einmal gegenüber Hollywood?
Hollywood ist ein Witz. Nicht hassenswert.

Sie haben mal gesagt, Bruce Willis sei hässlich und ein schlechter Schauspieler. Ist jeder Hollywood-Star ein schlechter Schauspieler?
Wenn ich Bruce Willis erwähnt habe, bedeutet das, dass er der einzige ist, den ich mag. Ich würde etwa niemals Richard Gere erwähnen. Der ist noch nicht mal ein Schauspieler.

2006 lehnten Sie eine Oscar-Nominierung für „Lichter der Vorstadt“ ab. Sie sagten, wären die Demokraten an der Regierung gewesen, hätten Sie die Nominierung vielleicht angenommen.
Ich lehnte es ab, weil George Bush unter falschem Vorwand in den Irak einmarschiert war. Also legte ich meinen persönlichen kulturellen Boykott auf das Land.

Angenommen, „Le Havre“ wird nominiert – nehmen Sie die Nominierung dieses Mal an?
Ich weiß nicht. Ich interessiere mich einen Scheiß dafür. Aber der damalige Grund ist weg. Obama hat die Truppen rausgeholt.

Was war der letzte gute Film, den Sie gesehen haben?
„Sunrise“ von Murnau. Den habe ich ungefähr 67.000 Mal gesehen.

Warum lieben Sie ihn so?
Er ist tief.

Sie sagten mal, es gäbe nur fünf gute Filme, die seit 1962 in Hollywood entstanden sind. Welche meinen Sie?
„Verdammt sind sie alle“ mit Frank Sinatra und Dean Martin. „Der Tod kennt keine Wiederkehr“ von Robert Altman. (Pause) Wie können Sie mir so eine Frage stellen? Wie soll ich mich bloß erinnern, welche ich meinte? Ich war mal ein Filmfreak, aber das ist lange her.

In Ihrem neuen Film „Le Havre“ wird einem afrikanischen Jungen bei der Flucht geholfen. Haben Sie neben den Milieustudien jetzt globale Themen wie die Flüchtlingspolitik für Ihre Filme entdeckt?
Die Welt funktioniert nach der Praxis, große Probleme hinter kleinen zu verstecken. Das ist typisch.

Was war die Intention, die Geschichte dieses Jungen zu erzählen?
Ich wollte nur eine Geschichte erzählen.

Sie wollten nicht den Umgang mit Flüchtlingen kritisieren?
Ein bisschen. Denn europäische Staaten gehen nicht fair mit diesen Menschen um. Aber die Europäische Union an sich ist nicht fair. Sie ist eine Maschine.

Was läuft falsch?
Dasselbe wie immer: Habgier. Habgier macht alles kaputt.

Hatten Sie das Thema lange im Kopf?
Ja. Ich war immer eine Art politischer Regisseur. Ich werde den Hass gegen Menschen, die andere leiden lassen, nicht los. Aber ich bin schlecht, deshalb ist es kompliziert, Filme über solche Themen zu machen.

Sie brauchen immer nur einen Take pro Szene. Ein Perfektionist sind Sie wohl nicht?
Der eine Take, den ich mache, ist immer perfekt. Einen zweiten könnte ich mir auch nicht leisten.

Sie sagen auch, Ihre Filme dürfen nie länger als 90 Minuten sein. Kein Film sollte länger als 90 Minuten sein.
Warum?
Das ist das Limit eines Films. 90 Minuten. Danach wird es langweilig.

„Der Mann ohne Vergangenheit“ dauert 97 Minuten.
Nein. Immer 90 Minuten.

Ihre Crew ist wie eine Familie. Sie besetzen sogar Nachkommen von Hunden, mit denen Sie gearbeitet haben. Ist das nicht etwas übertrieben?
Es ist mein Hund, also muss ich ihn nicht bezahlen.

Haben Sie Angst vor der Arbeit mit Fremden?
Natürlich habe ich Angst. Es entsetzt mich. Mein ganzes Leben lang habe ich Angst, Fehler zu machen.

Sie sagen, die Finnen ziehen das TV-Programm Ihren Filmen vor. Was stimmt mit den Finnen nicht?
Das ist deren Entscheidung. Daran ist nichts Falsches. Es sind eben schlechte Filme.

Das ist also nicht der Grund, warum Sie die Hälfte des Jahres in Portugal verbringen?
Nein, die Menschen sind frei. Wenn sie ins Kino gehen wollen, gehen sie ins Kino. Wenn nicht, dann nicht. Das ist alles. Und ich weiß sehr gut, dass meine Filme nicht die besten der Welt sind. Nicht mal annähernd.

Was stimmt denn nicht mit Ihren Filmen?
Da ist kein „Sex, Drugs and Rock’n’Roll“ drin. Da ist fast nichts drin.

Sie sagten mal, je pessimistischer Sie sich fühlen, desto optimistischer werden Ihre Filme. „Le Havre“ ist sehr optimistisch. Müssen wir uns Sorgen machen?
Ich denke, die Welt ist mehr oder weniger verloren.

Die ganze Welt oder Ihre persönliche?
Eine persönliche Welt hatte ich nie. Ich mag Menschen und Tiere. Deswegen ist es sehr traurig für mich, zu sehen, dass alles zerstört ist.

Warum ist es heute mehr zerstört als vor ein paar Jahren?
Es geht abwärts mit dieser Welt. Sie ist verloren. Sie ist Geschichte. Sie sollten das sehen, nicht ich. Diese Welt ist hauptsächlich Ihr Problem, nicht meines.

Was sollen wir tun?
Nicht immer nur konsumieren. Und vielleicht Ihre Tür öffnen – für Ihre Nachbarn.

Ist das in einer Großstadt schwerer als auf dem Land?
Das ist es, was ich mit meinen doofen Filmen versuche, zu verhandeln: All diese Fragen sind so groß und kompliziert. Ich weiß keine Antworten, auf keine dieser Fragen. Und Sie haben auch keine, Sie sind jünger, ich hatte Zeit zu lernen. Tun Sie einfach Ihr Bestes. Das ist die einzige Antwort, die ich habe.

Sie haben mal angedeutet, „Le Havre“ wird Ihr letzter Film. Ist das so?
Nein, es wird eine Trilogie der Hafenstädte.

Sie werden sich also nicht mit ihrer Frau in der portugiesischen Sonne zur Ruhe setzen.
Ich hasse Sonne.

Warum dann Portugal?
Wo ich lebe, gibt es keine Sonne. Wo ich lebe, ist immer ein Schatten.

Worauf sind Sie stolz?
(Lange Pause) Interessante Frage. (Pause) Nichts. Mehr oder weniger. Nun, ich war immer ehrlich. Im Guten wie im Schlechten. Was immer das heißt.

Was bedeutet Ihnen Erfolg?
(auf deutsch) Nix.

Sie haben mal in einem zitty-Interview vor fünf Jahren gesagt, Sie hassen jede Minute am Filmemachen. Haben Sie Ihre Meinung geändert?
Oh ja. Jetzt hasse ich jede Sekunde.