Euch das Ufer, uns die Spree

Al Bundy und der Hedonist

Rudi Stohr fährt und feiert auf Al Bundy

Al BundyFoto: Lena Ganssmann
Al Bundy
Foto: Lena Ganssmann

„Wollt ihr mal fetten Sound hören?“, fragt Rudi Stohr. Ohne eine Antwort abzuwarten, klettert er in sein Boot und dreht die Boxen auf. Ragga dröhnt übers Ufer am Kanaldreieck in Kreuzberg. Dann löst Stohr, 59, die Leinen von Al Bundy, 44, klettert auf eine Art Barhocker, schmeißt den Motor an und tuckert los. Beim Ausparken lenkt er lässig mit einer Hand.

Seit 45 Jahren lebt Stohr in Kreuzberg, seit zehn Jahren hat er das Boot. Stohrs Kopf ist kahl rasiert, seine Unterarme sind stämmig, die Hautfarbe: braun gebrannt bis wettergegerbt, die ­schmale Brille sitzt tief auf der Nase. Links und rechts von ihm zieht das dichtbewachsene Ufer des Kanals vorbei. Stohr nippt an seinem Apfelwein-Saftmix und sagt: „Berlin vom Wasser ist ein Postkartenidyll.“ Nach einer halben Stunde wendet Stohr das Boot und fährt zurück. Einmal täglich dreht er die Runde, von 13 bis 14 Uhr, weil das Wasser- und Schifffahrtsamt für diese Zeit die Liegeplätze am Kanaldreieck zur Parkverbotszone gemacht hat. Die Dauerparker rund um Stohr sind bei den Ämtern nicht sehr beliebt, sie feiern zu viel.

Stohr ist süchtig geworden nach dem Gefühl von Freiheit und Abenteuer

Rudi Stohr auf seinem Boot Al BundyFoto: Lena Ganssmann
Rudi Stohr auf seinem Boot Al Bundy
Foto: Lena Ganssmann

Gelegentlich macht Stohr Ausflüge in die Rummelsburger Bucht, zur Insel der Jugend oder nach Köpenick. Wenn ihm heiß ist, geht er baden. Ob Spree oder Kanal, ist ihm gleich. Die übrige Zeit sitzt er viel in der Sonne oder besorgt Bier und Würste für die Clique von Bootsbesitzern, die am Ufer campiert. „Eigentlich ist hier jeden Abend Party“, sagt er.

Stohr hat eine Wohnung in der Reichenberger Straße, gleich ums Eck, aber im Sommer schläft er auf dem Boot. Er ist süchtig geworden, nach dem Gefühl von Freiheit und Abenteuer, nach der Ruhe, die ihm das Leben auf dem Wasser gibt. Abends dichtet er Al Bundys Ruderhaus mit Planen ab und klettert in seine Schlafhöhle unter Deck. „Die Karre“, wie Stohr sein Gefährt nennt, mag ein alter Herr sein und mehrfach fast gesunken, aber Stohr muss auf nichts verzichten. Al Bundy hat einen Fernseher, einen Laptop, Internet und ein Soundsystem; den Strom liefern Solarkollektoren auf dem Dach. Und falls Stohr und seiner Partycrew eine Behörde blöd kommt, hat er immer einen Ordner mit Gesetzen dabei. „Da kann man das gleich mal ausdiskutieren“, sagt Stohr und grinst. Martin Schwarzbeck

Stohr will ein größeres Boot und Al Bundy verkaufen. 2.000 Euro VB. Anfragen an [email protected]