Berlin

All Walls Must Fall – Das Spiel zur Mauer

Vor 28 Jahren fiel sie, genauso lange stand sie auch. Ein Berliner Computerspiel ­nähert sich dem Mauerfall nun auf ganz eigene Weise: Es ist das Jahr 2089 und es droht die nukleare Katastrophe. Ist das wirklich so unrealistisch?

Wie würde unsere Welt heute wohl aussehen, wenn die Mauer im Jahr 1989 nicht gefallen wäre und der Kalte Krieg zwischen Ost und West nie geendet hätte? Dieser Frage geht das unabhängige Berliner Entwicklerstudio inbetweengames mit seinem Strategiespiel „All Walls Must Fall“ im stylisch-­futuristischen Noir-Look auf den Grund. Als mysteriösen Agenten lässt es uns in das Berliner Nachtleben des Jahres 2089 eintauchen. Mittels taktischem Geschick gilt es hier, in den Clubs der Hauptstadt zu düsterem Techno die Verantwortlichen hinter einer drohenden nuklearen Katastrophe ausfindig zu machen – und diese am besten auch gleich noch zu verhindern.

Berlin 2089: ein finstere Dystopie, begleitet von düsteren Techno-Bässe. Und der Spieler soll trotzdem einen kühlen Kopf bewahren
Foto: inbetweengames

Kennengelernt haben sich Isaac Ash­down, Rafal Fedro und Jan David Hassel von inbetweensgames beim Berlin Video­spielentwickler Yager. Dort erschien im Jahr 2012 das Anti-Kriegsspiel „Spec Ops: The Line“, dessen Verkaufszahlen trotz des Lobs seitens der Kritiker hinter den Erwartungen zurückblieben. Als Yager später zudem die Entwicklung des Nachfolgers zu dem Action-Spiel „Dead Island“ entzogen wurde, fragten sich die drei, wie es für sie weitergehen könnte: „Erst waren wir ein wenig ratlos“, erinnert sich Jan David Hassel, der bei „All Walls Must Fall“ für das Game Design zuständig ist, „doch dann probierten wir es einfach als Indie-Entwickler, statt uns erneut von einem großen Publisher abhängig zu machen.“

Seitdem arbeiten inbetweengames an ihrer ganz eigenen Vision eines dystopischen Spionage-Thrillers im Berlin der Zukunft. Diese verwirklichen sie als Teil des Games-Kollektivs Saftladen in Kreuzberg, wo zahlreiche weitere Indie-Entwickler an Spieleideen fernab der Portfolios und Marketingkonzepte großer Publisher arbeiten.

Zwar verfügt das kleine Studio weder über das Budget noch die personellen Kapazitäten großer Entwickler, muss sich dadurch aber auch nicht an deren Spielregeln halten. „Wir haben unsere Arbeit von Anfang an in unserem Blog festgehalten“, sagt Hassel zur neuen Situation, „das war vorher aus rechtlichen Gründen nicht möglich. Das direkte Feedback ist uns dabei genauso wichtig wie den Spielern, die unser Crowdfunding supportet oder All Walls Must Fall bereits vorab gekauft haben.“

Foto: inbetweengames

Zu dem Erfolg der Kickstarter-Kampagne von „All Wall Must Fall“, die den Entwicklern Anfang des Jahres zusätzlich zu der Förderung durch das Medienboard Berlin-Brandenburg knapp 36.000 Euro einbrachte, dürfte neben dem faszinierendem Setting auch der gelungene Mix bekannter Spielekonzepte gesorgt haben. Denn auf der einen Seite erinnert „All Walls Must Fall“ an den Klassiker „X-COM“, lässt dank seiner Zeitreise-Möglichkeiten aber zugleich auch an den Indie-Erfolg „Braid“ denken. Läuft eine Aktionen in dem rundenbasierten Spiel einmal schief, kann man seinen Agenten sofort zurückreisen lassen. Besonders gelunge Kampfmanöver werden hingegen noch einmal in Echtzeit auf dem isometrisch dargestellten Einsatzgebiet präsentiert.

Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase, in welcher man als Spieler an die Mechaniken von „All Walls Must Fall“ herangeführt wird, verdichtet sich von Level zu Level die ohnehin von Anfang an packende Atmosphäre des Spiels. Noch einmal gesteigert wird diese von dem futuristischen Sound­design aus der Feder von Almut Schwacke, die dem Team als Audio-Gestalterin und Musikproduzentin zur Seite steht. Zu den treibenden Rhythmen ihrer oft düsteren Techno-Tracks gilt es, durch diplomatisches Geschick und taktisch-kluge Kämpfe die erste und bislang einzige Kampagne zu bestehen. „Man kann sogar jede Mission erfolgreich meistern, ohne auch nur einen einzigen Gegner zu töten“, erklärt Hassel sein Spiel, dessen zeitlicher Umfang zwar bislang überschaubar ausfällt, aber dank diverser Lösungswege einen hohen Wiederspielwert bietet.

Doch nicht nur die genannten Computerspiele oder SciFi-Klassiker wie „Blade Runner“ zählen laut den Entwicklern zu ihren wichtigsten Einflüssen: „Wir wollten ein Spiel in Berlin machen, und Musik sollte eine wichtige Rolle spielen, das passte natürlich wunderbar zusammen“, sagt Hassel. „Auch deshalb, weil Clubs eine spielerische Umgebung bieten und das perfekte Setting von ,All Wall Must Fall’ darstellen.“ Dass sich darin bislang ein ausschließlich halbnacktes, schwules Publikum tummelt, ist allerdings kein Zufall, sondern als ein weiteres politisches Statement der Entwickler zu verstehen.

Und so jagt unser Agent in seinem „Turbo Trabbi“ durch das nächtliche Ostberlin von Club zu Club. Der Plot zwischen den Missionen bleibt derzeit noch wage, lässt aber bereits das große Potential hinter dem Szenario von „All Walls Must Fall“ erahnen. „Für die kommende Zeit haben wir noch Missionen im Westen der Stadt geplant“, erklärt Hassel, „doch momentan liegt unser Fokus auf der Perfektionierung der Spielmechaniken.“ Das Schicksal von Berlin im Jahr 2089 hängt also einzig von unserem Geschick ab. Die Zukunft und weitere Entwicklung von „All Walls Must Fall“ entscheidet sich hingegen dadurch, wie viele Spieler schon heute dazu bereit sind, sich auf diese interaktive Fiktion einzulassen. Soviel sei bereits verraten: Es lohnt sich!

„All Walls Must Fall“ ist über Steam für PC, Mac und Linux im Early Access erhältlich, 14,99 €
www.ks.allwallsmustfall.com
www.inbetweengames.com